Mit Goethe im Sommerloch

Vielleicht war es nicht die beste Idee, den Blog ausgerechnet im Hochsommer wieder zu starten: 34 Grad, das Gehirn kocht und die letzten, noch funktionierenden grauen Zellen fragen sich, wo sie etwas Abkühlung finden. Man hat zu nichts Lust, nicht einmal fern zu sehen oder gar ins Kino zu gehen. Open Air vielleicht, aber… Ach, es ist alles viel zu anstrengend.

Im Fernsehen dominiert ohnehin das Sommerloch, das eigentlich das FrühlingSommerHerbstloch heißen müsste, denn die Wiederholungen beginnen immer früher, so ungefähr kurz nach Ostern und enden dann irgendwann im September. Ich finde, dafür sollte sich die GEZ auch die Beitragszahlung vom letzten Jahr ansehen…

Doch hin und wieder laufen auch im Sommer neue Produktionen. Vergangenes Jahr hat die ARD nämlich erstaunt festgestellt, dass Kinofilme im Hauptabendprogramm tatsächlich Quote machen können. Und da sie sowieso jede Menge Konkurrenzprodukte coproduzieren, für die sie in ihrem Qualitätsprogramm eigentlich keine Verwendung haben (würden sie sonst im Spät- oder Nachtprogramm laufen?), kann man sie auch im Sommer versenden, wenn die Leute ohnehin zu faul zum fernsehen sind oder sich im Sommerloch wähnen.

Goethe!

Johann Goethe (Alexander Fehling) wäre so gerne Dichter, aber seine Kunst findet keinen Käufer, weshalb ihn sein Vater (Henry Hübchen) ans Gericht nach Wetzlar schickt. Hier verliebt er sich in die hübsche Lotte (Miriam Stein), die sich jedoch ausgerechnet mit Goethes Vorgesetzten Kestner (Moritz Bleibtreu) verloben soll…

Goethe war gut, wusste schon Rudi Carrell, und der war immerhin Holländer. Nach Shakespeare in Love war es nur eine Frage der Zeit, bevor jemand eine ähnliche Geschichte mit dem deutschen Nationaldichter erzählen wollte, und vermutlich war es eine schwere Geburt. Der fertige Film überrascht mit etlichen Schauwerten, die zeigen, dass Historienfilme made in Germany durchaus möglich sind, auch wenn den Produzenten bei der Innenausstattung das Geld ausgegangen zu sein scheint. Er krankt aber leider auch an den typisch deutschen Problemen: Der Ton ist (zumindest im TV) hundsmiserabel, und das Drehbuch zeugt von reichlich Unentschlossenheit. Vielleicht haben wieder zu viele Produzenten und Redakteure reingeredet und die Geschichte verwässert.

Als Liebesdrama funktioniert die Story zwar, entwickelt aber leider nie die Dramatik oder Leidenschaft, die möglich und nötig gewesen wäre. Lange Zeit plätschert die Geschichte ereignislos dahin, und lediglich die guten schauspielerischen Leistungen (und das schwache Angebot auf den anderen Kanälen) verhindern, dass ich umschalte. Dabei hat mir der Anfang trotz aller Albernheiten, die auch später immer wieder durchbrechen, durchaus gefallen. Es mangelt jedoch an einer psychologisch stimmigen Charakterisierung der Helden sowie – und das ist entscheidend – Gefühl. So hat mich das eher pragmatische, denn leidenschaftliche Ende auch vollkommen kalt gelassen.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...