Grand Budapest Hotel

Nicht nur Tiere, sondern auch Wörter sterben aus. Oder weiß jemand noch, was ein Fidibus ist? In erster Linie liegt das daran, dass heutzutage kaum mehr Pfeife geraucht wird, die laut Duden mit diesen gedrehten oder gefalteten Papierstreifen angezündet wurden. Mit dem Verschwinden der Sache verschwindet auch das Wort, das ist wohl unvermeidlich. Um manche Adjektive hingegen tut es mir leid. So beschreiben manche, heute kaum noch gebräuchliche Wörter vortrefflich einen bestimmten Gemütszustand: blümerant etwa oder indigniert.

Dabei kann es von Vorteil sein, diese Wörter zu kennen, ganz besonders, wenn man sich einen alten Film ansieht oder eine Produktion, die in früheren Zeiten angesiedelt ist. Wo man Fidibusse benutzte und seine Kerzen schneuzte. Was übrigens die Aufgabe des Lichtputzers war…

Der Film, den ich vergangenes Wochenende gesehen habe, ließ mich an ein anderes, altertümliches Wort denken: Schnurre. Eine Schnurre ist laut Duden eine „kurze unterhaltsame Erzählung von einer spaßigen oder wunderlichen Begebenheit“. Das beschreibt perfekt:

Grand Budapest Hotel

Ein Schriftsteller (Tom Wilkinson) erinnert sich an seine Begegnung mit dem Hotelbesitzer Zero Moustafa (F. Murray Abraham), der als Page im legendären Grand Budapest Hotel anfing und gemeinsam mit dem Concierge Gustave H. (Ralph Fiennes) in haarsträubende Abenteuer verstrickt wird.

Wes Andersons Filme spielen nie in unserer Welt, sondern immer in einem merkwürdigen Paralleluniversum, das zwar stark an das unsere erinnert, aber von den seltsamsten Wesen bevölkert wird. Wenn man sich das immer wieder aufsagt, kann man seinen Werken durchaus etwas abgewinnen. Zumindest in der Bildgestaltung bietet er dem Betrachter einiges Vergnügen, und so gibt es auch in seinem jüngsten und erfolgreichsten Film einige schöne und schön-schräge Einstellungen, die einem im Gedächtnis bleiben.

Was man von der abstrusen, weitgehend logikfreien Geschichte nicht unbedingt sagen kann. Der Anfang ist ungeheuer umständlich erzählt, beginnt mit einer jungen Frau, die am Denkmal des Schriftstellers in seinem berühmtesten Werk „Das Grand Budapest Hotel“ liest, springt dann zurück zum alternden Meister, der berichtet, wie er von der Geschichte erfahren hat, um dann auf den jungen, von Jude Law gespielten Autor zurückzublenden, der den alten Zero trifft, der wiederum in einer Rückblende von seinen Abenteuern mit Gustave H. erzählt. Noch zwei Minuten länger, und wir wären bei Adam und Eva gelandet, was insofern sogar gepasst hätte, da ein Apfel (zwar nur auf einem Gemälde, aber immerhin) eine Rolle spielt.

Man muss es dem Regisseur zugute halten, dass er sehr viel Phantasie hat und es immer wieder schafft, skurrile Charaktere zum Leben zu erwecken. Neben seinem Händchen für faszinierende Bildkompositionen ist das ein Pfund, mit dem er wuchern kann. Das Problem ist nur, dass die Fülle merkwürdiger Gestalten schnell zur Ermüdung führt. Es ist, als wäre man in einer Freakshow oder einem Panoptikum gefangen.

Viel mehr als diese schrägen Gestalten in ihrer traurigen Jämmerlichkeit vorzuführen macht Anderson leider nicht. Falls der Film ein Abgesang auf die untergegangene KuK-Welt und die Grandhotels des 19. Jahrhunderts sein sollte, ist ihm dieser Aspekt misslungen, es ist eher so, als würden die Marx-Brothers einen Roman von Kafka träumen. Wobei im Abspann erwähnt wird, dass die Story von Stefan Zweig inspiriert wurde.

Warum ausgerechnet dieser Film so überaus erfolgreich ist, erschließt sich mir nicht. Ich konnte schon mit Rushmore nichts anfangen und fand Die Royal Tenenbaums fürchterlich. Nach all den Vorschusslorbeeren war ich daher neugierig auf diesen neuen Film, wurde aber erneut enttäuscht. Es wird wohl der letzte Film von Wes Anderson sein, für den ich ins Kino gehe. Dabei kann man ihn sich durchaus mit einigem Vergnügen ansehen, und wenn man ein Faible für diese Art von Humor hat, sogar genießen, mich hat er jedoch größtenteils gelangweilt.

Note: 4+

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Pi Jays Corner von Pi Jay. Permanenter Link des Eintrags.

Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...