Die Jagd

Stoffe wie Die Jagd sind schwerer Tobak, und ich scheue mich manchmal, mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Andererseits besitzt der Film einen sehr guten Ruf, war für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert und hatte einen spannenden Trailer. Leider hält er dann nicht, was er versprach …

Die Jagd

Lucas (Mads Mikkelsen) hat seinen Job als Lehrer verloren und arbeitet als Kindergärtner. Seine Ehe ist gescheitert, aber nun besteht die Chance, dass sein Sohn zu ihm ziehen kann, außerdem beginnt er, sich in Nadja (Alexandra Rapaport) zu verlieben, als sein Leben eine dramatische Wende nimmt: Er wird des Kindesmissbrauchs verdächtigt, und sein Heimatdorf wendet sich gegen ihn …

Regisseur und Co-Autor Thomas Vinterberg mag düstere Stoffe und liefert hier ein Drama ab, das die Abgründe menschlichen Handelns beleuchtet. Es geht um vorschnelle Urteile, die auf Gerüchten und vagen Anschuldigungen basieren, aber bald eine erschreckende Eigendynamik entwickeln, bei der die Wahrheit keinen mehr interessiert. Es geht auch darum, dass viele Erwachsene annehmen, dass Kinder immer die Wahrheit sagen, und schwere Anschuldigungen aus ihrem Mund selbst dann für bare Münze nehmen, wenn sie später widerrufen werden.

Kindesmissbrauch ist ein so schwerer, so gewaltiger Vorwurf, dass die Unschuldsvermutung für viele nicht mehr gilt und der Ruf nach Lynchjustiz immer lauter wird. Selbst der Beweis der Unschuld reicht nicht mehr aus, den einmal geäußerten Verdacht aus der Welt zu schaffen, ein unsichtbarer Makel bleibt – für immer. Vinterberg schildert die Geschichte weitgehend aus der Sicht von Lucas, an dessen Unschuld nie ein Zweifel besteht, was das ihm zugefügte Unrecht umso schwerer wiegen lässt. Man fühlt in vielen Situationen mit ihm die hilflose Wut, das Ausgeliefertsein gegenüber einer feindlichen Umwelt, die noch vor kurzem vertraute Heimat war.

So mitreißend und emotional aufwühlend die Geschichte in ihren besten Momenten auch ist, der Regisseur nimmt sich extrem viel Zeit, sie zu erzählen. So vergeht beinahe die Hälfte des Films, bevor sich der Konflikt zuspitzt – um dann überrascht schnell zu versanden. Es werden viele Aspekte angerissen, aber nur wenige wirklich vertieft. So bleibt die Ermittlungsarbeit vollständig außen vor, der Held gerät zwar in die Mühlen der Justiz, zu sehen bekommt man davon aber ebenso wenig wie seine Entlastung.

Vinterberg erzählt im Grunde dasselbe, was man in vielen Tatorten und Fernsehfilmen bereits häufig gesehen hat, und kratzt leider nur an der Oberfläche der Geschichte. Gelungen ist ihm allerdings ein verstörender Schluss – der möglicherweise der Auftakt zu einer anderen, noch spannenderen Story gewesen wäre. So hat der Film unzweifelhaft Qualitäten, bleibt aber insgesamt unter seinen Möglichkeiten.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...