Von Gewinnern und Verlierern der Netflixolution – Teil 2

Teil 2: Filme, Verleihe & Kinos: Wo geht die Reise hin?

Hollywood mit Franchise-Fimmel

Wirft man einen Blick auf die Startlisten der großen Hollywoodstudios, kann man leicht erkennen, dass sich ein Wandel in der Filmproduktion und –auswertung längst manifestiert hat. Egal ob bei Disney, Paramount, Universal oder den anderen – originäre Stoffe jenseits der Komödie oder kleinere Filme findet man dort immer weniger. Denn zu ungewiss sind die Aussichten, ob man mit diesen auch genug Geld verdienen kann, um solch einen großen Studioapparat unterhalten und am Ende den Aktionären auch noch eine ordentliche Dividende bescheren zu können. Da wird lieber ordentlich geklotzt und mit viel Geld ein neues Remake, Reboot oder – noch besser – eine idealerweise Franchise-fähige Comic-, Computerspiel- oder Buchverfilmung nach der anderen gedreht, weil man der Meinung ist, mit diesen etablierten Marken, den weltweiten Erfolg an den Kinokassen bereits vorprogrammiert zu haben. Dies scheint derzeit auch recht gut zu funktionieren, nicht zuletzt, da sich mit Russland und China neue Märkte auftun, die Geld bringen, das es vorher schlichtweg nicht gab.

Der Star, der keinER mehr ist

Damit einher geht aber noch ein weiterer, schleichender Wandel: Der Schauspieler ist nicht mehr länger der Star, vielmehr ist es die Figur, die er verkörpert. Und noch einen Schritt weiter gedacht: Eigentlich ist es das Franchise, von dem die Figur ein wichtiger Teil ist, das die Fans in die Kinos lockt: Chris Hemsworth ist Thor, Vin Diesel ist Dominic Toretto, Emma Watson ist Hermione Granger und Kristen Stewart Bella Swan. Abseits jener Rollen sind diese Darsteller alles andere als Publikumsmagneten. Ein bekannter Name auf dem Plakat ist entsprechend kein Garant mehr für volle Kinosäle. Dies müssen sowohl die Hollywood-Studios spüren, die versuchen mit ihren Franchise-Darstellern auch andere Filme ans Publikum zu bringen, damit aber regelmäßig auf die Nase fallen. Vor allem aber merken dies die unabhängigen Verleiher (auch in Deutschland), die diese prominent besetzten Projekte für teuer Geld einkaufen und sich dann wundern, dass die Besucher ausbleiben.

Mittelware vor dem aus

Genau diese und ähnliche Filme – auch Mittelware genannt – werden es nicht nur in Zukunft schwer haben, in den Kinos ihr Publikum zu finden. Völlig egal, ob es sich um deutsche, europäische oder amerikanische Werke handelt. Dies lässt sich schon heute an den Besucherzahlen dieser Art von Filmen ablesen. Es gab und gibt immer noch Verleihe in Deutschland, die sich darauf spezialisiert haben, solche Mittelware in großer Zahl in die Kinos zu bringen und dabei zu hoffen, dass sich in regelmäßigen Abständen der eine oder andere davon als Kassenknüller erweist (und sei es erst bei seiner Home Entertainment-Auswertung). Doch diese Rechnung wird in Zukunft immer weniger aufgehen, die Besucherzahlen dieser B-Filme werden kontinuierlich sinken und ihre Auswertung in den Kinos wird sich immer weniger lohnen. Letztlich muss für diese Mittelware eine neue Auswertungsform gefunden werden, bei der für jeden Film individuell die derzeit existierenden Abläufe und Fenster aufgelöst beziehungsweise auf den Prüfstand gestellt werden.

Doch was passiert, wenn auch die neuen Märkte gesättigt sind, der Marvel-Hype abgeklungen ist, der DC-Comics-Boom vielleicht gar nicht erst eingesetzt hat, der Harry Potter-Zug für immer abgefahren ist, das Publikum bei 50 Schattierungen von Grau nur noch schwarz sieht und die Transformers sich nicht mehr so leicht in Dollarmillionen verwandeln lassen? Dann wird das passieren, was bis jetzt immer geschehen ist: Hollywood erfindet sich einfach neu. Denn egal, wie groß die Herausforderungen waren und ob die Bedrohung das aufkommende Fernsehen, die Videokassette oder die Filmpiraterie darstellte: Hollywood hat all diese Krisen gemeistert, indem man sich auf den Hosenboden gesetzt, seine Hausaufgaben gemacht hat und nach einem lukrativen Ausweg aus der bedrohlichen Situation gesucht hat. Dabei gab es einige Opfer zu beklagen, doch Filme wurden in der Traumfabrik trotzdem weiterhin produziert und werden es auch in Zukunft – die Frage ist nur, von wem, auf welchem Weg und für wen?

Die Kinos: Wer gewinnt, wer verliert?

Derartige Veränderungen im Produktionsbereich müssen an und für sich nichts Schlechtes sein – auch nicht für das Kino. Die Filmtheater werden ihren über Jahrzehnte hart erarbeiteten und manifestierten Ruf als exklusive, qualitativ hochwertige Auswertungsplattformen selbstverständlich behalten – zumindest vorerst. Denn Premium-Content sucht sich ein Premium-Umfeld und das kann im Zusammenhang mit dem immer wieder beschworenen Gemeinschaftserlebnis (bisher) nur das Kino bieten. Es wird dieses gute Standing allerdings in Zukunft verteidigen, ja es wird um die Inhalte mit anderen Anbietern buhlen müssen.

Doch Kino ist nicht gleich Kino, eine Marktbereinigung wird unausweichlich bleiben. IMAX- oder Luxus-Kinos werden am wenigsten Probleme haben, ihren Marktanteil zu verteidigen, sie werden tendenziell eher noch dazu gewinnen. Gerade im IMAX-Bereich (es gibt derzeit ganze zwei IMAX-Kinos in Deutschland) besteht noch – verglichen mit den USA, wo das Format seinen zweiten, durch Hollywood befeuerten Frühling erlebt – enormer Nachholbedarf. Jetzt ein IMAX in einer der großen deutschen Städte zu eröffnen, wird sich schnell rentieren.

Auch etablierte und sorgfältig kuratierte Arthouse- und Programmkinos werden ihr Stammpublikum weiterhin finden und auch bedienen, es wird immer eine Nachfrage nach entsprechendem Nischenprodukt auch und gerade für das Kino geben. Dies sieht man nicht zuletzt in der Bilanz des vergangenen Jahres, in dem die Programmkinos in einem sich abwärts bewegenden Gesamtmarkt sogar noch Umsätze dazu gewinnen konnten. Die Arthouse- und die Luxus-Kinos werden dabei zugleich vom demografischen Wandel profitieren, denn die Älteren sind bereit, mehr Geld für einen Kinobesuch auszugeben, und finden zudem die Krawumm-Blockbuster aus Hollywood nicht sonderlich attraktiv.

Schwieriger wird es da schon für die Multiplexe auf dem Land, die nicht zu den großen, multinationalen Ketten gehören. Für sie wird es eng werden am Markt: Ihr Blockbuster-affines Publikum erwartet nach dem neuesten technischen Standard bei Bild, Ton und Mobiliar ausgestattete Säle. Kinos, die dies nicht bieten können (auch weil sie vielleicht die dazu nötigen Investitionen nicht schultern können), die bloße Abspielstätten bleiben und davon ausgehen, dass das Publikum schon kommen wird, weil es einfach gern ins Kino geht, werden es schwer haben. Denn das allein wird in Zukunft nicht mehr reichen. Diese Besucher werden ausbleiben, sie werden dem Kino größtenteils verloren gehen und den Verlockungen der zahlreichen alternativen Angebote des Filmkonsums als erste erliegen.

Alternative Alternativer Content

Dass die Kinos bei ihrer Programmierung durchaus flexibel sein können, beweisen sie schon heute durch den sehr bereitwilligen Einsatz von alternativem Content aller Art. Es scheint auf Seiten der Kinobetreiber also durchaus Interesse vorhanden zu sein, auch einmal etwas anderes anzubieten als nur Filme, die sie über einen nicht gerade kurzen Zeitraum exklusiv zeigen können. Zumal diese Exklusivität noch nicht einmal im Ansatz genutzt wird: Welches Kettenkino gibt einem Film schon die Chance, sich zu entwickeln? Es ist vielmehr das Gegenteil der Fall: Bringt ein Film an seinem ersten Wochenende nicht die erwarteten Umsätze, wird schon am Montag entschieden, ihn ab Donnerstag in Nebenschienen zu verbannen. Man kann also nicht sagen, dass – zumindest den großen Multiplex-Ketten, die paradoxerweise durch ihre zahlreichen Leinwände noch am ehesten die Möglichkeiten dazu hätten –, viel daran gelegen ist, einen Film möglichst lange auszuwerten. Wozu auch, der nächste der 585 Filme steht ja bereits in den Startlöchern und wartet auf seine Chance.

Stay tuned: In Teil 3 werden die Effekte der Netflixolution auf die Produzentenlandschaft in Deutschland näher betrachtet.

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Über cinevoluzzer

Lebt in Berlin und arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren in der Filmbranche. Als Filmkritiker hat einmal alles begonnen und bis jetzt nicht aufgehört. Dazu kamen (und gingen) Aufgaben als Kinobetreiber, PR- und Marketing-Experte, Gastdozent, Drehbuchanalyst sowie Marktforscher- und -beobachter. Stellt als P&A-Consultant unter www.cinevoluzzer.de seine Expertise allen zur Verfügung, die ihre Filmwerke optimal ausgewertet wissen wollen.