Der kleine Nick

Was würden wir nur ohne das schlechte Fernsehprogramm machen? Smalltalk wäre mit einem guten Programm gar nicht mehr vorstellbar, es sei denn, es gäbe wieder nur drei Kanäle und jeder würde dieselben Sendungen sehen. So kann man, wenn in einem Gespräch eine unliebsame Lücke klafft und man das Wetter bereits abgehakt hat, immer noch beklagen, wie schlecht das Fernsehen in letzter Zeit wieder war, und schon hat man genug Gesprächsstoff für die nächsten dreißig Minuten.

Wer über Ostern ein paar neue Filme erwartet hatte, wurde weitgehend enttäuscht, und wenn nicht gerade die xte Wiederholung von irgendeinem Blödsinn lief, dann war es garantiert etwas, das man sowieso nicht sehen wollte. Ideale Voraussetzung, um ausgiebig zu lesen, zu basteln oder mit seiner Steuererklärung anzufangen.

Nach einem gemütlichen Brunch im Familienkreis, der nahezu nahtlos in den Kaffeeklatsch überging, fand ich mich am Montag satt und müde auf der Couch wieder und entdeckte tatsächlich den einen, den einzigen Film, der am gesamten verlängerten Wochenende mein Interesse wecken konnte:

Der kleine Nick

Nick (Maxime Godart) lebt in den Sechziger Jahren in einem französischen Vorort und geht auf eine reine Jungenschule. Als ein Schulfreund erzählt, wie er an seinen nervigen kleinen Bruder gekommen ist, stellt Nick bei seinen Eltern (Kad Merad und Valérie Lemercier) ähnliche Verhaltensweisen fest und befürchtet das Schlimmste: Wenn sie erst einen neuen kleinen Jungen haben, kommen sie vielleicht auf die Idee, ihn wie den kleinen Däumling im Märchen im Wald auszusetzen. Also muss das Kind, sobald es auf der Welt ist, weg…

Den kleinen Nick kennt man, selbst wenn man die gleichnamigen Kinderbücher von René Goscinny (einem der Asterix-Väter) und Jean-Jacques Sempé nicht gelesen hat. Erschienen sind die meist kurzen Geschichten bereits Anfang der Sechziger Jahre in Sammelbänden, wobei einige Stories erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt und erstmals in Buchform auf den Markt gekommen sind.

Den ursprünglichen Episodencharakter merkt man dem Film an. Obwohl es mit Nicks Befürchtung, seine Eltern könnten ein weiteres Kind erwarten, eine Haupthandlung gibt, die die diversen Nebenhandlungen beeinflusst, wirkt vieles anekdotenhaft. Dabei gelingen Regisseur Laurent Tirard (der zusammen mit Grégoire Vigneron das Drehbuch schrieb) einige hinreißende und witzige Szenen. Im Mittelpunkt steht das moderne Familienleben mit all seinen Tücken, gesehen und beschrieben aus der Sicht eines Grundschülers. Das macht ebenso den Reiz des Films aus wie die liebevolle Ausstattung und wunderbare Besetzung. Den Machern ist ein kleines Kunstwerk gelungen, das uns eine idealisierte Version der Sechziger präsentiert, die nicht umsonst vor der Zeit der Studentenunruhen und gesellschaftlichen Umbrüche spielt. Alles wirkt unschuldiger und harmloser als heute und versprüht einen nostalgischen Charme, dem man sich nicht entziehen kann.

Note: 3+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...