Zurück in der Vergangenheit

Ging es vorgestern an dieser Stelle um Meinungsforschungsinstitute oder solche, die sich dafür ausgeben, kann ich heute etwas zum Thema Hotlines sagen. Gestern fiel mein Internet aus und damit natürlich auch das Telefon. Früher blieb schon mal der Strom weg, das Gas oder meinetwegen versiegte auch mal das Wasser, aber das Telefon versagte so gut wie nie. Die Welt ging unter, aber man konnte sich darüber beschweren oder einen Techniker rufen, der es wieder richtete. Heute erreicht man nur einen Sprachcomputer.

Gute fünf Minuten musste ich mich durch das Programm quälen und Fragen beantworten, wobei der Computer an entscheidender Stelle schwerhörig war. Ich antwortete auf die Frage, worin mein Problem liegt, mit „Störung“. Mein elektronisches Gegenüber fragte erneut und nannte mir ein weiteres Mal alle möglichen Optionen, die neben Rechnung, Mahnung und grober Unfug auch das Wort Störung beinhalteten. Er verstand mich wieder nicht. Dasselbe Spiel ein drittes Mal, diesmal brüllte ich fast vor lauter Verzweiflung in den Hörer, und … oh Wunder! Endlich wurde ich verstanden. Man muss eben manchmal laut werden. Mit freundlicher Stimme wurde ich zum nächsten Techniker weiterverbunden: „Ihre Wartezeit beträgt dreißig Minuten.“ Das war vermutlich die Strafe, weil ich laut geworden war.

Eine Stunde später versuchte ich erneut mein Glück. Dank der neuesten Überwachungstechnologie wusste das System noch, dass ich schon einmal angerufen hatte, fragte aber trotzdem ganz scheinheilig, ob ich aus demselben Grund wie zuvor anrufen würde. Ich hatte schon eine bissige Bemerkung auf der Zunge, aber damit kommt man bei einer Maschine ja nicht weit. Nur zehn Minuten später hatte ich Jan Delay an der Strippe. Zumindest klang der Techniker genauso nasal. Nachdem er dies und das geprüft hatte, verkündete er in einem unangemessen erleichterten Ton, dass eine allgemeine Störung vorliege, die von elf Uhr einundzwanzig bis siebzehn Uhr dauern würde. Auf meine Frage, ob ich ihn dann um eine Minute nach fünf anrufen und mich erneut beschweren könne, meinte er nur, dass seien Richtwerte. Und warum mein Nachbar im selben Haus Internet hat, wusste er auch: „Der liegt auf einem anderen Server.“

Früher hätte ich gar nicht erst anrufen müssen, da hätte ein Gang zum Nachbar gereicht – wenn der auch keinen Strom hatte, wusste man, das ist eine „allgemeine Störung“ und wird bald wieder behoben. Heutzutage, wo die Technik unser Leben ja so viel einfacher macht, muss man sich erst mit schwerhörigen Computern und einem schnippischen Jan Delay herumschlagen. Ich will die guten, alten Brieftauben zurück …

Als um zwanzig Uhr immer noch nichts ging, rief ich ein drittes Mal an. Jan Delay hatte bereits Feierabend, und sein Kollege sprach mit einem so breiten sächsischen Dialekt, dass ich ihn kaum verstanden habe. Immerhin bekam ich so viel mit, dass die Störung immer noch nicht beseitigt war und das Ganze bis in die frühen Morgenstunden dauern würde. Falls es dann immer noch nicht funktioniert, sollte ich um acht Uhr erneut anrufen, dann seien die Leitungen erfahrungsgemäß kaum belegt. Für die Zukunft hoffe ich, die nächste Störung tritt am frühen Morgen auf.

Zum Glück konnte ich am Morgen wieder online gehen. Knapp vierundzwanzig Stunden habe ich wie im 20. Jahrhundert gelebt, und es war gar nicht mal so schlimm. Ich konnte auch offline arbeiten, und am Abend habe ich gelesen statt mir The Walking Dead auf SkyGo anzusehen. Den Grund für die Störung habe ich übrigens auch erfahren – aus dem Internet: Der Kampfmittelräumdienst hat bei der Suche nach Bomben eine Probebohrung durchgeführt und dabei versehentlich ein Kabel durchtrennt. Folglich hatte fast der gesamte Stadtteil kein Internet. Das 21. Jahrhundert hängt also buchstäblich an einem dünnen Faden …

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...