Love & Mercy

Über den Montag gibt es leider nicht sehr viel zu berichten. Wir waren im Kino und danach bei Johnny Rocket’s, weil ich Appetit auf einen Butterfinger-Milchshake hatte, der wieder einmal sehr vorzüglich war. Und da sie eine neue Karte mit einem BLT-Chicken-Avocado-Burger hatten (ich glaube, ich erwähnte bereits den Trend zur Avocado im Fast Food?), wollte ich diesen ebenfalls probieren. Er war gut, aber bei der Kombination Hühnchen und Avocado kann man eigentlich nie etwas falsch machen.

Zu sehen gab es diesmal einen Film, von dem viele Kritiker glauben, dass er der erste Oscarkandidat des Jahres ist. Allerdings ist es noch viel zu früh, darüber zu spekulieren.

Love & Mercy

In den Sechziger gehören die Beach Boys zu den bekanntesten Popgruppen der Welt, und Brian Wilson (Paul Dano) ist ihr kreativer Kopf. Leider kämpft er schon seit Jahren gegen psychische Probleme an, die mit der Zeit immer schlimmer werden. Gleichzeitig versucht er, neue Wege in der Musik zu beschreiten, experimenteller zu werden, was bei den übrigen Bandmitgliedern nicht auf ungeteilte Begeisterung stößt. Mitte der Achtziger ist Brian (jetzt John Cusack) ein psychisches Wrack, das von seinem Privatarzt Dr. Landy (Paul Giamatti) mit Tabletten versorgt wird. Als er sich in die Autoverkäuferin Melinda (Elizabeth Banks) verliebt, verschiebt sich jedoch langsam das Machtgefüge. Als Melinda erkennt, dass Dr. Landy seinen Einfluss auf Brian hemmungslos ausnutzt und ihn damit zugrunde richtet, nimmt sie den Kampf gegen den skrupellosen Arzt auf.

Wer kennt nicht die Beach Boys und ihren unbeschwerten Gute-Laune-Pop, der einen sofort an kalifornische Strände und Wellenreiten denken lässt? Dass Brian Wilson jahrelang an psychischen Problemen litt und von seinem Arzt praktisch in Geiselhaft genommen worden war, wusste man hingegen eher nicht. Love & Mercy erzählt seine Geschichte auf zwei Ebenen, einmal seine Reise in die Dunkelheit einer geistigen Erkrankung, zum anderen seine Errettung aus dem Sumpf einer doppelten Abhängigkeit von seinem Arzt und den Tabletten, die er ihm verabreicht. Beide funktionieren wunderbar und sind spannend genug, um für sich allein zu stehen, in der Kombination ergeben sie das faszinierende Psychogramm eines Ausnahme-Künstlers.

Dass sich die Wechsel von einer Zeitebene zur anderen teilweise recht abrupt vollziehen, ist der einzige größere Makel des Films, der vermutlich unvermeidbar war. Man hätte vielleicht sanftere Übergänge zwischen den einzelnen Szenen finden können – oder nur eine der beiden Storys erzählen dürfen, was jedoch ein Verlust gewesen wäre. Das zweite Manko ist, dass die Autoren Oren Moverman und Michael A. Lerner zu viel in die zwei Stunden Film hineingepackt haben: Der Aufstieg der Beach Boys, die schwierige Beziehung zum gewalttätigen und manipulativen Vater, der Schaffungsprozess im Studio, die Differenzen zwischen Brian und seinen Brüdern und Bandmitgliedern, die Liebesgeschichte zwischen Brian und Melinda, das komplizierte Geflecht von Abhängigkeit und kommerzieller Ausbeutung, in das Dr. Landry den kranken Musiker gefangen hält – aus dem Stoff hätte man leicht einen TV-Mehrteiler machen können. Alle Aspekte werden spannend geschildert, leider jedoch nur größtenteils angerissen. Viel Raum nehmen Brians Kompositionsversuche und Experimente im Studio ein, die im Stil einer Dokumentation inszeniert sind und einen faszinierenden Einblick in die Entstehung bekannter Klassiker bieten. Wie Regisseur Bill Pohlad diesen kreativen Prozess im Kopf des Musikers hörbar macht, ist außerordentlich gut gelungen.

Auch die schauspielerischen Leistungen können sich sehen lassen. Sowohl Paul Dano als auch John Cusack agieren hervorragend, vor Paul Giamatti hat man regelrecht Angst, und Elizabeth Banksʼ Darstellung ist so nuanciert, dass sie dafür ebenfalls eine Oscarnominierung verdient hätte – wenn es dafür nicht viel zu früh wäre …

Note: 2-

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Mark G. & Pi Jay in La-La-Land 2015 von Pi Jay. Permanenter Link des Eintrags.

Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...