Cold Storage

Horrorkomödien scheinen gerade wieder im Trend zu liegen. Diese Woche startet Scream 7 vier Wochen später They Will Kill You und Anfang April Ready or Not 2. Sie alle setzen, genau wie Cold Storage, auf Splattermotive und teilweise grotesken Humor, ein Rezept, das nicht neu ist und in der Vergangenheit auch nicht immer funktioniert hat. Der Trailer zu Cold Storage ist zwar ganz spaßig, aber der imdB-Wert liegt weit unterhalb meiner Untergrenze, so dass ich gezögert habe, ins Kino zu gehen. Womit ich wohl nicht der einzige bin, wenn man sich die aktuellen Zahlen anschaut. Doch Mark G. wollte ihn unbedingt sehen, und da der Film mit hundert Minuten angenehm kurz ist, habe ich mich überreden lassen.

Cold Storage

Dr. Hero Martins (Sosie Bacon) wird nach Australien gerufen, um einen Tank der abgestürzten Skylab-Raumstation zu untersuchen, der in Zusammenhang mit rätselhaften Todesfällen stehen soll. Vor Ort erhält sie Hilfe von Robert Quinn (Liam Neeson) und Trini Romano (Lesley Manville), die für die US-Regierung arbeiten und Dr. Martins erklären, dass an Bord der Raumstation wissenschaftliche Experimente mit einem aggressiven Pilz stattgefunden haben. Dieser scheint nun mutiert zu sein und sich äußert tödlich für jeden zu erweisen, der mit ihm in Berührung kommt. Proben dieses Pilzes werden eingesammelt und in einer Lagereinheit der Regierung in Kansas deponiert. Als achtzehn Jahre später ein Alarm in der Anlage losgeht, wurde diese jedoch schon lange privatisiert, und die beiden Angestellten der Nachtschicht, Teacake (Joe Keery) und Naomi (Georgina Campbell), stehen plötzlich Herausforderungen gegenüber, die weit jenseits ihrer Gehaltsklasse liegen.

Zu Beginn des Films wird der Zuschauer gewarnt, dass die Geschichte wahr sei, gemeint ist damit vermutlich das, was über die Aggressivität von Pilzen gesagt wird, weniger das, was mit den mutierten Exemplaren aus dem Weltraum zu tun hat. Hoffen wir zumindest, aber man kann ja nie wissen. Wer The Last of Us gesehen hat, weiß, was unberechenbare Pilze alles anstellen können.

Tatsächlich wirkt Cold Storage wie ein Abklatsch der Serie bzw. des zugrundeliegenden Videospiels, dabei ist die Vorlage ein Roman des Drehbuchautors David Koepp, der 2019 erschienen ist. Streng genommen fällt der Film in die Kategorie Öko-Horror, obwohl hier durch die Skylab-Vorgeschichte auch ein bisschen Science-Fiction mit ins Spiel kommt, aber in erster Linie ist der Film eine klassische Erzählung über die mörderische Macht der Natur, der die Menschen gerne mal ins Handwerk pfuschen. In diesem Fall liegt das Verschulden der Menschen darin, diesen äußert aggressiven Pilz nicht vollständig vernichtet, sondern für etwaige Forschungszwecke eingelagert – und dann vergessen zu haben. Was man, wenn man die Dämlichkeit von Behörden berücksichtigt, sofort glauben kann.

Nach der recht spannenden Vorgeschichte, die für angenehmen Grusel sorgt, schaltet Regisseur Jonny Campbell erst einmal in den Leerlauf. Wir lernen zunächst in aller Ruhe unsere eigentlichen Helden Teacake, der eine Bewährungsstrafe verbüßt und auf den mies bezahlten Job in der Lagereinheit angewiesen ist, und seine neue Kollegin Naomi kennen. Naomi ist eine alleinerziehende Mutter, die ziemlich clever ist, aber ihr Leben dennoch nicht so recht auf die Reihe bekommt. Warum, erfährt man nicht, aber es könnte mit ihrem Ex zu tun haben, der kein Musterexemplar des männlichen Geschlechts ist und im Verlauf der Geschichte einen denkwürdigen Auftritt hinlegt.

Bis dahin dauert es aber. Eine ganze Weile sogar. Die Story kriecht langsamer voran als der Pilz wächst, wird zwar hin und wieder durch ein paar nette Einfälle aufgelockert, braucht aber zu lange, um aus den Startlöchern zu kommen. Natürlich kommen noch weitere Figuren ins Spiel, etwa der kriminelle Vorgesetzte der beiden Helden, der im Lager Diebesgut hortet, oder eine von Vanessa Redgrave gespielte Kundin, die sich ausgerechnet an jenem Abend in ihrer Lagereinheit das Leben nehmen will. Alltagsgeschichten eben. In erster Linie lebt die Story in diesem Abschnitt aber von der tollen Chemie zwischen Keery und Campbell, die sich unterhaltsam zusammen durch die Nacht frotzeln.

In der zweiten, wesentlich flotter erzählten Hälfte der Geschichte geht es vor allem um den Kampf unserer Helden ums Überleben, und der wird ungemein spannend und witzig erzählt. Es gibt einige ziemlich ekelerregende Momente, aber auch genug absurden Humor zum Ausgleich, und Liam Neeson und Leslie Manville haben einen weiteren köstlichen Auftritt als Retter in der Not. Oder Rentner in Not, je nachdem wie man es nimmt.

Cold Storage erfindet das Genre nicht neu, er erzählt nicht einmal eine besonders originelle Story oder überrascht mit unvorhergesehenen Wendungen, aber er ist, bis auf ein paar Längen in der ersten Hälfte, rundum überzeugend und unterhaltsam. Wer ein Faible für diese Art von Horrorfilm hat, kommt hier voll auf seine Kosten.

Noten: 3

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.