Avatar: Fire and Ash

Als wir 2011 an der CinemaCon in Las Vegas teilnahmen, besuchten wir ein Seminar, in dem James Cameron uns und etlichen anderen Teilnehmern die Vorzüge von HFR nahezubringen versucht hat. Im selben Jahr kündigte er auch an, seine beiden Nachfolgefilme von Avatar – Aufbruch nach Pandora, die 2014 und 2015 in die Kinos kommen sollten, mit der erhöhten Bildrate drehen zu wollen. Bekanntlich hat es dann etwas länger gedauert.

Ich war damals kein Freund dieser Technik und war versucht, es Cameron, der direkt vor mir stand, auch zu sagen. Aber wer bin ich schon, einem technischen Visionär sein neues Spielzeug madig zu machen? Damals schrieb ich: „Die Unterschiede zum herkömmlichen Bild sind bemerkenswert, alles ist wesentlich schärfer, und gewisse Bewegungsunschärfen, die bei einem schnellen Schwenk oder einer Kamerafahrt auftreten, verschwinden völlig. Der große Nachteil … ist, dass es nun nicht mehr nach Kino aussieht, sondern nach HD-Fernsehen. Mit anderen Worten: Die Magie ist verschwunden, und das ist sehr, sehr schade. Aber vielleicht wird es in einiger Zeit möglich sein, diese Mängel zu beheben.“

Wir haben uns den dritten Avatar-Film nun in 3D und HFR angesehen, und ich kann aus voller Überzeugung sagen: Nee, auch nach 14 Jahren wurden die Mängel nicht beseitigt. Die Bilder sind zwar gestochen scharf, besitzen aber eine flache Videospieloptik, die vor allem bei Tageslichtaufnahmen billig wirkt. Wir sind beide zum Schluss gekommen, dass HFR und wir ab sofort getrennte Wege gehen werden, aber das ist nur unsere persönliche Meinung. Vielleicht sehen jüngere Zuschauer, die stärker mit der Videospielkultur großgeworden sind, diese Optik ja als Vorteil und nicht als Nachteil.

Doch zurück zum Film. Wie war er denn nun, der dritte und – so wird gemunkelt – letzte von Cameron inszenierte Teil des Franchises?

Avatar: Fire and Ash

Jake (Sam Worthington) und seine Frau Neytiri (Zoe Saldaña) trauern um ihren im Kampf gefallenen Sohn, während sich dessen Bruder Lo’ak (Britain Dalton) die Schuld daran gibt. Weil Spider (Jack Champion) aufgrund der Notwendigkeit, eine Atemmaske tragen zu müssen, einem großen Risiko ausgesetzt ist, beschließt Jake, ihn zu den menschlichen Verbündeten ins Hochland zu bringen. Die Familie schließt sich deshalb einer Gruppe reisender Händler an. Unterwegs werden sie jedoch vom Stamm der Mangkwans angegriffen, der sich aufgrund traumatischer Erlebnisse von Eywa (je nach Sichtweise die Gottheit, das Bewusstsein oder das neuronale Netz des Planeten) abgewandt hat. Als Quaritch (Stephan Lang) entdeckt, dass ihre Anführerin Varang (Oona Chaplin) einen unbändigen Hass auf die anderen Na’vi hat, stattet er sie mit Schusswaffen aus und macht sie zu seiner Verbündeten und Geliebten.

Das Avatar-Franchise war von Anfang ein Space-Western, der sich bei vielen Vorlagen bedient und im Kern die Geschichte der Kolonisierung Amerikas aus der Sichtweise der Ureinwohner nacherzählt. Es gibt edle Wilde, die gegen böse Invasoren kämpfen, einen weißen Retter, der sich auf ihre Seite schlägt und eine beinahe messianische Funktion bekommt, und jede Menge Schlachten auf den Rücken von Tieren. Neu im dritten Teil ist, dass der Oberschurke Quaritch, den bekanntlich nicht einmal der Tod aufhalten konnte, weil seine alten Erinnerungen in einen neuen Körper übertragen wurden, sich nun Verbündete unter den Einheimischen sucht. Teile und herrsche, wussten bereits die Briten beim Aufbau ihres Imperiums.

Ebenfalls ein neuer Einfall ist, dass Spider dank der Hilfe seiner spirituellen Freundin Kiri (Sigourney Weaver) in Eywas Netzwerk integriert wird, was die Gottheit/das Netzwerk ihr allerdings übel nimmt. In der Folge fällt Kiri in Ungnade und verliert den Kontakt zu Eywa. Im Englischen sagt man „fall from grace“ dazu, was passend ist, da Kiri die Tochter bzw. der Klon von der Wissenschaftlerin Grace ist.

Was ist sonst noch neu auf Pandora? Die erschreckende Antwort ist – gar nichts. Natürlich ist der biologisch veränderte Körper von Spider von großem Interesse für die Menschen, die den Mond zu ihrer neuen Heimat machen wollen, aber bislang an der für sie giftigen Atemluft gescheitert sind. Würde es gelingen, den menschlichen Körper an die Umgebung anzupassen, dass keine Atemmasken mehr nötig wären, könnte die Kolonisation im großen Stil beginnen. Was streng genommen aber nur eine konsequente Weiterentwicklung der bisherigen Bemühungen darstellt.

Zentraler Bestandteil der Geschichten in allen drei Filmen ist der verzweifelte Widerstand der Na’vi, die um ihre Existenz und Autonomie fürchten, die Ausbeutung der Ressourcen und die damit einhergehende Zerstörung des Ökosystems, was zu einem Konflikt zwischen Militär und Wissenschaft führt, sowie der spirituelle Kampf um die Seele des Mondes. Daran hat sich nichts geändert. Im zweiten Teil wurden aufgrund des Zeitsprungs von zehn Jahren immerhin neue Figuren eingeführt und die Handlung vom Wald an die Küste und aufs Meer verlagert. Doch der dritte Teil wiederholt im Prinzip nur, was wir schon einmal gesehen haben.

Quaritch will immer noch Jake zur Strecke bringen und seinen Sohn Spider zurückgewinnen, und dank ihm macht der Bösewicht wenigstens ansatzweise eine Entwicklung durch. Was mehr ist, als man über alle anderen Figuren sagen kann. Mit Ausnahme von Neytiri vielleicht, die ihren Frieden mit Spider schließt. Mit Varang kommt nun eine weitere Schurkin hinzu, die gut in das Setting passt und einen apostatischen und destruktiven Charakter besitzt. Sie ist jemand, der die Welt brennen sehen will. Wortwörtlich.

All das fügt sich zu einer durchaus spannenden Geschichte zusammen, die nur leider keinen Funken Originalität besitzt. Man hat stellenweise sogar das Gefühl, den zweiten Teil ein weiteres Mal zu sehen, beispielsweise beim Kampf gegen die Jäger der walähnlichen Tulkune, und auch das Finale weist viele Parallelen zum vorherigen Film auf. Sogar die göttliche Intervention durch die Dea ex Machina ist in jedem Film gleich. Es gibt weder eine signifikante Weiterentwicklung der Figuren noch der Handlung, das Ganze erinnert eher an eine Serie, etwa Tom und Jerry, in der es nur darum geht, dass sich zwei Parteien auf möglichst einfallsreiche Weise bekämpfen, um am Ende wieder dort zu landen, wo sie angefangen haben.

Als Produktion befindet sich Avatar: Fire and Ash erneut auf technisch hohem Niveau und wird allein deshalb wieder sein Publikum finden. Man staunt erneut über die Vielfalt der Welt, ihren Detailreichtum, die Tiefe des World-Buildings und den bunten, fantasievollen Look. Das macht den Film zu einem Vergnügen, das am besten auf der großen Leinwand genossen werden sollte, und am Schluss verdrückt man angesichts des ganzen Kitsches sogar ein sentimentales Tränchen – und ärgert sich gleichzeitig, dass man sich von billigen Emotionen mitreißen lässt. Inhaltlich ist er jedoch nur eine Variation seines Vorgängers, er kreist künstlerisch nur um seinen eigenen Nabel, bringt seine Geschichte nicht voran, hält seine Figuren in einem Limbus der Einfallslosigkeit gefangen und ist in der Summe eine große Enttäuschung.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.