Marty Supreme

Ist Timothée Chalamet womöglich Hollywoods letzter Superstar? Bis in die frühen 2000er Jahre hinein gab es sie noch, die Superstars, die jeden noch so beliebigen oder banalen Stoff in Box-Office-Gold verwandeln konnten. Julia Roberts gehörte zu jenem exklusiven Club, Tom Hanks ebenfalls. Selbst Cast Away wurde dank ihm ein riesiger Hit, obwohl er darin lange Gespräche mit einem Volleyball führt. Nun macht Timothée Chalamet einen Film über Tischtennis, was in etwa so glamourös ist wie Mini-Golf, und die Leute, vor allem die Amerikaner rennen in Scharen rein. Wir werden sehen, ob dies eine Ausnahme ist, ob der Film vielleicht irgendwie einen Nerv getroffen hat, oder ob der Mann ab sofort jeden Film zum Hit machen kann.

Persönlich habe ich mit Tischtennis – und jeder anderen Sportart – nicht viel am Hut. Es ist schwierig, wenn man kein dreidimensionales Sehvermögen hat, eine Ballsportart auszuüben, bei einem ziemlichen kleinen und ungemein schnellen Ball ist es jedoch so gut wie unmöglich, diesen Sport zu meistern. Dennoch haben mir meine ewig optimistischen Eltern eine zusammenklappbare Tischtennisplatte geschenkt, als ich zehn war. Zu Beginn hat es Spaß gemacht, und ich habe mich auch bemüht, besser zu werden, indem ich fleißig geübt habe, und weil ich nicht immer einen Partner zum Spielen hatte, habe ich auch oft allein gespielt, indem ich nur eine Seite heruntergeklappt habe. Eines Tages, als wieder einmal allein geübt habe, bekam ich Besuch von einem Freund, der mitspielen wollte. Ich zog die gesamte Platte ein Stück vor, weil diese zu nahe an einer Mauer stand, um beide Seiten ausklappen zu können, und dabei passierte es: Die Räder verfingen sich an einer Bodenplatte, die Tischtennisplatte kippte um und brach mir den Daumen. Zum Glück nur einen, mit zwei eingegipsten Daumen wäre das Leben in den nächsten Wochen extrem schwierig geworden, aber meine Leidenschaft für Tischtennis kühlte danach schnell ab. Die Sache hatte nur ein Gutes: Ich war wochenlang vom Sport befreit.

Vielleicht war diese schmerzhafte Erfahrung mit ein Grund, warum ich Marty Supreme nicht sehen wollte. Der erste Trailer war noch okay und weckte Erwartungen an ein Cheerie-Movie, aber der zweite wirkte etwas fahrig und suggerierte zudem, dass die Story in eine ganz andere Richtung gehen könnte. Ich war daher ziemlich skeptisch, als ich ins Kino ging.

Marty Supreme

Marty Mauser (Timothée Chalamet) arbeitet als Schuhverkäufer für seinen Onkel, träumt aber von einer großen Karriere als professioneller Tischtennisspieler. Da er sich für die Weltmeisterschaft in London qualifiziert hat, will er dort sein Können unter Beweis stellen, muss aber selbst für die Reisekosten aufkommen. Weil er seine Arbeit schwänzt, ist sein Onkel nicht mehr im Büro, um ihm das noch ausstehende Gehalt auszuzahlen, als er dort endlich auftaucht, und weil er bereits am nächsten Tag aufbrechen will, zwingt er einen Angestellten mit vorgehaltener Waffe, ihm das Geld zu geben. Marty reist nach London, verliert jedoch im Finale gegen den Japaner Koto Endo (Koto Kawaguchi).

Können Filme unter ADHS leiden? Im Falle von Marty Supreme möchte man das glauben, denn der erratische, hyperaktive Erzählstil zwingt dem Zuschauer eine wilde Tour de Force auf, die ihn atemlos von einem Schauplatz zum anderen, von einer Story zur nächsten hetzt, bis man am Ende ermattet im Kinosessel kapituliert. Im Gegensatz zu anderen, temporeichen Filmen, etwa Leoparden küsst man nicht, verfolgt Regisseur Josh Safdie, der mit Ronald Bronstein auch das Drehbuch schrieb, nicht stringent sein Handlungsziel, sondern splittet die Geschichte in etliche, zum Teil wiederkehrende Episoden auf.

Im Grunde könnte Marty Supreme ein klassisches Cheerie-Movie sein über einen sozialen Außenseiter im Amerika der Fünfzigerjahre, der einen großen Traum verfolgt und dafür so einiges riskieren muss. Marty ist nicht nur überaus talentiert, sondern auch sehr charismatisch und eloquent, lauter Eigenschaften, die für ihn sprechen, und es wäre ziemlich leicht, daraus eine mitreißende Geschichte zu stricken.

Doch Marty hat ein reales Vorbild in Marty Reisman, der wegen seines ausfallenden Verhaltens immer wieder vom Sportverband gesperrt wurde. Seine Masche, ahnungslose Amateure in Spielhallen abzuzocken, fand ebenfalls Einzug in den Film, als eine seiner etwas besseren Sequenzen. Warum Safdie seinen Marty aber charakterlich am Original angelegt hat, während er so viele andere Aspekte geändert hat, bleibt rätselhaft. Für den Film war es definitiv eine schlechte Entscheidung.

Marty ist ein Kotzbrocken, wie man ihn schon lange nicht mehr auf der großen Leinwand gesehen hat. Gleich zu Beginn schwängert er seine inzwischen verheiratete Jugendfreundin Rachel (Odessa A’zion), leugnet aber später die Vaterschaft. Er übernimmt für kein Fehlverhalten jemals Verantwortung, windet sich aus jeder Schwierigkeit raus, indem er andere noch tiefer hineinreitet, er stiehlt, erpresst und betrügt, und als er gegen Koto verliert, legt er einen dermaßen ausfallenden Auftritt hin, dass sogar John McEnroe peinlich berührt wäre. Im Grunde ist er ein pathologischer Lügner und großmäuliger Narzisst wie Donald Trump, der vermutlich orange vor Neid ist, weil ihm die Eloquenz und der Charme eines Marty Mausers abgehen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass 150 Minuten Marty Supreme unterhaltsamer sind als eine Rede des Präsidenten. Aber nur knapp.

Man könnte auch sagen, dass der Film ein umgekehrtes Cheerie-Movie ist, bei dem man hofft, dass der Held möglichst spektakulär sein Ziel verfehlt. Man findet in der Geschichte auch Elemente des Schelmenromans, etwa in Martys Bauernschläue und seinem Bestreben, auf der sozialen Leiter nach oben zu klettern, zur Not durch kriminelle Machenschaften. Was ihm dafür jedoch weitgehend fehlt, ist die Gesellschaftskritik sowie das satirische Element, die aber immerhin ansatzweise vorhanden sind. Der amerikanische Traum ist tot, falls er je existiert hat, könnte ein Fazit des Films lauten, die Menschen in den USA sind sich spinnefeind, sie lügen, betrügen und hintergehen einander bei jeder sich bietenden Gelegenheit, um möglichst ohne Anstrengung reich zu werden. Es ist so ziemlich das genaue Gegenteil von dem, was Hollywood uns beispielsweise zu jener Zeit verkauft hat, in der der Film spielt.

Natürlich ist es vollkommen legitim, eine Story über einen narzisstischen Kotzbrocken zu erzählen, der sich mit seiner Überheblichkeit und Arroganz selbst im Weg steht und sich dadurch letzten Endes selbst sein größter Feind ist. Dann bestünde, wie gesagt, das Vergnügen darin, zu beobachten, wie weit er für seine wahnwitzigen Ziele geht und wie spektakulär er scheitert. Richard III. funktioniert so. Aber dafür erzählt Safdie nicht stringent und konsequent genug, dafür verliert er sich zu sehr in unbedeutenden Episoden und schmuggelt am Ende, nachdem man über zwei Stunden lang Marty als notorischen Lügner und Betrüger erlebt hat, noch eine charakterliche Wendung in sein Finale, die viel zu versöhnlich, behauptet und saccharin-süß ist. Möglicherweise soll sie ironisch gemeint sein, vielleicht aber auch nicht. Deshalb kann man durchaus sagen, dass Safdie künstlerisch nicht weit genug gegangen ist, dass er mindestens im Finale, aber eigentlich auch schon lange davor gekniffen hat, Marty zu einer wirklich unvergesslichen, weil unter der charmanten Oberfläche hässlichen und bösartigen Figur zu machen.

Dass der Film dennoch anschaubar ist, liegt vor allen an den guten Darstellern. Neben Gwyneth Paltrow glänzt vor allem Chalamet in seiner Rolle, und da er so sympathisch ist, lässt man seinem Marty auch mehr durchgehen als jedem anderen Schauspieler. Nur die Achtzigerjahre-Musik stört ein bisschen im Fünfzigerjahre-Ambiente.

Note: 4+

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.