Anaconda

Schlangen gehören nicht gerade zu meinen Lieblingstieren, ganz im Gegenteil. In den USA und Italien bin ich einigen in freier Wildbahn begegnet und habe immer respektvollen Abstand gehalten, und einer meiner größten Alpträume ist, ein Exemplar plötzlich in der Toilettenschüssel vorzufinden, was in Thailand angeblich recht häufig geschieht. Meine Angst ist natürlich ein wenig irrational, weil ich nicht in Thailand lebe, aber es gab auch schon Zeitungsartikel über schlangenzüchtende Nachbarn, denen ein Tier ausgebüxt ist und sich durch die Wasserrohre in eine andere Wohnung geschlängelt hat. Ich erwähne das nur mal so.

Doch kommen wir endlich zum Film. Da ich weder das Original, das bei uns Anakonda hieß, noch seine beiden Fortsetzungen kenne und auch davon überzeugt bin, nichts verpasst zu haben, wollte ich den Film eigentlich nicht sehen, obwohl die Schlange im Trailer nicht besonders gruselig und das Ganze eine Komödie ist. Doch an Weihnachten wollte das Jungvolk unbedingt noch in die Spätvorstellung dieses Films gehen und hat uns überredet mitzukommen. So wurde dies tatsächlich unser letzter Kinobesuch in 2025.

Anaconda

Doug (Jack Black) ist ein Regisseur, der sich auf Hochzeitsvideos spezialisiert hat, aber immer noch davon träumt, einen großen Film auf die Leinwand zu bringen. Als seine Frau eine Überraschungsparty für ihn organisiert, trifft er seine beiden Kindheitsfreunde Griff (Paul Rudd) und Claire (Thandiwe Newton) wieder, mit denen er früher Kurzfilme gedreht hat. Griff schlägt sich mehr schlecht als recht als Schauspieler durch, während Claire Anwältin geworden ist. Als Griff jedoch erzählt, dass er durch Zufall an die Filmrechte an Anakonda gekommen ist und gerne ein Remake drehen würde, tun sich die drei wieder zusammen.

Anaconda wirkt ein wenig anachronistisch. In erster Linie ist es eine Buddy-Komödie, die allein von der Chemie zwischen Black und Rudd lebt. Thandiwe Newton spielt nur eine Nebenrolle, darf nicht einmal glamourös aussehen und bekommt als einzige des Trios keine vernünftige Vita. Während man viel über Dougs Ambitionen erfährt und Griffs klägliche Versuche, eine Rolle zu ergattern, beobachten darf, taucht Claire einfach auf und läuft so nebenher, bis es am Ende heißt, dass sie und Griff ihre Jugendliebe wieder aufflammen lassen, obwohl man bis zu diesem Punkt zwischen ihnen keine Chemie spürt. Mit Ana (Daniela Melchior) taucht immerhin eine taffe Frauenfigur auf, die zwar moralisch ambivalent ist, dafür aber stets sexy ins Bild gesetzt wird. Ein Gespür für Frauen hat der Film jedenfalls nicht.

Ein Gespür für Timing auch nicht unbedingt. Oder für gute Dialoge. Oder Humor. Während man sich noch fragt, warum die drei ausgerechnet ein Remake von Anakonda drehen und wie sie die Finanzierung dafür stemmen wollen, ist das Trio bereits in Brasilien und legt los. Sicher, sie drehen mit einer kleinen Crew, die nur als den dreien und Kameramann Kenny (Steve Zahn) besteht, setzen auf natürliches Licht und verzichten vermutlich auch weitgehend auf Ton und Nebendarsteller, aber dennoch wirkt das alles ziemlich unrealistisch. Selbst Studentenfilme sind aufwändiger.

Aber okay, der durchschnittliche Zuschauer glaubt vielleicht, dass heutzutage jeder mit einem Smartphone einen Kinofilm in Cinemascope drehen kann, und letzten Endes ist es auch nicht wichtig. Die Story gerät immerhin mit dem zweiten Akt und der Ankunft am Amazonas in sichere Fahrwasser. Man engagiert einen Schlangenexperten, der eine zahme Anakonda mitbringt, die jedoch bald dank Griff einen tragischen Unfall erleidet, und so müssen die drei im Dschungel nach einem Ersatz suchen. Natürlich treffen sie bald darauf auf eine Riesenschlange, die der Zuschauer bereits in der Eröffnungssequenz zu sehen bekommen hat und die so schlecht computernanimiert ist, dass sich selbst der größte Ophidiophobiker nicht vor ihr gruselt. Tatsächlich sieht sie Kaa aus Disneys Das Dschungelbuch ziemlich ähnlich, und die war auch nicht unheimlich. Zumindest für Erwachsene.

Vielleicht sollen die Effekte wirklich so schlecht sein, um das Ganze als Hommage an das Original zu verkaufen, aber es entsteht dadurch leider auch der Look und Eindruck eines unterfinanzierten Films, in den sich einige hochkarätige Schauspieler verirrt haben. Die Fans des alten Films finden das vielleicht witzig, alle anderen eher nicht. Aber auch das Aussehen des Films ist letzten Endes nicht so bedeutsam, so lange die Geschichte gut ist.

Ist sie leider nicht. Sie fängt noch ganz solide an, franst dann aber schnell aus. Während der Kampf gegen die böse Riesenschlange noch ganz ordentlich erzählt wird, spielen plötzlich noch illegale Goldsucher eine Rolle sowie eine rivalisierende Filmcrew, die im Gegensatz zu Griff tatsächlich die Rechte an Anakonda besitzt und ein echtes Remake dreht. Sogar mit Ton und Special Effects. Dadurch werden immerhin einige kleine Seitenhiebe auf Hollywood ermöglicht, die sogar einigermaßen funktionieren. Grundsätzlich solide Einfälle, nur hat Regisseur Tom Gormican, der zusammen mit Kevin Etten das Drehbuch geschrieben hat, nicht viel daraus gemacht. Die Goldsucher werden wie die Filmcrew schnell abgefrühstückt (buchstäblich), ohne dabei für Spannung oder Humor zu sorgen, und auch die angedachten Konflikte unter den Freunden köcheln eher auf leiser Flamme vor sich hin. Alles wirkt gewollt, aber nicht gekonnt.

Immerhin gibt es eine wirklich gute und witzige Szene, die aber nicht ausreicht, um die vielen großen und kleinen Enttäuschungen und vor allem die zahlreichen Längen wettzumachen. Wer nach so viel Langeweile wenigstens auf einen mitreißenden Showdown gehofft hatte, dürfte ebenfalls enttäuscht werden, denn dieser kann trotz einer Menge Pyrotechnik nicht richtig zünden und besticht eher durch sein Tempo als durch Humor und Einfallsreichtum.

Wenn man ins Kino geht und erwartet, einen ziemlich schlechten Film zu sehen, kann man normalerweise nicht enttäuscht werden, doch Anaconda hat es tatsächlich geschafft. Nur wegen der Schauspieler und einer gelungenen Szene bekommt der Film kein Mangelhaft, was er eigentlich verdient hätte.

Note: 4-

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.