Wüstenblume

Kürzlich habe ich gelesen, dass die ARD ihren einstigen Show-Klassiker Einer wird gewinnen neu auflegen wird. Statt Kuhlenkampf (an den die Jüngeren sich vermutlich nicht mehr erinnern werden) moderiert die Allzweckwaffe Jörg Pilawa, und die Bild-Zeitung half ihm, eine Assistentin zu finden. Die Frage ist nur: Wen interessiert’s? Selbst wenn es gelingt, ein Uralt-Format aus den Sechzigern fürs 21. Jahrhundert fit zu machen, die Zeit der großen, die Generationen verbindenden Samstagabendshows ist passé. Sogar Wetten dass…? stirbt gerade einen langsamen, würdelosen Tod auf Raten.

Persönlich bin ich kein Fan von Shows irgendwelcher Art, ich schaue keinen Casting-Quatsch, keine Quizsendung und schon gar nicht diese furchtbaren Retortenshows der ARD, die sich um putzige Tiere oder den menschlichen Verdauungstrakt drehen und in der Regel von Eckart von Hirschhausen moderiert werden. Die letzte gute Show, die ich gelegentlich gesehen habe, war Pssst mit Harald Schmidt, aber das war in den Neunzigern, als Schmidt noch halbwegs witzig und nicht dauerbeleidigt war.

Wenn man sich das TV-Programm am Samstagabend ansieht, könnte man auf die Idee kommen, dass die Sender eingeschnappt sind. Nach dem Motto: Wenn ihr unsere Shows nicht wollt, bekommt ihr eben gar nichts. So laufen als Alternative zu den Volksmusik- und Casting-Shows nur alte Filme oder Häkelkrimis, bei denen man nie erfährt, wer der Mörder ist, weil man vorher eingeschlafen ist.

Immerhin kam vergangenen Samstag ein Film, der noch nicht so oft gezeigt wurde, dass man die Dialoge mitsprechen könnte und den ich noch nicht kannte:

Wüstenblume

Waris Dirie (Liya Kebede) flieht mit 13 Jahren vor der Zwangsheirat mit einem Greis aus dem ländlichen Somalia. Einige Zeit lebt sie bei ihrer Großmutter in der Hauptstadt, bevor sie als Hausmädchen an eine Verwandte vermittelt wird, die mit dem somalischen Botschafter in London verheiratet ist. Einige Jahre lebt sie praktisch abgeschottet von der Welt und muss von früh bis spät arbeiten. Als der Bürgerkrieg ausbricht und das Botschaftspersonal abberufen wird, flieht sie und schlägt sich als Obdachlose durch. Erst in Marilyn (Sally Hawkins) findet sie eine Freundin, die ihr hilft, von der Straße zu kommen. Waris arbeitet in einem Fast Food-Restaurant, als sie von dem Star-Fotograf Terry Donaldson (Timothy Spall) entdeckt wird und eine Karriere als Model macht. Doch die ganze Zeit über quält sie ein düsteres Geheimnis…

Die Geschichte klingt so unglaublich, dass kein Drehbuchautor sie sich ausdenken würde. Aber sie beruht auf der Autobiografie von Waris Dirie, die nicht nur ein erfolgreiches Model war, sondern auch die erste, die sich öffentlich über den barbarischen Brauch der weiblichen Genitalverstümmelung geäußert und das Thema ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gebracht hat.

Der Film hat dieselben Probleme wie jedes Bio-Pic: Er ist thematisch überfrachtet, weil alle Lebensstationen erzählt werden sollen, aber man dadurch letztendlich keiner wirklich dramaturgisch gerecht wird. Vieles wird nur angerissen oder behauptet, eine Liebesgeschichte nicht einmal zu Ende erzählt. Auch die Idee, die Episoden nicht in eine chronologische Reihenfolge zu stellen, sondern immer wieder in die Kindheit der Protagonistin zurückzuspringen, wirkt sich eher störend auf den Erzählfluss auf. Die einzelnen Rückblenden sind zudem sehr unmotiviert und stehen nur selten in einem Zusammenhang mit den Szenen der Gegenwart. Hinzu kommt, dass man nie erfährt, wann die Geschichte eigentlich spielen soll, eine genaue zeitgeschichtliche Einordnung findet nicht statt.

Sherry Hormann hat nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch verfasst, ihr ist aber weder das eine noch das andere besonders gut gelungen. Trotz schöner Bilder sieht alles eher flach und unspektakulär aus, wie ein typischer TV-Film, aber nicht wie ein Kinofilm (was sicherlich auch eine Budget-Frage war). Die Darsteller agieren gut, allen voran Liya Kebede. Waris‘ Schicksal geht einem nahe, rührt einen aber nicht zu Tränen, das Thema Genitalverstümmelung wird sensibel umgesetzt. Eine schlechte Idee war es, bekannte deutsche Darsteller für die Synchronisation zu nehmen, obwohl manche nie zuvor synchronisiert haben, was dann leider auch unangenehm auffällt.

Insgesamt eine zu brave, zu gefällige und uninspirierte Umsetzung einer an sich spannenden und bewegenden Geschichte über eine mutige und starke Frau.

Note: 3+

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Pi Jays Corner von Pi Jay. Permanenter Link des Eintrags.

Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...