Don Winslow ist mir erstmals vor rund zwanzig Jahren aufgefallen, als Tage der Toten, sein Monumentalkrimi über den Drogenhandel in Mexiko, erschienen ist, ein dokumentarisch anmutender, packender Thriller, der einige Jahre später mit Das Kartell noch eine, leider wesentlich schwächere, Fortsetzung erhielt. 2012 schrieb er am Drehbuch für den Film Savages von Oliver Stone mit, der auf seinem Roman Zeit des Zorns basiert, mir aber nicht wirklich in Erinnerung geblieben ist.
Nun gibt es eine neue Verfilmung von Winslow im Kino, die allerdings auf einer Kurzgeschichte beruht, die Kritiken waren ordentlich, und da wir lange keinen guten Thriller gesehen haben, sind wir schon kurz nach dem Start ins Kino gepilgert.

Crime 101
James (Chris Hemsworth) begeht im Alleingang Raubüberfälle, auf die er sich dank eines Hackers, der ihm Einblick in die Kommunikation seiner Opfer ermöglicht, gut vorbereitet und bei denen nie jemand zu Schaden kommt. Er schlägt blitzschnell zu und verschwindet dann auf den Freeway 101, der von Norden nach Süden durch Los Angeles verläuft. Diese Besonderheit fällt Detective Lubesnick (Mark Ruffalo) auf, der James eine ganze Reihe von Verbrechen zuordnen kann, für die seine Kollegen zum Teil schon andere verhaftet haben. Das ist der Hauptgrund, warum seine Vorgesetzten ihm nicht glauben. Als James bei dem Überfall auf einen Juwelier plötzlich einen Rückzieher macht, setzt sein Hehler und Hintermann Money (Nick Nolte) den übermütigen Ormon (Barry Keoghan) darauf an, der mit großer Brutalität zuschlägt. Das verärgert James und führt zu einem Zerwürfnis mit Money, der nun auch den nächsten Überfall von James sabotieren will.
Ein sehr gutes Buch über Los Angeles ist Strahlend schöner Morgen von James Frey, ein vielfältiges Mosaik aus unzähligen Geschichten, von denen drei im Mittelpunkt stehen, angereichert mit einer unglaublichen Fülle an Informationen und Anekdoten über die Stadt und ihre Geschichte. Über den Freeway 101 schreibt er, er sei „so verdammt cool, dass er fünf Namen hat“, und einer von ihnen diente als Inspiration für den Song Ventura Highway. Die 101 kommt aber auch in vielen anderen Songs vor, in Filmen, Serien und Videospielen, weil sie „am ehesten dem Bild, das der Rest der Welt von dieser Stadt hat“ entspricht.
Bart Layton, der Winslows Geschichte adaptiert und in Szene gesetzt hat, fängt relativ gut dieses Bild ein und zeigt verschiedene Seiten von L.A., die exklusiven Geschäfte, in denen die Reichen und Schönen verkehren, ebenso wie die Obdachlosen, die unter den Autobahnbrücken campieren. Natürlich darf auch der Pazifik nicht fehlen. Es fällt jedoch auf, dass Layton sich immer nur auf bestimmte Details konzentriert, er geht mit der Kamera ziemlich nah ran, zieht aber so gut wie nie zu einer Totalen auf. Dadurch entsteht eine Ästhetik, die eher an Fernsehfilme und Serien erinnert und die die Macht der großen Leinwand nicht ausnutzt. Auch in den Verfolgungsjagden und Kämpfen wird das spürbar, in denen die Kamera dicht am Geschehen ist, man aber keinen Überblick bekommt, und letztendlich überträgt sich das auch auf die Geschichte selbst.
Typisch für Winslows Stil ist eine nüchterne Schilderung von Einzelschicksalen, die sich immer wieder kreuzen und beeinflussen, und Layton überträgt diesen recht gut in Filmsprache. Man erfährt so ein wenig über die Figuren, gerade genug, um sie zu verstehen, aber nicht, um sie wirklich kennenzulernen. Sie bleiben einem emotional immer ein wenig fremd. So kann man James‘ Verhalten nachvollziehen, seinen Wunsch, sich mit genügend Geld Sicherheit zu erkaufen, weil er als Kind in chaotischen Verhältnissen aufgewachsen ist. Hemsworth agiert gut und verleiht seiner Figur eine angeborene Coolness, die jedoch eine tief sitzende Unsicherheit kaschiert.
Während er sich auf den nächsten Coup vorbereitet, lernt er die lebensfrohe Maya (Monica Barbaro) kennen und verliebt sich in sie, und zum ersten Mal taucht so etwas wie ein Lebenssinn für ihn auf. Das ist ganz schön erzählt, wirkt aber auch ein wenig unglaubwürdig, weil schwer vorstellbar ist, dass jemand wie James so komplett isoliert vom Leben sein soll, wie es behauptet wird. Ähnlich ist es mit dem Detective, der vor allem über seine gescheiterte Ehe definiert wird (es ist traurig, dass eine so großartige Schauspielerin wie Jennifer Jason Leigh nur zwei mickerige Szenen bekommen hat) und von dem es heißt, dass er die schlechteste Aufklärungsquote seines Reviers hat – obwohl man ihn als unglaublich scharfsinnigen Ermittler kennenlernt. Passt auch nicht ganz zusammen.
Emotional am nächsten kommt man noch Sharon (Halle Berry), die eine alternde Versicherungsvertreterin spielt, die bei der Beförderung ständig übergangen und nun durch eine jüngere Kollegin ersetzt wird. Ihre Ängste und Sorgen und vor allem ihre Wut sind unmittelbar erfahrbar, weshalb ihre Figur das eigentliche Herz des Films ist. Im Gegensatz dazu bleibt die Wut, die Ormon antreibt, ein Rätsel. Dass man nichts über ihn erfährt, ist das wohl größte Versäumnis des Films.
Die Story selbst ist die eines klassischen Heist-Movies, bei dem mehrere Parteien das gleiche Ziel verfolgen und sich gegenseitig ausschalten wollen. James will seinen Überfall durchziehen, für den er Sharons Hilfe braucht, Orman wird von Money darauf angesetzt, James die Beute wegzuschnappen, und der Detective will endlich den 101-Räuber fassen, um zu beweisen, dass seine Theorie richtig ist. Am Ende bekommt keiner, was er wollte, aber jeder genau das, was er braucht, und das ist schön und solide erzählt.
Crime 101 ist ein ordentlicher Thriller, leider sehr vorhersehbar und mit einigen Längen im Mittelteil, aber durchweg unterhaltsam. Mit etwas mehr Mühe und Geschick und einer besseren Regie, insbesondere in den Actionszenen, hätte daraus aber ein guter Film werden können.
Note: 3