Mit manchen Filmen verbindet man eine persönliche Geschichte, die fast immer mit den Umständen zu tun hat, unter denen man sie gesehen hat. Clueless (ich spare mir ab jetzt mal den deutschen Untertitel) erinnert mich an meine damalige WG. Als Filmstudent sieht man naturgemäß eine Menge Filme, sowohl im Studium als auch privat, und meine Mitbewohner und ich haben uns immer wieder gemeinsam Filme angeschaut und darüber diskutiert, in der Regel allerdings weniger die Klassiker und Arthausproduktionen, mit denen wir es in Filmgeschichte und -theorie zu tun hatten, sondern eher Mainstreamware. Was soll ich sagen? Auch Nerds sind nur Menschen. Einer dieser Filme war Clueless, den ausgerechnet der Mitbewohner, der sonst eher auf Horror- oder Actionfilme stand, ausgeliehen hatte. In meinen Augen eine ungewöhnliche Wahl – bis ich die Hauptdarstellerin in ihren knappen Kostümchen sah.
Der langen Rede kurzer Sinn: Ich mochte den Film damals nicht. Er war mir zu oberflächlich, zu schrill, und das ständige Geplapper der Protagonistin ging mir auf die Nerven. Außerdem hatte ich Probleme, den schrägen Teenie-Slang in der OV zu verstehen. Jedenfalls habe ich mir den Film nie zu Ende angesehen und auch nie wieder Lust verspürt, das Versäumte nachzuholen. Am Ende war es Mark G., der Teeniefilme liebt, der mich dazu überredet hat, dem Streifen noch einmal eine Chance zu geben.
Clueless – Was sonst?
Die sechzehnjährige Cher (Alicia Silverstone) ist die verwöhnte Tochter eines Staranwalts in Beverly Hills und verbringt die meiste Zeit ihres Tages mit ausgedehnten Shoppingtouren und Cartoonserien. Ihre beste Freundin Dionne (Stacey Dash) ist in einer festen Beziehung mit dem kindischen Murray (Donald Faison), mit dem sie sich ständig streitet, weshalb Cher den Gedanken an eine eigene Beziehung mit Abscheu zurückweist. Dafür mischt sie sich in das Liebesleben ihrer Mitmenschen ein und verkuppelt erfolgreich ihren Lehrer (Wallace Shaw) mit einer Kollegin. Dieser Erfolg beflügelt sie, und zusammen mit Dionne nimmt sie sich der unscheinbaren neuen Schülerin Tai (Brittany Murphy) an, die sie zu einem It-Girl umstylen und mit dem coolen Elton (Jeremy Sisto) verkuppeln will, obwohl Tai eher auf den chaotischen Skateboarder Travis (Breckin Meyer) steht und Elton auf Cher. Das Liebeschaos wird perfekt, als mit dem attraktiven Christian (Justin Walker) jemand auf der Bildfläche erscheint, in den Cher sich verguckt – sehr zum Missfallen ihres Ex-Stiefbruders Josh (Paul Rudd), der den Sommer bei ihnen verbringt.
Für den Film hat Autorin und Regisseurin Amy Heckerling etliche Slangausdrücke erfunden, um die exaltierte, von der Normalität getrennte Welt ihrer Figuren zu unterstreichen, weshalb es zur Vermarktung des Films Booklet-Lexika gab. Wegen dieses sehr speziellen Slangs habe ich mir den Film bei Paramount+ in der synchronisierten Fassung angesehen, was aber ebenfalls eine schlechte Wahl war, denn es gibt fast nichts Peinlicheres als eingedeutschten Slang, bei dem man ebenfalls versucht hat, neue Wortschöpfungen zu kreieren, die schon zum Zeitpunkt ihres Entstehens grottenschlecht waren. Jedes Mal, wenn eine Figur zum Abschied „Ich mach ’nen Schuh“ sagt, zuckt man als Zuschauer unangenehm berührt zusammen. Immerhin haben es einige von Heckerlings Kreation in die reale amerikanische Jugendsprache geschafft, was ihren deutschen Pendants nicht vergönnt war.
Aber auch wenn man gelegentlich Probleme mit einigen Ausdrücken hat, strotzen die Dialoge im Film nur so vor Geist, Witz und Einfallsreichtum. Um alle Nuancen zu verstehen, muss man den Film vielleicht sogar mehr als einmal sehen. Es ist überraschend, wie vielschichtig und intelligent die Story ist, was nicht weiter verwundert, wenn man weiß, dass sie auf dem Jane-Austen-Klassiker Emma beruht.
Tatsächlich entsprechen die meisten Charaktere dem über zweihundert Jahre alten Roman, der behutsam modernisiert und in die schrille Welt von Beverly Hills übertragen wurde. Auf den ersten Blick mag das nicht so recht zusammenpassen, funktioniert dann aber erstaunlich gut. Die britischen Klassenschranken, die in Austens Werk immer eine große Rolle spielen, kommen auch hier vor, wenn auch in etwas subtilerer und abgewandelter Form. So erklärt Elton Cher beispielsweise, dass er nicht mit Tai gehen könne, weil ihre Familie nicht reich genug sei. Nicht die Zugehörigkeit zu einer Klasse oder Religion (Cher und ihre Familie sind jüdisch) sind ausschlaggebend, sondern die Höhe des Bankkontos, was perfekt zum amerikanischen Materialismus passt.
Das macht die an sich vielleicht oberflächlich erscheinende Teenie-Klamotte zu einer beißenden Satire, die mit Genuss die Welt der Reichen in Los Angeles aufs Korn nimmt, aber auch populäre zeitgenössische Werke, die in ihr angesiedelt sind, wie etwa die Kultserie Beverly Hills 90210. Die Verrücktheiten der Wohlhabenden waren schon immer eine Fundgrube für Komödienautoren, und Heckerling lässt auch hier nichts aus: Die Mädchen in der Schule fallen etwa durch ihre diversen Schönheits-OPs auf, zumeist Nasenkorrekturen, man sieht aber gelegentlich auch Verbände an anderen Stellen, und die Jungs, die sich bewusst schäbig kleiden und Macker-Attitüden an den Tag legen, haben sich vorher genaue Gedanken über den sozio-kulturellen Kontext gemacht.
Diese satirischen Überhöhungen und Persiflagen werden aber meistens nur ganz en passent eingesetzt, und auch sonst finden sich eine Menge versteckter oder codierter Hinweise, die für die Detailversessenheit der Regisseurin sprechen, sowie einige nette Running-Gags, die zumeist auch nur am Rande auftauchen. Nicht alle Einfälle funktionieren freilich, manches wirkt bemüht oder konstruiert, aber alles in allem verzeichnet der Film eine Gag-Dichte, die man heute eher selten findet, und viele Dialoge sind nicht nur oberflächlich witzig, sondern doppeldeutig und charakter-entlarvend.
Auch die elaborierte Story, die sich einige Freiheiten bezüglich der Vorlage nimmt, ist ein dicker Pluspunkt. Die jugendlichen Figuren sind zumeist zwar nervig und überdreht, aber man schließt sie mit der Zeit dann doch ins Herz. Cher macht, wie ihre literarische Vorlage, eine Wandlung durch, und auch wenn die Auflösung der diversen Liebesgeschichten alles andere als originell oder überraschend ist, erliegt man als Zuschauer doch dem Charme der Inszenierung.
Alles in allem ist Clueless eine positive Überraschung. Was ich heute an dem Film nicht mag, ist im Grunde dasselbe wie damals, vor allem die nervigen Off-Kommentare der Hauptfigur, der schräge Slang und die Überdrehtheit mancher Figuren sind gewöhnungsbedürftig, aber in der Summe ist das Werk recht gut gealtert und immer noch ein großes Vergnügen mit vielen bekannten Gesichtern.
Note: 2-