Aus Filmen lernen

Manchmal sind Kino oder Fernsehen gut für die Allgemeinbildung. Ich rede jetzt nicht davon, dass man Strategien zum Überleben einer Zombieapokalypse erlernen kann, was an und für sich nicht zu unterschätzen ist, aber doch relativ wenig praktischen Nutzen besitzt. Nein, ich meine eher Wissen, das einem weiterhelfen kann, sollte man irgendwann einmal bei Wer wird Millionär auf dem Stuhl sitzen oder verzweifelt nach einem Thema für Small Talk suchen.

Ganz besonders hilfreich sind historische Filme, die sich mit bestimmten Epochen auseinandersetzen oder mit einflussreichen Persönlichkeiten der Weltgeschichte. Dank Goethe! wissen wir jetzt mehr über die Jugend unseres Nationaldichters (und dank Fack Ju Göhte über die Defizite der Jugend auf diesem Gebiet), Gladiator brachte uns die Zeit des römischen Reichs näher, und in Lincoln haben wir mehr über den berühmten Präsidenten erfahren, als wir jemals wissen wollten.

Kürzlich habe ich mir einen Film angesehen, der mir das Dänemark der Aufklärung nahegebracht hat, und im Anschluss habe ich mir noch die Zeit genommen, die Geschehnisse auf Wikipedia zu vertiefen. Günther Jauch, ich komme!

Die Königin und der Leibarzt

Caroline Matilde (Alicia Vikander) verlässt in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts ihre englische Heimat, um den dänischen König Christian VII. (Mikkel Boe Følsgaard) zu heiraten. In Kopenhagen angekommen, stellt sie jedoch schnell fest, dass der Monarch nicht ganz normal ist und sich außerdem gerne mit Prostituierten vergnügt. Schon bald nach der Geburt des Kronprinzen kühlt das Verhältnis der beiden stark ab. Die Königin vereinsamt mehr und mehr, bis sie sich schließlich in Johann Struensee (Mads Mikkelsen) verliebt, den Leibarzt ihres Gemahls. Wie sie hat er ein Faible für die verbotenen Schriften der Aufklärung. Die beiden beginnen ein Verhältnis, gleichzeitig versuchen sie, den König zu Reformen zu bewegen. Tatsächlich sind ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt, und Struensee wird praktisch zum dänischen Regenten, der das Land zum modernsten in Europa macht. Damit macht er sich jedoch auch mächtige Feinde …

Seit vielen Jahren bringt unser kleiner, nördlicher Nachbar eine Menge bemerkenswerte Filme in die Kinos, zunehmend auch in Genres, die sonst eher von Hollywood bedient werden wie den Western The Salvation oder eben dieses Kostümdrama. Die Ausstattung ist opulent, die Bilder wunderschön, und auch die schauspielerischen Leistungen sind durchweg überzeugend. Allein dafür muss man die Dänen schon bewundern.

Die Geschichte einer verbotenen Liebe erinnert stark an Die Herzogin, in der es auch um eine hochherrschaftliche Frau geht, die sich einen Geliebten nimmt und an den starren gesellschaftlichen Regeln zugrunde geht. Doch in diesem Fall ist es mehr als eine reine Liebesgeschichte, geht es zugleich auch um die Modernisierung eines ganzen Landes, um seine Befreiung aus der Hand des Adels, der die Bauern zu Leibeigenen macht und mit Hilfe und Unterstützung des Klerus den Staat ausplündert. Dass sich in diesem Fall der Monarch selbst für Reformen einsetzt, ist ungewöhnlich und vor allem seinem Arzt zu verdanken. Struensee ist eine durchweg faszinierende Persönlichkeit, seine Reformen, zu denen die Abschaffung der Zensur und die Einführung der Pressefreiheit ebenso gehören wie die Einrichtung von Waisenhäusern, bleiben jedoch eher abstrakt. Das Volk, das es zu befreien gilt, spielt nicht mit, höchstens als lebendige Kulisse, wenn eine Kutsche durchs Bild fährt. Dadurch wirken die Figuren seltsam abgehoben und ihre Bemühungen wie ein Zeitvertreib – wirkliche politische Leidenschaft vermag der Film nicht zu vermitteln.

Die im Grunde recht simple Story wird zu sehr in die Länge gezogen, ohne dass man den Figuren dabei wesentlich näher käme, und auch die Liebesgeschichte kann nicht so ganz überzeugen. So gut Mikkelsen auch spielt, er ist rund zehn Jahre zu alt für seine Rolle. Gut gelungen ist jedoch die Darstellung des Beziehungsgeflechts zwischen dem König, seinem Leibarzt und der Königin, und wenn der Monarch am Ende gezwungen wird, seine Zuneigung der Staatsräson zu opfern, stellen sich auch endlich die großen Gefühle ein. In der letzten halben Stunde wandelt sich der Film endlich zu dem Drama, das er die ganze Zeit über sein wollte.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...