Thriller-Flaute

M, Maschinenpistolen, Der unsichtbare Dritte, In der Hitze der Nacht, Dirty Harry, Drei Tage des Condors, Das Schweigen der Lämmer, Sieben, Die üblichen Verdächtigen – die Liste legendärer Thriller ließe sich ohne Probleme weiter verlängern und ist natürlich noch lange nicht vollständig. Sie alle haben allerdings eines gemeinsam: Sie sind schon etwas älter. In den letzten Jahren hat es kaum noch bemerkenswerte Filme gegeben, zumindest fast keine, die das Zeug haben, zu Meilensteinen des Genres zu werden. Die einzigen Ausnahmen sind vielleicht Drive und No Country For Old Man.

Immerhin muss man den Produzenten zugute halten, dass sie dieses Genre noch nicht ganz aufgegeben haben. Im vergangenen Jahr liefen in unseren Kinos: The Call – Leg nicht auf, Die Jagd, Gangster Squad, The Company you keep, Prisoners und ein paar andere. Überaus erfolgreich war keiner davon. Ebenso wenig Jack Ryan – Shadow Recruit in diesem Jahr. Dabei müssen es ja nicht gleich Meisterwerke sein, die ins Kino kommen. Mit einem soliden, nach bewährtem Muster gestrickten Thriller kann man auch zufrieden sein. Der Mandant war ein solcher Film, nicht originell, aber spannend und gut gemacht. Leider gibt es selbst davon immer weniger. Warum eigentlich?

Als ich für mich eine kurze Liste guter und außergewöhnlicher Thriller erstellt habe, fielen mir auf Anhieb etliche Filme ein. Es gibt also einen sehr großen Pool bemerkenswerter Filme, auf die man zurückgreifen kann, und je mehr man von ihnen kennt, desto schwieriger wird es, neue Stoff originell zu finden. Die oben genannten neueren Filme waren vor allem wegen ihrer Inszenierung einzigartig, weniger wegen ihrer Geschichten.

Der Zeitgeschmack spielt sicherlich auch eine große Rolle. Im Augenblick tendiert das Publikum wohl eher zu effektgeladenen Comicverfilmungen. In den späten Sechziger, frühen Siebzigern, zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung und des Watergate-Skandals in den USA waren dagegen Polit- und Verschwörungsthriller angesagt.

Ein dritter Punkt ist die Allgegenwärtigkeit des Genres in den Medien. Denn Thriller oder ihre behäbigeren Brüder, die Krimis, sind nach wie vor ungeheuer beliebt. Auf dem Buchmarkt gibt es eine unübersichtliche Fülle alter und neuer Stoffe, und das Fernsehen wird auch nicht müde, das Genre immer wieder neu zu beleben. Eine Serie wie Dexter ist origineller und spannender als die meisten jüngeren Kinothriller, Hannibal zum Beispiel greift mit Das Schweigen der Lämmer einen Kulthit auf und erzählt dessen Vorgeschichte (nach demselben Schema verfährt die Serie Bates Motel, die auf Psycho basiert), und True Detective beschäftigt sich mit der 17jährigen Jagd auf einen Serienkiller. Solch komplexe Stoffe im Kino umzusetzen ist kaum möglich. Und vielleicht arbeiten die guten Autoren auch mittlerweile alle fürs Fernsehen…

Leider verzichtet das deutsche Fernsehen nach wie vor auf eine Thriller-Serie. Weil sich Krimis aber nach wie vor ungeheurer Beliebtheit erfreuen, werden wir bis zum Überdruss mit denen bombardiert. Meistens geht es um einen Kommissar, der einen Mordfall aufklärt und die bürgerliche Welt wieder in Ordnung bringt. Der neueste Trend sind Regionalkrimis (was der Buchmarkt schon seit Jahren vorexerziert) wie vergangenen Donnerstag Frauchen und die Deiwelsmilch mit der Katzenberger als Ermittlerin. Das allein sagt vermutlich alles zum Zustand des deutschen Fernsehens.

Gestern habe ich mir übrigens den jüngsten Tatort angesehen. Der Hammer wurde vorab hymnisch gefeiert, und die Quote war mit knapp 13 Millionen auch sensationell. Es scheint, als wäre dies der letzten Quotengarant im Staatsfernsehen, weshalb die Öffentlich-Rechtlichen nicht müde werden, uns mit alten und neuen Folgen zu beglücken. Für mich wird es wohl der letzte Tatort für lange Zeit gewesen sein: Ein müder Fall, mangelnde Logik, schlampige Ermittlungen und dann die berühmten Slapstickeinlagen, für die die Münsteraner beliebt sind, die aber meistens nur peinlich wirken und so gut funktionieren wie der Auftritt eines Clowns auf einer Beerdigung. Ein langweiliger und ziemlich schlechter Krimi, allerdings von der Kritik hoch gelobt und von den Zuschauern geliebt. Einfach nur traurig.

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...