Knasterfahrung

„Morgen muss ich ins Gefängnis“, ist ein Satz, der bei jedem Gesprächspartner für Irritationen sorgt. Was der Hauptgrund war, warum ich ihn so oft wie möglich benutzt habe. Vorvergangenen Sonntag waren Mark G. und ich nämlich tatsächlich im Gefängnis, und zwar in der neuerbauten JVA in Gablingen. Ein Tag der offenen Tür sozusagen, zumindest in einer Richtung, andererseits sitzt dort noch keiner ein, da die Einrichtung erst in naher Zukunft in Betrieb genommen wird, was uns ein Gefängnisaufstand-Geiselnahme-Szenario wie in einem RTL-Film erspart hat. Ein Glück, denn die Rolle als Bruce Willis hätte mich vermutlich überfordert. Außerdem hasse ich Feinrippunterhemden.

Als Autor fand ich die vier Stunden, die wir hinter Gittern verbracht haben, ausgesprochen interessant. Abgesehen von jeder Menge Fachvokabular, das man dabei lernt, erfährt man auch viel über die Abläufe – von der Ankunft der Insassen, ihrer Aufnahme bis hin zu ihrem Alltag. Wir durften uns sogar probeweise einmal in einer Zelle einschließen lassen. Faszinierend waren vor allem die Sicherheitseinrichtungen, von denen wir selbstredend nur einen kleinen Teil zu sehen bekamen. Natürlich dachte ich sofort über ein Szenario nach, das einen Ausbruch ermöglichen würde, ohne allerdings einen brauchbaren Ansatz zu finden. Wenn die Zäune und Mauern mit Detektoren gesichert sind, die bereits bei einem herumkrabbelnden Insekt Alarm auslösen, wenn Herzschlagdetektoren sogar eine Maus in einem LKW aufspüren können oder manche Türen sich nur mittels Venenscanner öffnen lassen, kann an sich nur sehr schwer ein Fluchtszenario vorstellen, das realistisch wäre.

Passend zu unseren Knasterfahrungen gibt es heute die Kritik zu einem Film über Kriminelle:

Snatch – Schweine und Diamanten

In Antwerpen wird ein ungeheuer wertvoller Diamant gestohlen. Einer der Räuber, Franky Four Fingers (Benicio Del Toro) fliegt mit dem Stein nach London. Doch einer seiner Komplizen will ihn austricksen und setzt Boris the Blade (Rade Serbedzija) ein, um Franky den Stein abzunehmen. Boris schickt ihn in ein Wettbüro von Brick Top (Alan Ford) und lässt es von zwei Amateur-Räubern (Robbie Gee und Lennie James) überfallen: Sie sollen Franky die Aktentasche mit den Diamanten abnehmen, doch alles geht schief. Brick Top nimmt das naturgemäß ziemlich übel und sinnt auf Rache. Gleichzeitig hat er noch andere Probleme: Turkish (Jason Statham) und Tommy (Stephen Graham) haben sich mit Mickey (Brad Pitt) angelegt und einen seiner fingierten Kämpfe in den Sand gesetzt. Nun müssen sie alles daran setzen, dies wiedergutzumachen, aber auch bei ihnen läuft nichts nach Plan.

Die Geschichte ist so verwickelt wie der Gordische Knoten, es gibt jede Menge finstere Pläne und dunkle Absichten, die dann allesamt scheitern, teils an der Unfähigkeit der Protagonisten, teils an der Zielstrebigkeit der anderen Mitspieler. Guy Ritchie schafft es, alle Fäden bis zum Schluss in der Hand zu behalten, ohne sich darin zu verheddern, und sie sogar zusammenlaufen zu lassen in einem Finale, das getrost etwas furioser hätte sein können.

Inzwischen ist der Film fast fünfzehn Jahre alt, was man ihm aber nicht anmerkt, denn er wirkt genauso wild, temporeich und abgefuckt wie viele andere Gangster-Komödien, die nach seinem Schnittmuster entstanden sind. Zusammen mit Quentin Tarantino hat Ritchie dieses Genre tatsächlich neu belebt.

Sowohl damals, als der Film ins Kino kam, als auch heute werde ich jedoch nicht richtig warm mit ihm. Es ist nicht so sehr die komplexe Story, die mich stört, bei der man nicht einmal für zehn Sekunden an seine Steuererklärung oder den Wocheneinkauf denken darf, um nicht die Übersicht zu verlieren, sondern vor allem die Tatsache, dass es nicht eine einzige sympathische Figur in der gesamten Geschichte gibt, mit der man mitfiebern und um die man bangen kann. Im Großen und Ganzen sind einem all die coolen Gangster vollkommen egal, weshalb es auch nicht berührt, wenn der eine oder andere zu Schweinefutter wird.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...