Send Help

Als der Trailer zum Film erschien, war ich etwas überrascht, dass Sam Raimi noch lebt. Dass er 2022 Doctor Strange in the Multiverse of Madness inszeniert hat, habe ich dabei vollkommen vergessen, vermutlich weil er nicht besonders gut war. Und wahrscheinlich habe ich ihn mit Wes Craven verwechselt, der vor rund zehn Jahren verstorben ist. Diese Horrorfilmregisseure sind aber auch alle gleich.

Ein bisschen unfair ist es schon von mir, ihn als Horrorfilmregisseur zu bezeichnen, umfasst sein Werk doch auch bekannte Thriller wie Ein einfacher Plan oder die Spider-Man-Trilogie mit Tobey Maguire, aber in erster Linie denke ich bei ihm an die Tanz der Teufel-Filme oder Drag Me to Hell. Jedenfalls ist es schön, dass der Mann noch lebt und weiter Filme macht.

Send Help

Linda Liddle (Rachel McAdams) ist eine kluge, fleißige und engagierte Mitarbeiterin, aber auch etwas zu aufdringlich und zu sehr bemüht, sich mit anderen Menschen gut zu stellen, weshalb sie bei allen wenig beliebt ist. Ihr direkter Vorgesetzter nutzt sie nur aus, um das Lob für ihre Arbeit einzuheimsen, und als der Erbe der Firma, Bradley Preston (Dylan O’Brien), den Chefsessel neu besetzt, will er Linda möglichst bald entlassen oder in eine andere Filiale versetzen, obwohl sein Vater ihr eine Beförderung versprochen hatte. Als Linda sich deshalb beschwert, will Bradley ihr noch eine Chance geben und nimmt sie mit zu einem Meeting in Asien, doch unterwegs stürzt das Flugzeug ab, und die beiden landen auf einer einsamen Insel. Da Linda ein Faible für Survival-Reality-Serien hat und sich schon immer bei einer bewerben wollte, schlägt nun ihre große Stunde, doch anstatt dankbar zu sein, lässt Bradley weiterhin den arroganten Chef raushängen. Weshalb Linda beschließt, ihm eine Lektion zu erteilen.

Kennen wir nicht alle eine Linda Liddle? Einen Menschen, der nicht so recht hineinzupassen scheint, der linkisch und unbeholfen wirkt und mit dem man einfach nicht warm wird, der aber so verzweifelt versucht, dazuzugehören, dass man sich für ihn schämt. Im besten Fall hat man Mitleid, miesere Charaktere machen sie zur Zielscheibe. Auch Linda wird von Bradley und seinen Macho-Kumpeln verspottet, was auch daran liegt, dass sie sich unvorteilhaft kleidet und so sexy wirkt wie ein Stützstrumpf. Linda kann noch so brillant, kompetent und erfahren sein, sie wird nie dazugehören, weil die Chefetagen immer noch von Männern dominiert werden, deren Mindset in den Fünfzigerjahren feststeckt.

Bradley und seine Bande verkörpern das Amerika Donald Trumps, in dem der Lautere und Stärkere das Sagen hat und Frauen vor allem schön und gehorsam sein sollen. Entfernt man diese Machtmenschen aber aus dem System, das sie selbst konzipiert haben, und verpflanzt sie in eine gefährliche, unberechenbare Umgebung, in der nur die Talente des Einzelnen zählen, aber nicht sein Status oder die Höhe seines Einkommens, werden sie schnell entzaubert. Auch Bradley muss erkennen, dass er in der Wildnis vollkommen verloren und dem Tode geweiht ist, dass ihm sein Geld und seine große Klappe hier gar nichts nützen, weil er nicht einmal Feuer machen oder einen Fisch fangen kann.

Send Help ist in weiten Teilen eine Robinsonade mit satirischen Zügen, die toxische Männlichkeit, strukturelle Misogynie und soziale Ungerechtigkeit aufs Korn nimmt. Das Ganze erinnert teilweise an das letzte Drittel von Triangle of Sadness, hat aber wie dieser vor allem Ähnlichkeit mit J.M. Barries The Admirable Crichton. Die Autoren Damian Shannon und Mark Swift machen ihre Sache in der ersten Hälfte ziemlich gut, auch wenn sie bisweilen etwas dick auftragen. Doch wenn man sich anschaut, was Trump von sich gibt, sind die Bosheiten der Männer gar nicht mal so schlimm. Über weite Strecken funktioniert der Film sehr gut, Rachel McAdams spielt ihre Rolle hervorragend, und Dylan O’Brien überrascht nach The Change erneut als Gegenspieler mit psychopathischen Tendenzen, dessen emotionale Kälte einen erschaudern lässt.

Sam Raimi kehrt in manchen Szenen unerwartet den Horrorfilmregisseur heraus, etwa beim Flugzeugabsturz oder der Wildschweinjagd, die beide ungemein blutig, teilweise ekelig und überraschend witzig sind. So richtig fügen sich diese Momente zwar nicht in die Tonalität der restlichen Geschichte ein, dafür sind sie zu übertrieben blutig und grotesk, aber sie sind gut gemacht.

Problematisch wird die Story erst in der zweiten Hälfte, wenn Bradley zu früh und vor allem unnötig sein wahres Gesicht zeigt. Hier machen sich Fehler in der Figurenzeichnung bemerkbar, die mit einer präziseren Inszenierung und vor allem einem besseren Skript vermeidbar gewesen wären. Danach hat der Film noch eine gute Szene, bevor er deutlich abflacht und teilweise ins Klischee abdriftet. Noch schlimmer ist, dass man schließlich auch das Interesse an Linda verliert, deren Motivation gegen Ende immer schwammiger wird. Man versteht sie nicht mehr.

Alles in allem ist Send Help ein ordentlicher Survival-Thriller mit satirischen Untertönen und kurzen Ausflügen ins Horrorgenre sowie ein bisweilen kluger Kommentar zu Sexismus und Misogynie à la Trump. Schade ist nur, dass er nach einem tollen Start in der zweiten Hälfte an Tempe und Verve verliert und einen unbefriedigt entlässt.

Note: 3

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.