Eternity

Bis kurz vor seinem Start wusste ich nicht einmal, dass dieser Film existiert und bald in unsere Kinos kommt. Einen Trailer habe ich auch nur online gesehen und fand die Grundidee, dass sich eine Frau im Jenseits zwischen ihrem ersten und zweiten Ehemann entscheiden muss, gar nicht mal schlecht, ich habe mich aber auch gefragt, ob sie über einen ganzen Film trägt. Letzten Endes ist es eine typische romantische Komödie, in der eine Frau zwischen zwei Männern steht, und wie gut sie funktioniert, hängt in erster Linie von den Darstellern und dem Humor ab.

Sowohl Mark G. als auch ich mögen romantische Komödien und bedauern, dass es kaum noch welche gibt, daher waren wir neugierig auf Eternity. Aber als der Film schließlich startete, war die Resonanz so überschaubar, dass wir gezwungen waren, noch am ersten Wochenende ins Kino zu gehen, bevor er wieder abgesetzt wird. Anscheinend erreicht er nicht sein Publikum, obwohl er den meisten gefällt.

Eternity

Larry (Miles Teller) erwacht im Zug auf dem Weg ins Jenseits, nachdem er im hohen Alter auf einer Familienfeier an einer Salzbretzel erstickt ist. Von seiner Jenseits-Koordinatorin Anna (Da’Vine Joy Randolph) erfährt er, dass er sich für einen Ort entscheiden muss, an dem er die Ewigkeit verbringen will, und in einer riesigen Messehalle werden ihm die verschiedenen Optionen präsentiert. In einer Bar lernt er den Barkeeper Luke (Callum Turner) kennen, der seit 67 Jahren auf seine Ehefrau wartet, die bald darauf endlich eintrifft: Es ist jedoch ausgerechnet Joan (Elizabeth Olsen) – Larrys Frau.

Der Film sieht aus, als wäre er nicht besonders teuer gewesen. Vor allem das Jenseits bzw. die Zwischenstation, in der die drei und Tausende anderer warten, bis sie sich entschieden haben, wohin ihre Reise geht, wirkt ziemlich billig und schlecht computeranimiert, was die Macher geschickt genutzt haben, indem sie das Interieur bewusst runtergekommen und wenig stylisch aussehen lassen. Das ist witzig und teilweise gut gelöst, wenn zum Beispiel die Sonnenauf- und -untergänge wie in einer Theaterkulisse auf Leinwänden heruntergelassen werden, ändert aber leider nichts daran, dass alles ziemlich popelig aussieht. Wie die Kulisse einer müden Sitcom aus den Neunzigern.

Vielleicht liegt es aber auch an der beschränkten und ungeheuer deprimierenden Vorstellung des Jenseits, dass sich beim Zuschauen ein merkwürdiges Gefühl der Beklemmung einstellt. Eine Hölle, so wird mehrfach betont, gibt es nicht und damit auch keine moralische Bewertung des vergangenen Lebens. Jeder ist so alt wie zu der Zeit, als man am glücklichsten war, und kann seine Ewigkeit nach den persönlichen Vorlieben wählen: Wenn einer gerne am Strand liegt, kann er dort für immer bleiben, wenn er gerne isst, besteht sein Jenseits aus unendlich vielen Restaurants, und sogar ein ewiges Leben in einer vergangenen Epoche ist möglich (etwa in der Weimarer Republik, aber ohne Nazis). Stellenweise sind das ganz nette und skurrile Einfälle.

Doch bei genauerem Nachdenken schnürt einem diese Vorstellung die Kehle zu: Diese Jenseitsvorstellung hat nämlich nicht nur etwas überaus Hedonistisches, sondern auch etwas zutiefst Egoistisches. So rät auch Anna Larry, bei der Wahl seiner Ewigkeit nur an sich zu denken. Man kann zwar seine Eltern oder Freunde treffen, die bereits verschieden sind, muss dann aber bei ihnen die Ewigkeit verbringen. Im Grunde sagt sie damit, dass jeder allein ist und für sein eigenes Glück verantwortlich. Die Toten landen also an einem Ort, der sich nie verändert, der ihnen jegliche persönliche Weiterentwicklung verweigert und sie von ihren Liebsten fernhält oder einen an sie kettet. Kein Wunder, dass es keine Hölle gibt, denn sie ist überall.

Tatsächlich gibt es aber doch einen Ort, der einer Hölle recht nahe kommt: Die Leere oder das Loch ist der Ort, an den die Seelen verbannt werden, die mit ihrer Entscheidung nicht zufrieden sind und versuchen, aus ihrer Ewigkeit zu entkommen. Sie werden gejagt, gefangen und für alle Zeiten eingesperrt. Das macht zwar wenig Sinn, ist aber zwingend erforderlich, um die Fallhöhe der Helden zu erhöhen.

Als Setting für eine Komödie ist dieser Ort also sehr speziell, in seiner Absurdität durchaus amüsant, aber gleichzeitig auch unendlich deprimierend. Ein Ort, der keinerlei Veränderung zulässt und die Toxizität menschlicher Nähe betont, passt einfach nicht zum Grundgedanken des Genres, jemanden zu finden, durch dessen Liebe man über sich hinauswächst und zu einem besseren und glücklicheren Menschen wird.

So kann sich von Anfang an das Konzept nicht richtig entfalten. Man hat direkt Mitleid mit der armen Joan, die nicht nur gezwungen ist, den Ort ihrer Ewigkeit auszuwählen, sondern auch noch entscheiden muss, mit welchem ihrer Ehemänner sie sie verbringen will. Luke war ihre große Liebe, aber sie hat ein ganzes Leben ohne ihn geführt und weiß nicht, ob sie noch zueinander passen. Larry war zu Beginn nur ein Ersatz für ihre verlorene Liebe, aber mit ihm hat sie Kinder bekommen und sich ein Leben aufgebaut. Man kann dieses Dilemma gut nachvollziehen.

Das Problem ist nur: Man kann es nicht fühlen. Vielleicht ist der Eindruck subjektiv, aber die zwischenmenschliche Chemie funktioniert leider nicht. Weder bei Joan und Luke noch bei Joan und Larry hat man das Gefühl, dass diese Menschen füreinander bestimmt sind. Und damit funktioniert die gesamte RomCom nicht. Man sieht zwar Szenen aus ihrer gemeinsamen Zeit und bekommt eine vage Ahnung davon, was sie verbunden hat, aber im Hier und Jetzt spürt man es nicht. Außerdem agieren beide Männer höchst selbstbezogen und versuchen beide, Joan emotional zu erpressen, was sie nicht sympathisch macht.

Letzten Endes ist die Story ungeheuer vorhersehbar. Im Grunde weiß man bereits nach der Eröffnungssequenz, wie sie sich entwickeln wird – und wird nicht enttäuscht. Hier und da gibt es immerhin ein paar nette Details, einen gelungenen Gag oder eine absurde Wendung, aber in der Summe kann der Film nicht überzeugen. Die Darsteller mühen sich redlich, lassen aber nicht den Funken überspringen, es gibt zwar Humor, aber viel zu wenig und vor allem mit einem schwachen Timing, und auch das Tempo lässt stellenweise sehr zu wünschen übrig. Über allem liegt zudem eine bleierne Schwere wie die Stimmung auf einer Beerdigung, und dem Zuschauer schwant, was hier zu Grabe getragen wird: die klassische RomCom.

Note: 4+

Dieser Eintrag wurde von Pi Jay unter Pi Jays Corner veröffentlicht und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.