Song Sung Blue

Den Filmtitel konnte ich mir nie merken. Für mich klang er immer wie der Name einer Stripperin in Macao, dabei ist er ein sehr erfolgreicher Popsong von Neil Diamond aus dem Jahr 1972. Tatsächlich bin ich mit dem Oeuvre dieses Sängers nicht vertraut, obwohl er seit sechzig Jahren eine feste Größe des Musikbusiness‘ ist und etliche weltweite Hits hatte. Hätte man mich allerdings nach einem gefragt, hätte ich passen müssen. Immerhin kenne ich jetzt zwei, und einer davon ist Song Sung Blue.

Der Film ist, was man einen Oscar-Contender nennt. Gemeint ist damit nicht nur ein Film, der die offiziellen Anforderungen der Academy für eine Nominierung erfüllt, sondern auch einer, der in erster Linie produziert wurde, um in der Award-Season Preise abzustauben. Was natürlich keiner laut sagen würde, weil schließlich alle nur große Kunst machen. Früher hat es viel mehr Oscar-Bait (wie sie ein wenig despektierlich auch genannt werden) gegeben, aber inzwischen sind einige der Produzenten wie Miramax verschwunden oder spielen keine Rolle mehr, andere haben ihren Output reduziert. Die großen Studios besitzen immer noch ihre auf diese Art von Filmen spezialisierten Produktionsfirmen wie Searchlight, Sony Classics oder Focus Film, haben darüber hinaus aber früher noch eigene Werke ins Rennen geschickt, nach dem Motto: Je mehr Pfeile man im Köcher hat, desto besser. Diese Filme sind nahezu komplett verschwunden, obwohl es natürlich immer noch große Studio-Produktionen gibt, die in diese Kategorie fallen. Oppenheimer zum Beispiel. Aber die Studios haben heute andere Schwerpunkte und Prioritäten, und auch ihre Zahl hat sich in den letzten Jahrzehnten reduziert. Interessanterweise ist Netflix inzwischen ein typischer Produzent von Oscar-Baits und lässt sich das auch einiges kosten.

So war die Award-Season früher immer eine spannende Zeit, weil ab dem Herbst jede Menge Filme in die Kinos kamen, die hochwertig produziert waren, exzellent geschrieben und toll besetzt. Meistens waren sie auch noch richtig gut, vor allem die Studio-Produktionen, die nebenbei auch ein bisschen Geld einspielen sollten und daher stärker auf Mainstream gebürstet waren als die Independent- oder Arthaus-Filme. Mainstream-Arthaus gewissermaßen. Nachdem die Studios dieses Segment praktisch aufgegeben haben, sind nur noch die Independents übrig, die andere Prioritäten verfolgen und viel mehr Wert auf den künstlerischen Aspekt legen. Ich vermisse die Mainstream-Arthaus-Filme, aber dieser Titel hat mich ein wenig an sie erinnert.

Song Sung Blue

Mike Sardina (Hugh Jackman) ist ein alternder Musiker, der nie den großen Durchbruch geschafft hat und neben seiner Tätigkeit als Automechaniker in verschiedenen Bands spielt, um weiterhin seinen Traum zu leben. Die permanente Erfolglosigkeit hat ihn einst in die Alkoholsucht getrieben und seine Ehe zerstört, doch inzwischen ist er seit zwanzig Jahren trocken. Bei einer Show auf einem Jahrmarkt, in der lauter Imitatoren bekannter Musikstars auftreten, lernt er Claire (Kate Hudson), die alleinerziehende Mutter zweier Kinder, kennen, die sich ebenfalls als Sängerin durchschlägt. Zwischen den beiden funkt es sofort, und sie bringt ihn auf die Idee, sich als Neil-Diamond-Interpret zu versuchen. Mike sucht die Hilfe einiger befreundeter Musiker und tritt zusammen mit Claire als „Lightning and Thunder“ auf. Bald sind sie im Raum Milwaukee sehr bekannt und werden sogar als Vorband von Pearl Jam gebucht. Ihr Stern scheint endlich aufzugehen, da schlägt das Schicksal unbarmherzig zu.

Für die Ignoranten unter den Zuschauern, die Song Sung Blue nicht kennen, wird das Lied von Mike gleich zu Beginn vorgestellt. Im Kern geht es darum, dass wir alle eine schwere Zeit durchmachen, in denen wir traurige Lieder singen können, aber dies mit einer heiteren Note tun sollten, damit es uns wieder besser geht. Denn Musik hat eine therapeutische Wirkung und macht unser Leben erträglicher. Oder so ähnlich.

Damit gibt uns Craig Brewer, der Regisseur und Drehbuchautor des Films, gleich eine Gebrauchsanweisung für sein Werk mit, damit auch keiner auf die Idee kommt, etwas anderes in seine Geschichte hineinzulesen. Und damit es auch alle verstanden haben, wird uns die gleiche Botschaft am Ende noch einmal präsentiert. Subtilität ist wie Ironie inzwischen wohl mausetot.

Brewers Film basiert auf einer „wahren Liebesgeschichte“ sowie auf einer Dokumentation aus dem Jahr 2008 über die echten Mike und Claire Sardina und nimmt sich einige Freiheiten. So war Claire zehn bis fünfzehn Jahre jünger, als sie Mike kennengelernt hat, und auch ihre Romanze begann erst später und war wohl keine Liebe auf den ersten Blick. Im Film wird auch nicht ganz klar, wann die Geschichte spielen soll, wobei gegen Ende immerhin einmal das Jahr 1996 genannt wird, wodurch der Eindruck entsteht, dass dem Paar nicht viele gemeinsame Jahre vergönnt waren, während es in Wirklichkeit fast zwei Jahrzehnte waren.

Aber diese künstlerischen Freiheiten fallen nicht so stark ins Gewicht, dass es der Geschichte schaden würde. Das schafft Brewer mit seiner plumpen Regie und seinem unausgegorenen Drehbuch schon selbst, wenn auch in einem erträglichen Maße. Man lernt Mike und Claire als Außenseiter der Musikindustrie kennen, die nie ihr wahres Talent erkannt und gefördert hat, obwohl beide ungemein gut singen können, und auch die beiden Hauptdarsteller überzeugen voll und ganz mit ihren Darbietungen (bei Hugh Jackman wusste man das bereits, aber Kate Hudson ist eine Entdeckung). Die Musik von Neil Diamond ist mitreißend (es war zu befürchten, dass der Ohrwurm Sweet Caroline ein wenig zu oft angespielt werden würde, was zum Glück nicht der Fall war, einen aber nicht davor bewahrt, ihn noch tagelang vor sich hin zu singen) und trägt viel dazu bei, dass Song Sung Blue stellenweise ein richtiger Wohlfühlfilm ist.

Wäre dies ein klassisches Cheerie-Movie, in dem zwei Außenseite ihre späte Chance auf ein wenig Ruhm und Erfolg bekommen, gekoppelt mit einer zuckersüßen Liebesgeschichte, der Film hätte das Zeug zum Crowd-Pleaser gehabt. Aber das Leben meinte es bekanntlich nicht gut mit der Familie Sardina, und so schlägt auch das Schicksal im Film mit aller Härte zu. Mehrmals. Immerhin hält sich Brewer hier weitgehend an die Tatsachen, denn manche Ereignisse hätte man ihm sonst nicht abgenommen. Und um die Tragik ein wenig zu mildern, lässt er sogar an einer Stelle grotesken Humor aufblitzen.

Aber alles in allem kann der Film nicht richtig überzeugen, vor allem auf emotionaler Ebene, weil er zwar Mitleid mit den Figuren erregt, aber nie wirklich ins Herz trifft. Er hat zwar viele wunderbare, mitreißende und fröhliche Momente, aber fast genauso viele voller schwerer Tragik, und weil er auf keinen Schicksalsschlag verzichten möchte, endet er nicht einmal auf einer happy note. Da kann Mike noch so oft Song Sung Blue zum Ende trällern, man verlässt deprimiert das Kino (aber dafür mit einem weiteren Ohrwurm).

Note: 3

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Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.