Tron: Ares

1982 war ein starkes Science-Fiction-Jahr im Kino. Am erfolgreichsten war natürlich E.T. – Der Außerirdische, es war aber auch das Jahr von Blade Runner, Star Trek II – Der Zorn des Khan, Das Ding aus einer anderen Welt und natürlich Tron. Darüber hinaus gab es auch erfolgreiche Wiederaufführungen von Krieg der Sterne und Alien und die Premieren ihrer Klone Planet des Schreckens sowie Alien – Die Saat des Grauens kehrt zurück, die wohl zurecht in Vergessenheit geraten sind. Streng genommen gehört ja auch Mad Max II zum Genre dazu, denn er spielt immerhin in der Zukunft, während ich mir bei Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe nicht sicher bin.

Ich war damals zu jung, um Tron im Kino sehen zu können (oder die meisten der anderen Filme) und habe ihn erst Jahre später auf Video nachgeholt. Den Neon-Look fand ich cool (hey, es waren schließlich die Achtziger), und die computergenerierten Effekte waren beeindruckend, aber an die Geschichte kann ich mich kaum noch erinnern, außer dass Jeff Bridges irgendwie in einen Computer gesaugt wird und dort ein Wagenrennen gewinnen muss. Also irgendwie Ben Hur im Computerzeitalter. Virtuelle Realität war ein Begriff, der damals gerade erst geprägt worden war, aber viele interessante Möglichkeiten versprach. Heute ist das alles natürlich schon lange ein alter Hut.

Als Franchise hat Tron es immer ein wenig schwer gehabt, lagen doch meist Jahrzehnte der Entwicklungsarbeit zwischen den einzelnen Teilen, und dass es 2012 sogar eine kurzlebige Serie gab, ging völlig an mir vorüber. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch der dritte Teil mehrere Anläufe brauchte, um schließlich das Licht der Leinwand zu erblicken.

Tron: Ares

Der Computerspielkonzern ENCOM wurde vor Jahren von zwei Schwestern übernommen, von denen nur noch Eve (Greta Lee) am Leben ist. Ihr größter Konkurrent ist Dillinger Systems, das nun von Julian Dillinger (Evan Peters) geleitet wird, dem es gelungen ist, computergenerierte Objekte in der realen Welt nachzubauen und sogar Programme als organische, menschliche Wesen zum Leben zu erwecken. Der erste Supersoldat, den er interessierten Militärs präsentiert, ist Ares (Jared Leto), ein Master Control Programm, das mit künstlicher Intelligenz ausgestattet wurde. Das Problem, das sowohl Dillingers als auch ENCOM haben, besteht darin, dass all die künstlich kreierten Objekte nach 29 Minuten in der realen Welt wieder zu Bits zerfallen und sich auflösen. Das ändert sich erst, als es Eve gelingt, in einer geheimen Einrichtung einen alten Code ausfindig zu machen, der noch von Kevin  Flynn (Jeff Bridges) stammt – und den Julian Dillinger unbedingt in die Hände bekommen will, koste es, was es wolle.

Auch wenn man sich noch einigermaßen gut an die ersten beiden Teile des Franchises erinnert, ist es nicht einfach, Zugang zu dieser Welt zu bekommen. Es gibt zu viel zu erklären, was die Drehbuchautoren Jesse Wigutow und David DiGilio wenig elegant mit einer Reihe von Nachrichtenmeldungen gelöst haben, die am Anfang eingeblendet werden. Als Zuschauer wird man mit einer Vielzahl von Informationen bombardiert, die man auch einfacher hätte vermitteln können. Aber warum einfach, wenn es umständlich auch geht?

Es ist nicht leicht, nach dem holperigen Einstieg, das Interesse wachzuhalten, zumal es in der ersten Hälfte auch einige Längen gibt und die Darsteller diese nicht unbedingt wettmachen können. Jared Leto wirkt als Computerprogramm natürlich zwangsläufig ein wenig hölzern, und Greta Lee nimmt man den Computernerd irgendwie nicht ab. Viel schlimmer ist jedoch Evan Peters Operettenbösewicht, dem eigentlich nur noch ein diabolisches Kichern fehlt, um das peinliche Klischee zu vervollständigen. Und Gillian Anderson, die seine schwache, aber moralisch integre Mutter spielt, scheint sich die ganze Zeit zu fragen, wie es sie in diesen B-Film verschlagen konnte. Hoffentlich wurde sie wenigstens gut dafür bezahlt, diese furchtbar platten Dialoge aufzusagen.

Man kann verstehen, dass einige Schauspieler aus den früheren Teilen dankend abgewunken haben sollen, sich erneut in die Welt von Tron zu begeben. Dennoch gibt es einige Referenzen an die früheren Teilen, und mit Jeff Bridges wenigstens ein bekanntes Gesicht. Ob die Fans damit zufrieden sind, ist jedoch fraglich.

Nach einem etwas holperigen und zu sehr in die Länge gezogenen Anfang, nimmt der Film jedoch endlich Fahrt auf, als Greta Lees Figur ins Visier ihres Gegners gerät und vor Ares und seiner Gehilfin Athena (Jodie Turner-Smith) fliehen muss. Hier gelingen Regisseur Joachim Rønning wenigstens einige temporeiche und spannende Szenen, die sogar besser sind als das etwas bemühte Finale.

Es ist schade, dass die Macher so viele Chancen verspielen, denn die Kerngeschichte über ein Programm, das ein Bewusstsein entwickelt und lebendig werden will, ist immer noch interessant, wenn auch nicht wahnsinnig originell. Man hätte daraus eine Geschichte stricken können, die über einen reinen Flucht-und-Verfolgungs-Plot hinausgeht, wenn man sich mehr auf die Figuren und philosophischen Aspekte der Story konzentriert hätte. Humor hätte übrigens auch nicht geschadet, aber Selbstironie war noch nie eine Stärke in diesem Franchise.

Tron: Ares ist eine weitere Fortsetzung, die es nicht gebraucht hätte und die von der wachsenden Einfallslosigkeit Hollywoods kündet, aber der Film ist an sich durchaus okay. Nach einem etwas umständlichen, langsamen ersten Drittel nimmt er an Fahrt auf, besticht mit ordentlicher Action und einem nach wie vor sehenswerten Look, der das alte Design ziemlich gelungen in unsere Zeit überführt. Kein Meisterwerk, aber auch keine Katastrophe. Ein netter Film für einen ruhigen Abend, den man jedoch schnell wieder vergessen haben wird.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.