Wicked: Teil 2

Fan-Fiction erfreut sich heutzutage immer größerer Beliebtheit und verlässt immer öfter ihr Nischendasein, in das sie aufgrund der Urhebergesetze verbannt ist. Manchmal entsteht aus einem Werk sogar etwas völlig Eigenständiges, so wie Fifty Shades of Grey von E.L. James ursprünglich auf den Figuren von Stephanie Meyers Twilight-Saga basierte. Die Umdeutung und Weiterentwicklung bekannter und beliebter Stoffe passt aber auch gut in unsere Zeit, in der fürs Kino bekanntlich alles wiederverwertet wird, was früher einmal beliebt war.

Bei Wicked ist es jedoch noch ein wenig komplizierter, basieren die beiden Filme auf einem Bühnenmusical, das wiederum die Adaption eines Romans ist, der zur Fan-Fiction gezählt werden kann. Das geht so weit, dass in den Credits zum Film zwar die Drehbuchautoren Winnie Holzman, von der auch das Libretto des Musicals stammt, und Dana Fox sowie der Komponist Stephan Schwartz genannt werden und sogar der Romanautor Gregory Maguire Erwähnung findet, nicht aber der Schöpfer der Originalvorlage L. Frank Baum. Was schlichtweg eine Frechheit ist, denn ohne seinen Einfallsreichtum hätte es nichts davon gegeben, und was hätte es gekostet, wenigstens einmal seinen Namen zu nennen?

Aber zurück zum Film. Mein Fazit zu Teil 1 endete damit, dass „man es nicht erwarten kann, zu sehen, wie ihre (Elphabas) Geschichte weitergeht“, und tatsächlich war ich auch sehr neugierig. Doch dann kamen zum Start von Teil 2 die ersten Kritiken heraus, die eher mäßig waren, dem Publikum schien er auch nicht übermäßig zu gefallen, und irgendwie hatte ich immer weniger Lust, ins Kino zu gehen. Am Ende habe ich mich doch dafür entschieden, denn nur auf der großen Leinwand kann die Story ihre volle Wucht und Farbenpracht entfalten, und so schlecht kann er ja auch nicht sein, oder?

Wicked: Teil 2

Dank der Propaganda von Madame Akaber (Michelle Yeoh) ist Elphaba (Cynthia Eriwo) nun die allseits verhasste böse Hexe des Westens und ständig auf der Flucht vor den Schergen des Zauberers (Jeff Goldblum). Als sie den Bau der gelben Ziegelsteinstraße sabotiert, macht Prinz Fiyero (Jonathan Bailey) mit seinen Sturmwachen Jagd auf sie, steht aber heimlich immer noch auf Elphabas Seite und will verhindern, dass man ihr etwas antut. Gleichzeitig ist er mit Glinda (Ariana Grande-Butera) verlobt, die inzwischen zur Verkörperung des Guten stilisiert wurde. Ihre Versuche, den Zauberer als Scharlatan zu entlarven, schlagen fehl, und Elphaba gelingt es auch nicht, die sprechenden Tiere zu retten oder sie von der Flucht aus Oz abzubringen. Zunehmend isoliert sucht sie ihre Schwester Nessa (Marissa Bode) auf, die inzwischen den Platz des verstorbenen Vaters als Gouverneurin eingenommen hat und ihr Land mit harter Hand regiert. Auf Glindas Hochzeit konfrontiert sie schließlich den Zauberer selbst, der einen letzten Versuch unternimmt, sie auf seine Seite zu ziehen.

Eine Geschichte in zwei Filmen zu erzählen, birgt immer ein dramaturgisches Risiko, weil kein Film mehr eigenständig funktionieren kann. Wir sind es gewohnt, dass eine Story einen Anfang, eine Mitte und ein Ende besitzt und bestimmten dramaturgischen Regeln folgt, teilt man sie jedoch ungefähr in der Mitte, besitzt man jeweils nur die beiden Enden, die für sich nicht mehr richtig funktionieren. In Wicked war das nicht so problematisch, weil Anfänge immer den Vorteil besitzen, dass man neue Figuren und ihre Konflikte kennenlernt, tief in eine unbekannte Welt eintaucht und gespannt ist, wie es weitergeht. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, wusste bekanntlich schon Hermann Hesse.

In Wicked: Teil 2 wird nun erzählt, wie Elphabas Geschichte zu Ende geht, wobei gleichzeitig auch die Story von Der Zauberer von Oz anklingt, die sich bekanntlich nahtlos anschließt bzw. sich leicht überschneidet. Tatsächlich spielen auch Dorothy und ihre Begleiter eine gewisse Rolle, doch die Figuren und ihre Motive werden wie alles andere auch umgedeutet. Vielleicht ist dies einer von vielen Gründen, warum der Film bei einigen Menschen nicht sehr beliebt ist, denn Dorothy, die man nie richtig zu sehen bekommt, erscheint hier als Hexenjägerin, man könnte auch sagen, als Auftragsmörderin, die Jagd auf Elphaba macht. Immerhin sind ihre Schuhe nun wieder silbern, wie sie es in der Romanvorlage sind, worüber sich vermutlich auch aber ein paar Leute aufgeregt haben dürften.

Ein weiterer Grund, warum der Film weniger gut beim Publikum ankommt als sein Vorgänger, dürfte wohl auch an der Erwartungshaltung liegen. Wenn man nur den ersten Film kennt, erwartet man in der Fortsetzung einen spannenden Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Elphaba und dem Zauberer. Doch dies bleibt weitgehend aus. Tatsächlich scheint Elphaba keine Ahnung zu haben, was sie eigentlich tun soll. Sie sabotiert den Bau der Ziegelsteinstraße, mit der der Zauberer die einzelnen Landesteile verbinden will, nur versteht man nicht, warum diese Straße von so großer und symbolischer Bedeutung ist und was Elphaba sich von ihrer Zerstörung verspricht. Will sie einfach nur Sand ins Getriebe streuen oder steckt ein Plan dahinter? Auch ihre Versuche, das Volk mittels in den Himmel geschriebener Botschaften auf ihre Seite zu bringen, werden dank Madame Makabers Zaubertalent ins Gegenteil verkehrt.

Vielleicht hätte es geholfen, wenn es Elphaba gelungen wäre, Mitstreiter zu finden, doch sie bleibt ganz allein. Das passt zu ihrer Außenseiterrolle im ersten Teil und entspricht natürlich der Vorlage, sorgt aber für Probleme. Einzig Fiyero schlägt sich auf ihre Seite, nachdem er die ganze Zeit zuvor Glinda angeschmachtet hat, aber auch diese Entwicklung führt – wie alles andere auch – zu nichts. Im Grunde sieht man Elphaba nur scheitern, nicht einmal die verfolgten sprechenden Tiere wollen mit ihr kämpfen, sondern suchen ihr Heil lieber in der Flucht.

So stolpert Elphaba ziel- und planlos durch eine Geschichte, die immer willkürlicher zu werden scheint. Die nur zum Teil auferzwungene Passivität der Hauptfigur ist dabei ebenso fatal wie die vielen im ersten Film angerissenen Nebenhandlungen, die nur unzureichend weitererzählt werden. Das betrifft Elphabas Schwester Nessa, die man irgendwie zur Hexe des Ostens machen muss, obwohl sie natürlich keine magischen Kräfte hat, aber auch das Schicksal der sprechenden Tiere, das zuvor von großer Bedeutung war und der Grund für Elphabas Auflehnung, wird immer weiter zurückgedrängt. Alles spielt noch irgendwie eine Rolle, alles wird weitererzählt, aber sprunghaft und schlecht vorbereitet.

Im Kern ist die Story eine klassische Dreiecksgeschichte, die von Liebe und Verrat handelt. Als Zuschauer bekommt man aber nie ein Gespür für all diese großen Gefühle, alles wirkt seltsam flach und nur behauptet. Vielleicht liegt es daran, dass all diese Emotionen vor allem auf musikalischer Ebene gespiegelt werden, vielleicht liegt es aber auch an der gedrängten Erzählweise.

Trotz seiner langen Laufzeit von über zwei Stunden und auch einiger gefühlter Längen wirkt der Film insgesamt zu kurz für das, was er eigentlich erzählen will. Was schließlich zu einem missratenen Ende führt, in dem sich die Hauptfigur selbst aus dem Spiel nimmt und die zuvor unbesiegbaren Schurken, die jeden Vorteil auf ihrer Seite haben, sich ohne jede Gegenwehr abräumen lassen. Am Ende bleibt nur Glinda übrig, die wie ein machiavellistisches Mastermind alle Rivalen beseitigt und sich zur Tyrannin von Oz aufschwingt. Natürlich nur, um Gutes zu tun. Man ist versucht, dies als Allegorie auf die augenblickliche politische Situation in den USA zu deuten, was man aber vermutlich besser unterlassen sollte, wenn man bedenkt, dass die Vorlagen gute zwanzig, dreißig bzw. über hundertzwanzig Jahre alt sind.

Wicked: Teil 2 ist eine Enttäuschung in vielerlei Hinsicht, musikalisch (was natürlich Geschmackssache ist), dramaturgisch (was nur zum Teil der Zweiteilung geschuldet ist) und künstlerisch. Aber immerhin ist er hübsch anzuschauen.

Note: 4+

Dieser Eintrag wurde von Pi Jay unter Pi Jays Corner veröffentlicht und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.