Parthenope

Durch die lange Zwangspause hat sich einiges angesammelt, deshalb geht es diese Woche nicht um ein übergeordnetes Thema, sondern um drei Filme, die im vergangenen Jahr in der einen oder anderen Weise wichtig waren. Der erste Film stand auf meiner Heiß-auf-Liste für 2025, allerdings mehr aus Verlegenheit, weil es mir nie gelingt, zehn Titel zu finden, die ich unbedingt und am liebsten eher heute als morgen sehen möchte. Aber Paolo Sorrentino ist einer der besten Regisseure Europas, und selbst wenn seine Geschichten eher unspektakulär sind, überrascht er stets mit interessanten, oft skurrilen Einfällen und besticht durch eine einzigartige Bildsprache.

Dass ich den Film dann doch nicht im Kino gesehen habe, lag an den schlechten Kritiken und meiner Unaufmerksamkeit. Irgendwie habe ich nicht registriert, dass der Film gestartet ist, und dann war er auch ratzfatz wieder verschwunden. Am 19. März startet übrigens bereits sein nächster Film, La Grazia, dessen Story zumindest auf dem Papier besser klingt. Höchste Zeit also, sein letztjähriges Werk zu begutachten. Wer es mir gleichtun will, findet es bei Prime Video.

Parthenope

1950 wird Parthenope (Celeste Dalla Porta) in eine wohlhabende Familie Neapels hineingeboren und entwickelt sich zu einer atemberaubenden Schönheit mit messerscharfem Verstand, großer Schlagfertigkeit und Wissbegier. Nach ihrem Schulabschluss entscheidet sie sich, Anthropologie zu studieren und findet im strengen Professor Devoto Marotta (Silvio Orlando) einen Mentor. Als sie zusammen mit ihrer Jugendliebe Sandrino (Dario Aita) und ihrem Bruder Raimondo (Daniele Rienzo) Urlaub auf Capri macht, entsteht eine fatale Dreiecksbeziehung, die durch den Selbstmord Raimondos ein tragisches Ende findet.

Parthenope ist eine Sirene, die, wenn man den Mythen folgt, vergeblich versucht hat, Odysseus und die Argonauten ins Unglück zu stürzen, weshalb sie sich durch einen Sprung ins Meer das Leben nahm. Ihr Leichnam wurde in der Gegend von Neapel an Land gespült, wo ihr zu Ehren ein Tempel entstand – und eine Stadt mit demselben Namen. Tatsächlich ist diese Ortschaft älter als Neapel – die später als „neue Stadt“ gegründet wurde – und ging irgendwann in der Metropole auf.

Man sollte wohl diese Sage kennen, um einen besseren Zugang zu Sorrentinos Werk zu bekommen, erzählt er doch gerne Geschichten über Neapel, die er mal „die theatralischste aller Städte“ genannt hat. Tatsächlich ist Parthenope auch der poetische Beiname Neapels, und man kann davon ausgehen, dass das Leben der fiktiven Parthenope viel mit der Geschichte dieser Stadt zu tun hat. Wie ihre mystische Namenspatronin ist die Parthenope des Films eine betörend schöne Frau, die großen Einfluss auf die Männer hat, die ihr reihenweise verfallen, deren Liebe sie aber so gut wie nie erhört.

Celeste Dalla Porta gibt hier ihr Kinodebüt und ist die perfekte Besetzung für diese Rolle der geheimnisvollen, brillanten Schönheit, die majestätisch durch jede Szene schreitet als wäre es ein Werbespot für eine Luxusmarke. Alles an diesem Film ist makellos schön, sogar das Elend Neapels, die dunklen Gassen, die bitterarmen, geplagten Gestalten in den winzigen Behausungen, an denen Parthenope in einer späteren Szene einmal vorbeischreitet, als wäre sie ein Engel, der sich auf die Erde verirrt hat.

Wer diese Parthenope aber eigentlich ist, erfährt man nie. Sie scheint schon perfekt geboren worden zu sein, als Teenager gibt sie bereits große Weisheiten von sich, als Studentin beeindruckt sie den grimmigen Professor mit ihrer Scharfsinnigkeit, der in ihr einen verwandten Geist erkennt und ihr großen Respekt zollt. Als Figur ist sie zu perfekt und damit leider ein wenig langweilig, aber wer wünschte sich nicht, so schön, so klug, so begehrt zu sein? Kein Wunder, dass ihr alle verfallen, denen sie begegnet.

Parthenope selbst entwickelt nur einmal eine gewisse Leidenschaft für einen anderen Menschen, den von ihr verehrten Schriftsteller John Cheever (Gary Oldman), den sie auf Capri kennenlernt. Doch dieser ist schwer alkoholkrank, depressiv und schwul und entzieht sich ihr mit den Worten, dass er keine einzige Minute ihrer Jugend verschwenden wolle. Tatsächlich verschwendet Parthenope ihre Jugend selbst und konstatiert später, wenn sie über siebzig ist (und von Stefania Sandrelli gespielt wird), dass sie viel zu schnell vorbei war und sie nicht viel mit ihr anzufangen wusste.

Die Ereignisse jenes Sommers auf Capri sind von zentraler Bedeutung für die Geschichte und ein zumindest ungefähres Verständnis der Figur. Sowohl Sandrino, mit dem sie aufgewachsen ist, als auch Raimondo sind ihrer Schönheit verfallen, was zum Selbstmord ihres Bruders führt (auf die gleiche Weise wie die mythische Parthenope einst ihr Leben beendete). An und für sich eine große Tragödie, die Sorrentino aber in Schönheit erstickt. Seine Figuren schlafwandeln durch die Szenen, man spürt keine Leidenschaft oder andere Emotionen, nur eine gewisse erotische Spannung, die gegen die Ennui der drei jungen Menschen ankämpft. Parthenope scheint mit den beiden Männern zu spielen, sie nimmt nichts ernst, sondern gleitet teilnahmslos durch ihr Leben. Viel später, wenn sie von ihrem Mentor auf den Verlust ihres Bruders angesprochen wird, erklärt sie, dass ihre Eltern ihr die Schuld an seinem Suizid gaben und sie aus ihrem Leben ausgeschlossen haben. Das ist ein starker Konflikt, aus dem man etwas hätte machen können.

Es wirkt allerdings nicht so, als würde sich der Drehbuchautor Sorrentino sonderlich für seine Geschichte, die Figuren und ihre Konflikte oder die Auswirkungen ihrer Handlungen interessieren. Parthenope ist eine Anthropologin, die – gemäß der Definition ihres Professors – das Leben und die Menschen beobachtet. Dabei wahrt sie aber eine gewisse emotionale Distanz, die die Figur in letzter Konsequenz auch vom Zuschauer entfremdet.

Dabei wäre man neugierig gewesen, wie sich Raimondos Selbstmord auf seine Familie und Parthenopes Beziehung zu Sandrino auswirkt, doch Sorrentino springt einfach ein paar Jahre in die Zukunft und lässt seine Hauptfigur andere Geschichten erleben. Dadurch ergibt sich eine episodenhafte Struktur mit kleineren, anekdotischen Momentaufnahmen. Mal versucht Parthenope sich als Schauspielerin und lernt ein paar exzentrische Diven kennen, dann wiederum hat sie eine Affäre mit einem Mafioso, der sie zu einem bizarren Treffen mitnimmt, auf dem die Sprösslinge zweier Mafiafamilien öffentlich Geschlechtsverkehr haben müssen, um die Vereinigung ihrer Clans zu besiegeln. Oder Parthenope gibt sich einem korrupten Kardinal hin, als sie eine Arbeit über Wunder schreibt.

Als Zuschauer ist man von diesen Sequenzen gleichermaßen fasziniert wie gelangweilt. Einerseits versteht es Sorrentino, durch seine brillante Bildsprache eine mystische Atmosphäre zu schaffen und Neapel auf eine Weise zu huldigen, dass man sofort einen Flug dorthin buchen und sich in der Stadt verlieren möchte. Andererseits fragt man sich die ganze Zeit, wohin das führen soll und was er eigentlich erzählen möchte. Parthenope ist ein Flickenteppich an Ideen und Eindrücken, voller überraschender Momente und brillanter Dialoge, die sich aber nie zu einer Geschichte zusammenfügen wollen. Vielmehr ist das Ganze ein philosophischer Diskurs über das Menschsein mit seinen vielen Facetten, in dem zahlreiche Themen – Liebe, Vergänglichkeit, Verlust, Alter, Schönheit und vieles mehr – angeschnitten, aber nie vertieft werden.

Wer betörend schöne Bilder schätzt und Filme mit mystischer Ausstrahlung und bizarren Momenten, wird hier sicherlich einen der schönsten Filme des Jahres entdecken können, wer mehr an spannenden Figuren und klug erzählten Geschichte interessiert ist, wird Parthenope weniger abgewinnen können.

Note: 3

Dieser Eintrag wurde von Pi Jay unter Pi Jays Corner veröffentlicht und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.