Saturday Night Fever

Die Bee Gees galten in den Sechzigerjahren als die Lieblinge der Medien, weil sie brave, wohlerzogene junge Männer waren, die nicht durch Drogen- oder übermäßigen Alkoholkonsum auffielen und nette Musik machten. Manche Kritiker fanden sie aber auch ziemlich kitschig. Wie ihre ein klein wenig erfolgreicheren Konkurrenten, die Beatles, lösten sich auch die Bee Gees am Ende des Jahrzehnts auf, fanden aber später wieder zusammen. Blut ist eben dicker als Wasser, denn die Band besteht im Kern aus drei Brüdern. Nur leider konnten sie nicht mehr an ihre früheren Erfolge anknüpfen, bis sie sich 1975 neu erfanden und dem Disco-Sound verschrieben, der gerade entstanden war. Mit ihren eingängigen Arrangements und dem Falsettgesang schufen sie ihren unverwechselbaren Sound, den man heute noch als typisch Bee Gees kennt. Im Sommer 1978 bestanden die Top Ten der USA zeitweise zur Hälfte aus ihren Songs. Und Schuld daran war der Soundtrack zu diesem Film.

Saturday Night Fever ist als Film ein Phänomen und hatte nicht nur maßgeblichen Einfluss auf die Musik- und Filmgeschichte, sondern auch auf die Pop- und Jugendkultur. Der Disco-Sound entstand zwar bereits um das Jahr 1974 herum, aber die Szene fristete weitgehend ein Nischendasein in den amerikanischen Großstädten, bis ein – wie sich später herausstellte ziemlich zweifelhaft recherchierter – Zeitungsartikel über die Subkultur das Interesse Hollywoods weckte. Saturday Night Fever machte nicht nur John Travolta zum Star, sondern sorgte auch dafür, dass das Disco-Fieber die nächsten Jahre auf der ganzen Welt grassierte. Das alles wäre aber nicht möglich gewesen ohne einen genialen, stilprägenden Soundtrack, der auch heute noch zu den umsatzstärksten aller Zeiten zählt. Man sollte dazu wissen, dass zu diesem Zeitpunkt die Filmmusik über ihre Funktion in der Produktion hinaus keine große Rolle spielte, doch der gigantische Chart-Erfolg dieses Soundtracks sorgte dafür, dass sie nun eigenständig vermarktet wurde, um zusätzliche Einnahmen und eine größere Aufmerksamkeit zu generieren. Der Soundtrack wurde nun Teil des Marketings.

Ich konnte dem Film bislang nicht viel abgewinnen, galt er doch schon zu meiner Jugend als altbacken und Phänomen einer vergangenen Ära, genauso wie der Disco-Sound. Dennoch habe ich einmal versucht, ihn mir anzuschauen – und nach einer halben Stunden wieder ausgeschaltet. Aber wenn ein Film so erfolgreich war, so prägend für eine Zeit und so einflussreich auf die Popkultur, fühlt man sich geradezu verpflichtet, ihm eine zweite Chance zu geben. Paramount+ macht es möglich. Übrigens: Bei uns hieß und heißt der Film Nur Samstag Nacht, aber da ich ihn immer nur unter seinem Originaltitel kannte, bin ich aus Gewohnheit dabei geblieben.

Saturday Night Fever

Tony Mantero (John Travolta) hat vor knapp einem Jahr die High School abgeschlossen und arbeitet als Verkäufer in einem Farbengeschäft. Seine Familie sind Italoamerikaner, der Vater ist seit längerem arbeitslos und verbittert, die Mutter streng katholisch, weshalb ihr ganzer Stolz ihr ältester Sohn Frank (Martin Shakar) ist, der zum Priester geweiht wurde. Tony hingegen lebt nur für die Samstagnächte, in denen er mit seinen Kumpels die Diskothek 2001 Odyssey unsicher macht. Als begnadeter Tänzer ist er der König der Tanzfläche, und die Mädchen erliegen reihenweise seinem Charme. Vor allem Annette (Donna Pescow) ist verrückt nach ihm und würde ihn am liebsten heiraten, aber Tony findet sie zu anstrengend. Die beiden haben in der Vergangenheit schon einmal einen Tanzwettbewerb gewonnen, und Annette möchte mit ihm an einem weiteren teilnehmen. Doch Tony entdeckt in der Disko die tänzerisch überaus begabte Stephanie (Karen Lynn Gorney) und will sie als Partnerin gewinnen. Doch Stephanie hat große Pläne: Sie arbeitet bereits für eine Agentur in Manhattan und will endlich die Enge Brooklyns hinter sich lassen.

Man kann sich denken, wie der Film heute erzählt werden würde: Ein junger Mann mit einigem Talent als Tänzer, aber nichts als Flausen im Kopf, verliebt sich in eine ebenso begabte Frau, die jedoch nichts von ihm wissen will. Die beiden nehmen an einem Wettbewerb teil, kommen sich bei den Proben dafür näher und verlieben sich schließlich ineinander. Dazu kommen die üblichen Probleme in Form von erbitterten Rivalen und vor allem von charakterlichen Defiziten: Tony muss erst erwachsen werden, bevor Stephanie sich in ihn verlieben kann. Angereichert wird das mit schmissiger Musik und hinreißenden Tanzeinlagen.

Saturday Night Fever ist all das und ist es auch wieder nicht. Heute würde Hollywood (oder ein Streamer) daraus einen gelackten, formelhaften Musikfilm machen, aber die Siebzigerjahre und New Hollywood tickten anders. Die Filme waren häufig sozialkritische, psychologische Studien über gesellschaftliche Außenseiter und Underdogs. Auch Tony Montero ist kein strahlender Held, er sieht zwar blendend aus und hat ein gewisses Talent, aber im Grunde ist er ein gewöhnlicher, junger Mann, ein Verkäufer mit geringem Einkommen, der sein ganzes Geld in der Disko verprasst, wo er für eine Nacht in der Woche jemand sein kann, zu dem andere aufschauen. Aber Tony spürt, dass er dabei ist, seinen Zenit zu überschreiten, dass er noch ein paar gute Jahre hat, bevor alles vorbei ist, und das macht ihm Angst. Was kommt danach? Wer will er sein? Die Aussicht, zu heiraten und Kinder zu bekommen und ein trauriges, beengtes Leben wie seine Eltern zu führen, erschreckt ihn. Lieber denkt er gar nicht erst über die Zukunft nach, sondern lebt im Hier und Jetzt. Dass er sich im Verlauf der Geschichte verändert und reifer wird macht Saturday Night Fever zu einem Coming-of-Age-Film.

Mit jemandem wie Tony kann man sich identifizieren, man versteht seine Nöte und Ängste, seine kleinen Hoffnungen, zu denen vor allem die Zuneigung zu Stephanie gehört. Daraus könnte was werden. Für heutige Zuschauer ist Tony allerdings eine Identifikationsfigur mit zahlreichen Schwächen. Seine Überheblichkeit macht ihn etwas unsympathisch, sein machohafter Umgang mit Frauen erst recht.

Saturday Night Fever hat kein Handlungsziel, Tony hat keine Aufgabe, die er erledigen muss, er muss keine wichtigen Entscheidungen treffen, die sein ganzes Leben auf den Kopf stellen. Der Tanzwettbewerb spielt eine gewisse Rolle, zumindest am Anfang der Geschichte, dient aber nur als Aufhänger, um ihn und Stephanie zusammenzubringen. Stephanie ist ebenfalls keine Figur, die man leiden kann. Sie wirkt distanziert und arrogant, und man fragt sich, was Tony über ihr Talent als Tänzerin und ihr gutes Aussehen hinaus an ihr findet. Immerhin ist sie nicht wie Annette, die ganz traditionell einen Mann zum Heiraten sucht, einen Versorger und Vater ihrer Kinder, denn Stephanie hat Ambitionen. Sie will etwas aus sich machen, interessiert sich für Kunst und Musik, für feine Restaurants und die gehobene Lebensweise. Aber sie kann ihre einfache Herkunft nicht verleugnen, schaut gleichzeitig aber verächtlich auf Tony herab, der ganz dazu steht, wer er ist und woher er kommt. Als Paar sind sie nicht überzeugend, und als Zuschauer fiebert man auch nicht mit ihnen mit. Als Liebesfilm funktioniert Saturday Night Fever nicht.

Das will er auch gar nicht oder zumindest nicht im klassischen Sinn. Ebenso will er kein reiner Musikfilm sein, obwohl der Soundtrack eine wichtige Rolle spielt und es viele Tanzszenen gibt, die mitreißend und wunderbar choreografiert sind. Der Tanzwettbewerb rückt in den Hintergrund, er findet zwar statt, aber bleibt nur eine Episode unter vielen, und auch hier legen der Drehbuchautor Norman Wexler und Regisseur John Badham den Fokus auf die Sozialkritik: Denn der Wettbewerb ist manipuliert, Tony und Stephanie gewinnen zwar, aber das bessere Paar geht leer aus, weil es Puerto-Ricaner sind.

Der latente Alltagsrassismus taucht immer wieder auf, meist beiläufig in den Dialogen, wenn von „Kakaobrüdern“ die Rede ist, womit wohl eher Latinos gemeint sind als Afro-Amerikaner, von denen kein einziger zu sehen ist. Brooklyn war damals wohl in erster Linie eine weiße Gemeinde. Tony und seine Freunde liefern sich hin und wieder Kämpfe mit anderen Cliquen, vor allem mit puerto-ricanischen, weshalb sein Aufbegehren bei dem Tanzwettbewerb gegen diese Form der Diskriminierung einen Wendepunkte in seiner Entwicklung darstellt.

Tonys Wandlung vollzieht sich aber langsam und kaum wahrnehmbar, und seine Reise führt ihn zunächst an dunkle Orte, an denen er die Abgründe der Menschen kennenlernt, selbst schlimme Dinge tut und Verluste erleidet. Saturday Night Fever ist kein Wohlfühlfilm mit mitreißender Musik, wie man vielleicht meinen könnte, sondern ein knallhartes Sozialdrama, in dem der Disco-Sound geradezu kontrapunktisch eingesetzt wird. Die Samstagnächte sind eine Zuflucht vor der harten Realität, ein Traum, von dem man weiß, dass er eines Tages endet, ein süßer Rausch der Jugend. Und umso bitterer schmeckt dagegen das reale Leben. Der Film spart nicht viel aus: Frank gibt sein Priesteramt auf, weil er nicht die Träume seiner Eltern leben will, man spürt aber, dass noch mehr dahintersteckt. Es gibt Szenen, in denen Frauen sexuell genötigt und sogar vergewaltigt werden. Tonys bester Freund schwängert eine junge Frau und steckt in einem Dilemma, aus dem ihm niemand heraushelfen kann. Und am Ende kommt es noch zu einem tragischen Todesfall.

Kein Wunder, dass Paramount eine gekürzte, jugendfreie Version auf den Markt brachte, um auch eine jüngere Zielgruppe erreichen zu können. Saturday Night Fever ist eine Chimäre von Film, ein Musikfilm mit beeindruckenden Tanzszenen und stilprägenden Kostümen, ein typischer B-Film über eine Gruppe desillusionierter Heranwachsender mit Auswüchsen von Gewalt und einem Jugendslang, der im Original kaum verständlich und in der Synchronisation ulkig-antiquiert klingt, er ist ein bitteres Sozialdrama, ein Coming-of-Age-Movie und vor allem die Momentaufnahme einer längst vergangenen Zeit und einer Subkultur zu ihrer Blüte. Für heutige Zuschauer ist er vor allem ein Zeitdokument und von filmhistorischen Interesse, ein wenig langatmig, etwas zu oberflächlich in der Ausgestaltung seiner Konflikte, aber immer wieder faszinierend und dank seines beeindruckenden Soundtracks stellenweise richtig mitreißend.

Note: 3

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.