Brendan Frasers Wandlung zum oscarprämierten Charakterdarsteller ist umso erstaunlicher, wenn man sich seine vorherige Karriere ansieht. Anfang der Neunzigerjahre debütierte er als tumber Steinzeitmensch im Kino, spielte später in einer ähnlich überdrehten Komödie einen Tarzan-Verschnitt und schaffte es schließlich, als Held in einigen Actionfilmen rund um untote Ägypter zu reüssieren. Danach wurde es lange still um ihn, seine Auftritte in meist schlechten Filmen blieben unbeachtet, und hier und da sah man ihn noch in einer Serie und erinnerte sich wieder an ihn.
Seit The Whale geht es wieder bergauf für ihn, und man lernt einen ganz anderen Brendan Fraser kennen, älter, ruhiger und emotionaler, und plötzlich öffnen sich für ihn neue Türen. Man gönnt es ihm, denn er wirkt stets sympathisch. Vor kurzem ist sein aktueller Film in unseren Kinos gestartet – und leider viel zu schnell wieder daraus verschwunden. Wer noch die Chance hat, ihn irgendwo zu sehen: Nichts wie los und hin!

Rental Family
Phillip (Brendan Fraser) kam vor sieben Jahren für eine alberne Zahnpastareklame nach Japan, spielte ein paar Rollen in Filmen und Serien und schlägt sich seither eher mühsam durch. Nach Amerika will er nicht zurück, denn niemand wartet dort auf ihn, und ihm gefällt Tokyo, obwohl er ständig zu spüren bekommt, dass er die japanische Kultur niemals in Gänze verstehen wird. Durch Zufall lernt er Shinji (Takehiro Hira) kennen, der die Agentur Rental Family betreibt. Diese vermittelt Schauspieler an Klienten, deren Familienmitglieder oder Freunde sie spielen, um ihnen in bestimmten Situationen zu helfen. Zuerst hat Phillip das Gefühl, das sei keine richtige Schauspielerei, sondern Betrug, aber er lernt, dass er damit tatsächlich Menschen helfen kann, mit ihren Emotionen oder ihrer Einsamkeit fertig zu werden – die auch er jeden Tag spürt.
Agenturen wie die im Film beschriebene gibt es tatsächlich in dieser oder ähnlicher Form in Japan, einem Land, das für seine ungewöhnlichen Erfindungen und eigenwilligen Gewohnheiten berühmt ist. So schlittert Phillip ohne es zu wissen, in seinen ersten Auftrag für die Agentur, als diese ihn über seine Schauspielagentin als trauernden Amerikaner bucht – bei der Beerdigung eines Mannes, der gar nicht tot ist. Phillip findet das Ereignis befremdlich, aber der „Verstorbene“ ist glücklich, weil er sich zum ersten Mal im Leben wertgeschätzt und angenommen fühlt. Und genau das will Shinji vermitteln: Emotionen.
Phillip beginnt, für ihn zu arbeiten, und erhält einige Aufträge, von denen ihm besonders zwei bald sehr nahe gehen: Phillip soll den Vater der kleinen Mia (Shannon Mahina Gorman) spielen, damit ihre Mutter (Shino Shinozaki) sie in einer elitären Privatschule unterbringen kann – nur darf Mia nicht wissen, dass er gar nicht ihr Vater ist. Zwischen ihm und dem Kind entsteht schon bald eine immer enger werdende emotionale Verbindung, die Phillip deutlich vor Augen führt, wie einsam er eigentlich ist und was ihm bislang gefehlt hat.
Über Phillip erfährt man jenseits seiner schauspielerischen Tätigkeit nur sehr wenig. Er selbst erklärt einmal, dass er keine Familie mehr hat. Sein Vater hat die Familie verlassen, weshalb er nie ein richtiges Verhältnis zu ihm hatte und nicht einmal zu dessen Beerdigung fahren wollte. Sein Bedürfnis nach körperlicher Nähe stillt Phillip durch regelmäßige Treffen mit einem Callgirl, zu dem er eine freundschaftliche Beziehung hat. Doch für den Zuschauer bleibt Phillip weitgehend ein unbeschriebenes Blatt. Man würde gerne mehr über den sanften Riesen erfahren, doch die Regisseurin Hikari, die zusammen mit Stephen Blahut auch das Drehbuch geschrieben hat, erlaubt ihm nur selten, sich zu öffnen.
Phillips zweiter, größerer Auftrag ist es, einen Journalisten zu spielen, der den berühmten Schauspieler Kikuo Hasegawa (Akira Emoto) interviewt, damit dieser nicht das Gefühl hat, in Vergessenheit geraten zu sein. Zwischen Phillip und dem alten Mann, der allmählich eine Demenz entwickelt, entsteht in der Folge eine echte Freundschaft, die Phillip bald in einen Konflikt mit seinem Auftraggeber führt.
Der Film erinnert an die Arthausdramödien der Neunzigerjahre, insbesondere an die frühen Filme von Ang Lee oder Hal Hartley, und erzählt seine Geschichte in einem ruhigen, unaufgeregten Rhythmus. Die Grundidee ist nicht gerade neu, und auch die einzelnen Episoden sprühen nicht gerade vor Einfallsreichtum oder Überraschungen. Alles ist gefällig, vorhersehbar, aber auf eine wohltuende Art anheimelnd, dass man sich immer wieder mit einem zufriedenen Grinsen auf dem Gesicht ertappt. Angesichts der Fülle schräger, unkonventioneller und oft ermüdender Arthausfilme der letzten Jahre ist dieser kleine, stille und im besten Sinne altmodische Film eine echte Wohltat.
Note: 2-