Das finstere Tal

Bald ist schon wieder Weihnachten. Obwohl das Thermometer noch dreißig Grad zeigt, kann man sich mental bereits auf das Fest der Liebe einstellen. Zum einen laufen immer wieder Weihnachtsepisoden von Serien im Fernsehen, so vergangene Woche bei Grimm, zum anderen liegen spätestens Ende des Monats die ersten Lebkuchen in den Geschäften. Kokosmakronen, habe ich unlängst festgestellt, sind sogar ganzjährig zu kaufen. Jetzt wundert es mich auch nicht mehr, dass manche Leute ihre Weihnachtsdekoration gar nicht erst abhängen. Es ist ja schon bald wieder soweit.

Passend dazu habe ich mir am Wochenende einen Film angesehen, der im Winter spielt. Ein richtiger Winter wie früher, mit viel Schnee und hohen Bergen – allerdings ohne weihnachtliche oder christliche Gefühlsregungen …

Das finstere Tal

Ein abgelegenes Dorf hoch oben in den Alpen, fast vergessen vom Rest der Welt. Hier herrscht die Familie Brenner uneingeschränkt und tyrannisch über die eingeschüchterte Gemeinde aus Bauern und Viehwirten. Eines Tages taucht ein geheimnisvoller Fremder (Sam Riley) auf, der als Fotograf die Menschen und die wild-romantische Berglandschaft festhalten will – dabei aber ganz andere Absichten verfolgt …

Die interessantesten deutschsprachigen Filme der letzten Jahre kamen fast alle aus Österreich, wo man anscheinend mutiger ist und experimentierfreudiger. Ein Western in den Alpen – warum nicht? Das Setting ist toll, die Landschaft karg und rau und geheimnisvoll, die Menschen leben in einer kleinen Gemeinschaft und stehen einem Fremden erst einmal ablehnend gegenüber, und der alte Brenner (Hans-Michael Rehberg) könnte auch ein texanischer Viehbaron sein, der mit harter Hand über seine Leute befiehlt. Zu Pferd ist man auch unterwegs, schließlich spielt der Film im späten 19. Jahrhundert, und ein Gewehr hat sowieso jeder zur Hand.

Die Story ist simpel: Es geht um Rache für ein lang zurückliegendes Unrecht, aber bis man mehr darüber erfährt, ist der Film schon mehr als zur Hälfte vorbei. Dabei weiß man von Anfang an, dass der Held hier ist, um eine Familie auszulöschen, die sein eigenes Schicksal maßgeblich beeinflusst hat. Es wäre hilfreich gewesen, wenigstens etwas mehr über die Umstände zu erfahren, die den Helden in das abgelegene Tal geführt hat, denn so bleibt er einem emotional fremd und verschlossen. Sam Riley spielt den Rächer gut, eher stoisch, denn leidenschaftlich, ein wenig wie fremdgesteuert, was gut zu einer Geschichte passt, in der ein Ereignis Auswirkungen über mehrere Generationen hinweg haben kann.

Ein weiterer Schwachpunkt sind die Gegenspieler. Man weiß zwar, dass die Brenner-Familie über das Tal herrscht, bekommt von ihren Unrechtstaten aber nicht allzu viel mit. Viel schlimmer ist jedoch, dass man nicht weiß, wer überhaupt dazu gehört. Außer Tobias Moretti und Clemens Schick, die man aufgrund ihrer Bekanntheit noch am ehesten zur Familie rechnen kann, weiß man nur, dass der Bauer sechs Söhne hat. Wer sie sind, erfährt man im Prinzip erst, wenn sie sterben.

Der Film nimmt sich sehr viel Zeit (und war für meinen Geschmack eine halbe Stunde zu lang), baut aber eine dichte, düstere Atmosphäre auf, die maßgeblich zum Gelingen beiträgt. Abgesehen von dem Missgriff im Showdown, ist auch die Musik sehr stimmig. Die Darsteller sind gut, wirken allerdings gelegentlich unterfordert. Und die Bilder (Kamera: Thomas Kiennast) sind superb.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...