Genug gesagt

Gestern war ich zusammen mit Mark G. in München, um ihm bei seinen Recherchen zu helfen. Wir haben das Archiv – oder vielmehr die kläglichen Reste davon – einer großen, inzwischen nicht mehr existenten Filmproduktionsfirma bzw. eines Verleihs nach Besucherzahlen durchforstet. Eine staubige Angelegenheit, bei der man aber immer wieder auf unerwartete Anekdoten aus der deutschen Filmgeschichte stoßen konnte, wie die Berichte über einen umstrittenen Film der Fünfziger. Da gab es lange Entschuldigungen für Verzögerungen der Dreharbeiten und eine Aktennotiz des Regisseurs, der offenkundig die Wahl seines Hauptdarstellers bitter bereute. Dieser schien – möglicherweise wegen früheren Drogenmissbrauchs – völlig unberechenbar geworden zu sein, er verschwand heimlich aus dem Hotel, um sich anderswo einzuquartieren, und war wegen seiner Angst, er könnte den Text vergessen, vor der Kamera wie gelähmt.

Der Film ist inzwischen, vermutlich zu Recht, in Vergessenheit geraten, und er war schon damals ein Flop. Daneben fand sich noch viel mehr Material, das ein Schlaglicht auf eine längst vergangene (Film-)Welt warf, die sich in gewisser Weise jedoch nicht so sehr von unserer unterscheidet. Auch damals beklagten sich Produzenten über Abrechnungspraktiken der Verleiher, bewarben sich hoffnungsvolle junge Menschen um eine Rolle (es gab eine ganze Mappe nur mit Setkarten), ohne jemals eine Chance zu bekommen, während die Stars üppige Gagen einstrichen. Da gab es Briefe und Telegramme mit Glückwünschen zu großen Erfolgen oder Schreiben, die Intrigen und Machtkämpfe und erbitterten Streit um den Erwerb von Filmrechten andeuteten. Faszinierend.

Interessant ist auch, dass man heutzutage fast keinen dieser Filme mehr kennt. Große Erfolge sind in Vergessenheit geraten, Stars, deren Namen jedem geläufig waren, rufen nur noch ein Achselzucken hervor. Viele Filme wurden zu Recht vergessen, Schmonzetten und Heimatfilme, die damals beliebt waren, kann man heute in ihrer verkitschten Süßlichkeit vermutlich nicht mehr ertragen, und dennoch … Irgendwie ist es traurig, dass wir von unserer filmhistorischen Vergangenheit so abgeschnitten sind, dass selbst die guten, die wichtigen Filme kaum noch zu sehen sind. Und vermutlich wird es mit den Produktionen unserer Zeit einmal genauso sein, wird sich kein Zuschauer mehr an unsere Stars erinnern oder die Filme, in denen sie mitgewirkt haben.

Welcher junge Zuschauer wird in zehn, zwanzig Jahren noch James Gandolfini kennen? Obwohl – als Tony Soprano könnte er zumindest noch für eine Weile in Erinnerung bleiben, wenn schon nicht wegen dieses Films:

Genug gesagt

Eva (Julia Louis-Dreyfus) schlägt sich als Masseurin durch und fürchtet sich bereits vor dem Tag, an dem ihre Tochter aufs College geht. Auf einer Party lernt sie die Dichterin Marianne (Catherine Keener) kennen und findet in ihr eine neue Klientin, aber bald auch eine Freundin. Sie trifft dort aber auch Albert (James Gandolfini), der sie kurz darauf zu einem Rendezvous ausführt. Obwohl er eigentlich nicht ihr Typ ist, ist Eva von seiner humorvollen, warmherzigen Art begeistert. Sie verliebt sich in Albert – bis sie herausfindet, dass er der von Marianne so gehasste Ex-Mann ist …

Wie sehr lassen wir uns in unserer Wahrnehmung und Beurteilung von anderen Menschen beeinflussen? Das ist das zentrale Thema dieser leichten, aber keinesfalls seichten Komödie von Nicole Holofcener, die auch das Buch dazu geschrieben hat. Sobald Eva von Marianne mehr über ihren Ex erfährt, von dem sie bald weiß, dass er ihr neuer Freund ist, was sie aus Scham jedoch beiden gegenüber verheimlicht, beginnt sie, nur seine negativen Seiten zu sehen.

Die Geschichte ist nicht sonderlich tiefgründig, aber dank der beiden gut aufgelegten Hauptdarsteller und der mit Catherine Keener und Toni Collette wunderbar spielenden Nebendarsteller ein großes Vergnügen. Holofcener hat ein gutes Gespür für zwischenmenschliche Strömungen und irritierende Verhaltensweisen im Zusammenleben von Menschen, die zu den Stolpersteinen einer Ehe gehören. So lacht man häufig nicht über die Figuren, sondern mit ihnen – wie es sich für eine gute Komödie gehört.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...