The Iceman

Bevor ich hoffentlich nächste Woche zu meinem Jahresrückblick komme – leider fehlte mir bislang die Zeit, die erwähnten Filme und potentiellen Top Ten-Kandidaten nachzuholen – will ich wenigstens noch die Kritiken zu den restlichen Filmen des vergangenen Jahres nachreichen. Vielleicht werde ich auch eine Liste mit allen Filmen in meinen Rückblick einarbeiten, inklusiver der Noten, damit jeder sich ein Bild davon machen kann, was für ein strenger Kritiker ich bin…

Den Auftakt macht ein Film, den ich auf der Berlinale im Rahmen eines Verleih-Screenings gesehen habe und der es aufgrund der Besucherreaktionen dann doch nicht auf die große Leinwand geschafft hat. Manchmal hat man als Zuschauer tatsächlich noch Macht…

The Iceman

Richard Kuklinski (Michael Shannon) ist ein Mann ohne jeden Skrupel, der keinerlei Probleme damit hat, einen Mitmenschen ins Jenseits zu befördern. Als der Mafioso Roy Demeo (Ray Liotta) seine Begabung entdeckt, setzt er ihn als Profikiller ein. Von den späten Sechzigern bis in die Achtziger hinein tötet Kuklinski für die Organisation, ohne dass seine Frau (Winona Ryder) eine Ahnung von seinem Tun hat. Weil er zusammen mit einem Kollegen arbeitet und sie ihre Opfer zeitweilig einfrieren, um ihre Spuren besser zu verwischen, bekommt er den Spitznamen Iceman.

Der Film basiert auf einer wahren Geschichte, und Regisseur Ariel Vromen gelingt es vortrefflich, die Zeit- und Lebensumstände seiner Protagonisten einzufangen. Die Beiläufigkeit, mit der gemordet wird, lässt einem auch des Öfteren einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen, und Michael Shannon spielt den Profikiller ebenfalls hervorragend, wie sich überhaupt das gesamte Ensemble sehen lassen kann. Persönlich hat mich das Wiedersehen mit Winona Ryder gefreut, die viel zu selten auf der Leinwand erscheint.

Trotz alledem kommt man den Figuren nicht besonders nahe, es mangelt an Emotionen und demzufolge an Sympathien, so dass mich ihr Schicksal reichlich kalt gelassen hat. Auch die mafiösen Strukturen mit ihrem komplizierten Beziehungsgeflecht bleiben weitgehend undurchschaubar, was es mitunter nicht einfach macht, der Geschichte zu folgen. Es fehlt vor allem an einem spannenden, die Jahrzehnte verbindenden Handlungsstrang, an einem großen Bogen, einer guten Geschichte. Morde allein sind leider nicht spannend, und selbst das Leben eines Profikillers besitzt anscheinend nicht genug Dramatik, um einen dauerhaft bei der Stange zu halten.

Note: 4+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...