Der Astronaut – Project Hail Mary

Der Titel führte meine Heiß-auf-Liste in diesem Jahr an, und wenn ich ehrlich bin, war es auch der einzige Film, auf den ich mich wirklich gefreut habe. Ich bin vielleicht nicht der größte Science-Fiction-Fan, was jedoch in erster Linie daran liegt, dass es zuletzt in diesem Genre leider wenig Neues und noch weniger Gutes zu sehen gab, aber wenn mir ein Trailer gefällt und die Geschichte einigermaßen Hand und Fuß hat, bin ich definitiv dabei. Beides war in diesem Fall gegeben.

Nun ist es leider so, dass man häufig enttäuscht wird, wenn man mit großen Erwartungen ins Kino geht. Kurz vor dem Start des Films wurde ich zudem von mehreren Leuten, die ihn bereits vorab sehen konnten, aber kein Wort darüber verlieren wollten, angesprochen, und alle meinten: „Na, da bin ich ja mal gespannt, wie du ihn findest.“ Meistens ist das ein schlechtes Zeichen. Sofort habe ich überlegt, ob sie den Film vielleicht nicht mochten, und ihre Meinung für sich behalten haben, um meinen Enthusiasmus nicht zu dämpfen, oder ob die Produktion all der guten Kritiken und des stimmigen Trailers zum Trotz vielleicht doch zahlreiche Längen oder inhaltliche Schwächen aufweist. Kurz: Ich war besorgt.

Zum Filmstart hatten wir in Berlin zu tun, und weil es dort ein schönes, relativ neues Imax-Kino gibt und der Film in Imax gedreht wurde, lag es nahe, ihn dort zu sehen.

Der Astronaut – Project Hail Mary

Nach zehn Jahren im künstlichen Koma erwacht Dr. Ryland Grace (Ryan Gosling) an Bord eines Raumschiffs, viele Lichtjahre von der Erde entfernt in einem fremden Sonnensystem. Die beiden anderen Mitglieder seiner Crew sind tot, und er hat keine Erinnerung an seine Mission. Grace muss sich mühsam in der fremden Umgebung zurechtfinden und versuchen, sich wieder daran zu erinnern, warum er hier ist: Die Sonne ist von einem sich exponentiell vermehrenden Mikroorganismus befallen, der sie innerhalb weniger Jahrzehnte so stark verdunkelt, dass kein Leben mehr auf der Erde möglich ist. Deshalb arbeiten sämtliche Raumfahrtbehörden zusammen, um eine Lösung zu finden. Grace ist promovierter Mikrobiologe, der aufgrund seiner gewagten Theorien in der Wissenschaft nicht ernst genommen wurde und nun als High School-Lehrer arbeitet, aber die Leiterin des Projekts, Eva Stratt (Sandra Hüller), erkennt sein Potential. Nun steht Grace fern der Heimat einem schier unlösbaren Problem gegenüber, bei dem er jedoch unerwartet Hilfe erhält – durch einen Alien, dessen Sonne ebenfalls infiziert ist.

Die Grundidee klingt für den Laien absurd, denn die sonnenfressenden Astrophagen erscheinen einem ziemlich an den Haaren herbeigezogen zu sein, aber da man bereits im Trailer erfahren hat, was sie anstellen, hat man beim Start des Films diese unglaubwürdige Prämisse schon längst gekauft. Ähnlich wie beim Algenbefall der Meere wird unsere Sonne von winzigen Organismen überzogen, die dafür sorgen, dass bei uns irgendwann in naher Zukunft das Licht ausgeht. Wenigstens ist es diesmal nicht unsere Schuld, denn auch andere Sonnensysteme im Universum sind infiziert.

Die Geschichte basiert auf einem Roman von Andy Weir, aus dessen Feder auch die Vorlage des ebenfalls recht unterhaltsamen Der Marsianer stammt, und Drew Goddard hat daraus ein packendes Drehbuch gemacht. Die Story beginnt, wenn Grace bereits vor Ort ist, um den einzigen Stern zu untersuchen, der nicht von dieser galaktischen Infektion betroffen ist, um hier möglicherweise eine Lösung für die Rettung der Erde zu finden. In verschachtelten Rückblenden erfährt man dann, wie es einen einfachen Lehrer so weit ins All verschlagen konnte, was den Vorteil hat, dass man nicht so viel auf einmal erklären muss, der Held nicht über lange Strecken ohne die Möglichkeit, mit anderen zu interagieren, hilflos im All herumdümpelt und sich aufgrund der vielen auftretenden Probleme in beiden Handlungssträngen immer neue Möglichkeiten ergeben. Das macht den Film ausgesprochen abwechslungsreich und sogar immer wieder spannend.

Überhaupt verzeichnet der Film mehr Wendungen als ein alpiner Bergpass, und der Held hat zahllose Widerstände und Hindernisse zu bewältigen. Sogar wenn man glaubt, dass die Story nun endlich an ihrem Ende angelangt ist, wird noch einmal alles über den Haufen geworfen. Dadurch ist Der Astronaut – Project Hail Mary unvorhersehbarer als so manch anderer Film. Was noch mehr überrascht ist allerdings sein Humor. Vor allem in der ersten Hälfte könnte man oft meinen, eine Komödie zu sehen.

Das ist vermutlich auch der Vorliebe der beiden Regisseure Phil Lord und Chris Miller geschuldet, die in der Vergangenheit einige Komödien inszeniert haben. Aber die beiden können auch Science-Fiction und wissen, mit großen, farbenprächtigen Bildern zu imponieren. Ryan Gosling versprüht wieder seinen bekannten Lausbubencharme, überrascht aber auch mit einigen sentimentalen Szenen, und vor allem seine Buddy-Romanze mit dem Alien Rocky (James Ortiz) braucht sich hinter den besten Filmen dieses Genres nicht zu verstecken. Sogar Sandra Hüller als hüftsteife ESA-Leiterin macht eine gute Figur, beweist mit trockenem Humor, dass Deutsche auf ihre Art auch lustig sein können (zumindest so, wie die Amerikaner das verstehen), und legt sogar eine beeindruckende Gesangsleistung aufs Parkett. Der Marsianer wurde seinerzeit ja etwas zu unrecht in der Kategorie Komödie und Musical für verschiedene Golden Globes nominiert, Der Astronaut – Project Hail Mary hätte es definitiv eher verdient.

Ich könnte jetzt noch so einiges über den Film schreiben und ihn dabei in den Himmel loben, denn Der Astronaut – Project Hail Mary ist tatsächlich einer der gelungensten, witzigsten und liebenswertesten Filme der letzte Jahre. Vielleicht sogar der letzten Jahrzehnte. Natürlich könnte man das eine oder andere auch bemängeln, etwa, dass man relativ wenig über Grace erfährt, und auch das Ende ist sicherlich Geschmackssache, doch das alles fällt nicht ins Gewicht. Am besten sollte man sich selbst ein Bild vom Film machen. Also, ab ins Kino!

Note: 1

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.