Die Karte meiner Träume

Jean-Pierre Jeunet ist einer der faszinierendsten französischen Filmemacher, bekannt für seine schrägen Einfälle und seinen skurrilen Humor. Delicatessen war der erste Film, den ich von ihm gesehen habe, und ich war damals total begeistert von seinem schäbigen, aber charmanten Look und den ungewöhnlichen Charakteren. Das ist mittlerweile auch schon wieder 23 Jahre her, und seither hat er leider nur sechs weitere Filme gedreht, darunter aber immerhin den wunderschönen und poetischen Streifen Die fabelhafte Welt der Amelie. Seinen vorletzten Film, Micmacs – Uns gehört Paris! habe ich leider noch nicht gesehen, aber dafür begeisterte mich der Trailer zu seinem jüngsten Werk.

Die Karte meiner Träume

T.S. Spivet (Kyle Catett) ist ein zehnjähriges Wissenschafts-Genie, das auf einer abgelegenen Ranch in Montana aufwächst. Sein Vater, ein wortkarger Cowboy/Farmer, hält allerdings eher große Stücke auf T.S.ʼ Zwillingsbruder Layton, während die Mutter (Helena Bonham-Carter) sich vor allem ihren Studien widmet und wenig um die Kinder kümmert. Als T.S. einen wichtigen Wissenschaftspreis gewinnt und nach Washington eingeladen wird, macht er sich heimlich auf den Weg dorthin. Auf der Reise denkt er viel nach, über das Leben, seine merkwürdige Familie – und Laytons Tod vor einem Jahr …

Die Story basiert auf einem Roman (von Reif Larsen, der auch am Drehbuch mitarbeitete) und steht in der Tradition schräger Familiengeschichten à la Little Miss Sunshine oder Löwen aus zweiter Hand. Schrullige Figuren, verrückte Begebenheiten und kleine Weisheiten über das Erwachsenwerden und das Leben allgemein gehören zu diesem Subgenre ebenso wie ein ungewöhnlicher kindlicher Held, aus dessen Perspektive man einen Blick auf unsere Welt erhascht. Jeunet erzählt hier nichts Neues, behält jedoch über weite Strecken seinen skurrilen Charme bei und verzaubert vor allem mit traumschönen Bildern.

Leider fällt der Film in der zweiten Hälfte ab. Wenn T.S. Washington erreicht hat, wandelt sich die Geschichte zu einer halbherzigen Medienkritik, garniert mit etwas zu viel Melodrama und einigen furchtbar albernen Einfällen, die nicht so recht zum übrigen Ton passen. So bleiben am Ende vor allem die tollen Bilder in Erinnerung.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...