Train Dreams

Der 2017 verstorbene Denis Hale Johnson gehörte, zumindest behauptet es Wikipedia, zu den wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautoren. Oute ich mich, wenn ich jetzt sage, dass ich noch nie von dem Mann gehört habe, als Kulturbanause? Vermutlich, aber damit muss ich wohl leben.

Als der Trailer zu dem Film herauskam, gefiel mir die meditative Atmosphäre ziemlich gut, aber da es eine Netflix-Produktion ist, lief er bei uns praktisch nicht im Kino, kann dafür aber inzwischen gestreamt werden. Da er für ein paar Oscars nominiert wurde, ist er vermutlich für ein paar Leute von Interesse, auch wenn er danach in den digitalen Tiefen des Streamingdienstes verschwinden wird.

Train Dreams

Robert Grainier (Joel Edgerton) ist ein Holzfäller, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts zunächst beim Bau der Eisenbahn verdingt, dann für verschiedene Firmen als Saisonarbeiter tätig ist. Während in Europa der Erste Weltkrieg tobt, lernt er Gladys (Felicity Jones) kennen und heiratet sie. Die Jahre vergehen, ihre Tochter wird geboren und wächst heran, doch dann kommen Gladys und das Kind bei einem Waldbrand ums Leben, und für Robert ist danach nichts mehr wie zuvor.

Wie schreibt man über einen Film, der im Grunde keine richtige Geschichte hat? Der die fiktive Lebensgeschichte eines einfachen Mannes erzählt, der kaum aus seiner Heimatregion herausgekommen ist, über den die Stürme der Zeit hinweggefegt sind, ohne sein Dasein vollkommen umzukrempeln? Robert ist ein Mann ohne bemerkenswerte Eigenschaften, eine Figur, die ausgedacht wirkt. Er weiß nicht, wann er geboren wurde, seine Eltern sind eines Tages verschwunden oder gestorben, und er wurde adoptiert. Von wem, erfährt man nicht, nur dass er in Idaho aufgewachsen ist.

Regisseur Clint Bentley, der mit Greg Kwedar auch das Drehbuch schrieb, überspringt Roberts Kindheit und Jugend weitgehend und stellt ihn dem Zuschauer erst richtig vor, als er Gladys kennenlernt. Eine Zeitlang wirkt der Film wie eine zarte Romanze vor farbintensiven Sonnenuntergängen, aber das täuscht. Robert und Gladys heiraten, bauen sich eine kleine Blockhütte an einem Flussufer und bekommen eine Tochter. Jahre vergehen, sie schmieden Pläne für die Zukunft, bis das Schicksal zuschlägt.

Train Dreams entzieht sich jeder Beschreibung. Viele vergleichen ihn mit den Filmen von Terrance Malick, und man kann verstehen, warum. Beide pflegen eine ruhige Bildsprache, erzählen in einem unaufgeregtem Tempo von den einfachen Dingen des Lebens, von einfachen Menschen und ihren Schicksalen. In ihrer Reduziertheit erinnert die Geschichte aber auch an die literarischen Werke von Annie Proulx, die meiste Ähnlichkeit hat sie allerdings mit Bruce Chadwins Auf dem schwarzen Berg, in dem die beiden Protagonisten ebenfalls ein archaisches Leben fernab der Zivilisation führen.

Immerhin sieht Robert ein klein wenig von der Welt, wenn auch nur vom amerikanischen Nordwesten, in dem er als Holzfäller tätig ist. Die Arbeit ist hart, die Männer bilden eine eingeschworene Gemeinschaft, sehen sich aber oft nur eine Saison lang. Nur wenige trifft Robert häufiger, einer davon ist Arn (William H. Macy), der eine philosophische Ader hat und bei einem Arbeitsunfall ums Leben kommt.

Gewalt ist ein wiederkehrendes Motiv. Als Kind wird Robert Zeuge ethnischer Säuberungen, als er sieht, wie chinesische Einwanderer verschleppt werden, beim Bau der Eisenbahn kommt es zu einem Lynchmord an einem weiteren chinesischen Arbeiter, für den Robert sich ein Leben lang schuldig fühlen wird. Die Toten suchen ihn heim in der Einsamkeit, er hört ihre Stimmen im Rauschen der Wälder, im Flüstern des Flusses.

Die Zeiten ändern sich, nur Roberts Leben nicht. Moderne Maschinen tauchen bei seiner Arbeit auf, Straßen werden gebaut, aber er führt sein Leben weiterhin fernab der Menschen in seiner Hütte am Fluss. Er ist aus der Zeit gefallen, wurde von der Welt vergessen. Bentley bemüht dafür eine einfache, wunderschöne Bildsprache (Kamera: Adolpho Veloso), die wie die großartige Musik von Bryce Dessner viel zur Atmosphäre des Films beiträgt, und Joel Edgerton, der immer ein wenig schwerfällig agiert, passt perfekt in diese Rolle. Warum Bentley allerdings dieses seltsame, nahezu quadratische Bildformat gewählt und sich dadurch unnötig beschränkt hat, erschließt sich nicht ganz. Angeblich soll es an alte Fotografien erinnern, aber mindert vielmehr die Kraft der Bilder.
Train Dreams ist ein melancholischer, beiläufiger Film über das Leben und die Wunden, die es uns schlägt. Es geht um Liebe und Verlust und wie Trauer eine ganze Existenz überschatten kann. Alles erscheint wie eine Schicksalsmacht, ob es sich dabei um die Unbarmherzigkeit der Natur handelt oder die der Menschen, spielt dabei keine Rolle. Im Angesicht der Zeit und der Ewigkeit ist alles gleich. Robert ist ein einfacher Mann auf der Suche nach sich selbst, nach einem Sinn in all dem, was er erlebt, und hin und wieder hat er das Gefühl, ihm fast auf der Spur zu sein.

Ein schöner, ruhiger, nachdenklich stimmender, aber nicht immer ganz stimmiger Film, dessen größtes Manko der Off-Kommentar eines Erzählers ist, der meint, uns die Geschichte erklären zu müssen.

Note: 3+

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.