Blink Twice

Der Trailer zu diesem Film war gar nicht mal schlecht, er sah relativ stylisch aus, hatte mit Channing Tatum einen prominenten, männlichen Hauptdarsteller und etablierte mit dem Verschwinden einer jungen Frau, an die sich niemand im Nachhinein erinnern konnte oder wollte, ein großes Geheimnis. Sicher, Geschichten wie diese hat es schon etliche gegeben, aber alles sah recht solide aus und versprach, ein fesselnder Thriller zu werden, vielleicht auch mit Horrorelementen.

Da wir jedoch häufiger ins Kino gehen als der Durchschnittsdeutsche, haben wir den Trailer, der vom Verleih bei jeder sich bietenden Gelegenheit eingesetzt wurde, ziemlich oft gesehen. Zu oft sogar, denn am Ende hatte ich keine Lust mehr, mir den Film anzuschauen, was in erster Linie allerdings an den schlechten Kritiken lag. Als er nun kürzlich aus dem Programm von Prime Video entfernt werden sollte, dachte ich mir, dass es vielleicht Zeit wird, mal einen Blick auf den Film zu werfen.

Blink Twice

Als Frida (Naomi Ackie) den Milliardär Slater King (Channing Tatum) in einem Fernsehinterview sieht, in dem er sich für den von ihm begangenen Machtmissbrauch entschuldigt und von seinem neuen Lebenswandel erzählt, erinnert sie sich daran, dass sie ihn vor einem Jahr auf einer Gala kennengelernt hat, auf der sie als Kellnerin gearbeitet hat. Zusammen mit ihrer besten Freundin Jess (Alia Shawkat) wird sie kurz darauf erneut für Slaters Gala engagiert und sieht ihre Chance gekommen: Die beiden jungen Frauen tauschen ihre Kellnerinnenkluft gegen Abendkleider und schleichen sich auf die Party. Prompt wird King auf Frida aufmerksam – und lädt sie und ihre Freundin zu einem Wochenendtrip auf seine Privatinsel ein.

Wie oft haben uns unsere Mütter eingeschärft: Steig nicht zu Fremden ins Auto! Vermutlich haben auch Frida und Jess diesen Satz das eine oder andere Mal zu hören bekommen, nur scheinen diese wohlgemeinten Ratschläge in ihren Augen wohl nicht für Prominente zu gelten. Wen man so oft in der Klatschpresse gesehen hat, dass man seine Hobbies, Lieblingsessen und seinen Beziehungsstatus kennt, kann ja kein Fremder sein, oder? Außerdem ist da noch die Verlockung von Reichtum und Luxus – wer würde nicht begeistert zusagen, wenn er die Einladung zu einem Flug im Privatjet und einem Wochenende auf einer Privatinsel erhält?

Insofern hat der Beginn des Films durchaus märchenhafte Züge: Zwei arme Kellnerinnen werden von einem schwerreichen Prinzen über ihren Stand erhoben. Nur haben es die beiden darauf abgesehen, seine Aufmerksamkeit zu erregen, indem sie sich für einen Job verpflichten, diesen bei erster Gelegenheit im Stich lassen (und ihren Kolleginnen und Kollegen damit eine Menge Mehrarbeit aufbrummen), um mit den Reichen Party zu machen. Sympathisch macht das Frida und Jess jedenfalls nicht, bestenfalls einfältig und berechnend, und das erweist sich zu einem Problem.

Tatsächlich gibt es keine einzige, auch nur halbwegs sympathische Figur in der Geschichte. Zu Slaters Entourage gehören noch drei weitere feierwütige junge Frauen, Sarah (Adria Arjona), Camilla (Liz Caribel) und Heather (Trew Mullan) sowie seine Freunde Vic (Christian Slater), Cody (Simon Rex), Tom (Haley Joel Osment) und Lucas (Levon Hawke). Gemeinsam nehmen sie eine Menge Drogen, betrinken sich den ganzen Tag und genießen am Abend die erlesensten Speisen. Life is good.

Doch Frida spürt schon bald, dass etwas faul ist in diesem Paradies, in dem es außerdem vor Schlangen nur so zu wimmeln scheint, die von fleißigen Angestellten regelmäßig eingesammelt werden. Seltsam ist auch, dass alle Frauen die gleichen Kleider tragen sollen und alle Männer ebenfalls mit dem gleichen Outfit ausgestattet werden. Noch auffälliger ist allerdings etwas anderes: das Fehlen von Sex. Frida bandelt zwar mit Slater an, sie kommen sich auch nahe, aber man sieht nicht einmal einen Kuss. Auch die anderen Männer und Frauen scheinen sich sehr zurückzuhalten, wenn es um körperliche Annäherung geht. Spätestens hier weiß man, dass etwas nicht stimmt.

Das Drehbuch stammt von Zoë Kravitz, die es zusammen mit E.T. Feigenbaum verfasst hat und hier zum ersten Mal Regie führt. Ihr schwebte wohl ein ambitionierter, womöglich feministischer Thriller über den Missbrauch junger Frauen vor, toxische Männlichkeit und das manipulative Verhalten sogenannter Eliten. Die Epstein-Affäre ist nach wie vor ein großes Thema in den USA, und man wird das Gefühl nicht los, dass Slater King in ihm ein gewisses Vorbild hatte.

Aus diesen Zutaten hätte man durchaus einen interessanten Thriller konstruieren können, doch zum einen wollte Kravitz besonders clever sein, indem sie eine neuartige Droge einführt, die Menschen alles vergessen lässt, und dies zum Anlass für einen Diskurs über die Kraft der Erinnerung und verschüttete Traumata nimmt. Zum anderen hatte sie den Ehrgeiz, ihre Geschichte überaus stylisch und innovativ zu erzählen.

Mit beiden Ansätzen ist sie leider gescheitert. Zwar sieht der Film schick aus und ist bisweilen auch solide inszeniert, ihm fehlt jedoch leider das gewisse Etwas, die eine Spur Raffinesse, die ihn vom Gros ähnlicher Produktionen absetzt. Stattdessen dümpelt die ohnehin arg vorhersehbare Geschichte viel zu lange belanglos vor sich hin, und auch die Auseinandersetzung mit Erinnerungen und Traumata wirkt aufgesetzt und oberflächlich. Vieles wirkt einfach nur gewollt. Es gelingt Kravitz auch nicht, eine spannende oder bedrohliche Atmosphäre zu kreieren. Erst in der zweiten Hälfte ereignet sich das Verschwinden von Fridas Freundin Jess, das bereits im Trailer angekündigt wurde, und dann dauert es noch immer viel zu lange, bevor die Heldin herausgefunden hat, was jeder Zuschauer schon weiß.

Das alles wäre vielleicht noch verzeihlich, wenn es wenigstens ein actionreiches und spannendes Finale geben würde, aber leider zeigen sich hier die meisten inszenatorischen Schwächen. Kravitz schafft es nicht, den Kampfszenen Dynamik und Verve zu verleihen, und den Rest erledigt ein bisweilen etwas unbeholfener Schnitt.

Anders als beim thematisch verwandten und ebenfalls misslungenen Don’t Worry Darling von Olivia Wilde ist es um Blink Twice nicht wirklich schade, ist das Drehbuch nicht sonderlich originell und zudem voller Logikfehler. Schade ist es nur um die Zeit, die man als Zuschauer investiert hat.

Note: 4

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.