Amy

Als der Wetterbericht vor ein paar Tagen Schnee fürs Wochenende vorhergesagt hat, war ich direkt erleichtert, denn so schön das Wetter im Augenblick auch ist, es ist einfach unnatürlich. Der November hat grau und kalt und ungemütlich zu sein, nicht sonnig und warm. Wo bitteschön bleibt denn das Klischee? Gestern habe ich im Garten gearbeitet, das Laub zusammengefegt – im T-Shirt. So kann das einfach nicht weitergehen, oder sollen wir Weihnachten etwa unter blühenden Kirschbäumen verbringen?

Bei solchen eintönigen Arbeiten in Haus und Garten höre ich ganz gerne Musik, und unter den Songs in meiner Playlist waren auch zwei oder drei Stücke von Amy Winehouse. Ihre poppigeren, im Sixties-Sound gehaltenen Stücke vom Album Back To Black mag ich ganz gerne. Passend dazu gibt es heute die Kritik zu dem Dokumentarfilm.

Amy

Der langsame, unaufhaltsame Niedergang von Amy Windehouse, der erst 2011 mit ihrem Tod endete, vollzog sich in aller Öffentlichkeit. Selbst wenn man sich nicht besonders für Klatsch und Tratsch interessierte, hörte man immer wieder, dass die britische Sängerin ein Konzert abgesagt hatte, betrunken auf der Bühne stand, von ihr heruntergebuht wurde oder alleine oder gemeinsam mit ihrem Mann Blake Fielder durch drogenbedingtes Fehlverhalten auffiel. Falls der Gatte nicht gerade im Gefängnis saß. Man hörte aber auch, vor allem seit 2006 Black To Black erschienen war, ihre Musik.

Der Dokumentarfilm erzählt vor allem von ihrer musikalischen Karriere, beginnend mit einem privaten Geburtstagsständchen für eine Freundin, als sie gerade einmal 14 Jahre alt ist und bereits eine interessante Stimme besaß. Über ihre Kindheit wird nur wenig bekannt, Amy erzählt jedoch in einem Interview selbst, dass sie mit neun Jahren zu einem wilden Mädchen wurde, als ihr Vater die Familie verließ und ihre Eltern sich trennten. Zigaretten, Marihuana und Alkohol waren fortan ihre Begleiter.

Dass sie ihr ungeheures musikalisches Talent schon früh entwickeln konnte, stets auf Förderer und Plattenlabels stieß, die sie ermutigten, ihren eigenen Weg zu gehen, und schon bald erste Erfolge aufweisen konnte, führte zu ihrem Durchbruch mit Anfang zwanzig. Viel zu früh, möchte man sagen, da sie als Mensch noch nicht gefestigt schien, zu empfänglich war für die Zuneigung von den falschen Leuten und den einfachen Antworten, die man im Alkohol findet.

Das Besondere an der Doku von Asif Kapadia ist, dass es zwar jede Menge Interviews mit Familienmitgliedern, Freunden und Weggefährten gibt, die ausführlich über Amys Charakter, ihre Veränderungen und Probleme berichten, man aber so gut wie nie diese Interviews zu sehen bekommt. Das Bildmaterial besteht fast ausschließlich aus Amateuraufnahmen aus ihrem Umfeld sowie Ausschnitten aus Berichten über Preisverleihungen. So entsteht ein intimes Porträt, das vor der massenhaften Verbreitung digitaler Aufnahmegeräte nicht möglich gewesen wäre. Leider geht das zulasten des Tons. Aber da nahezu jeder ein Handy mit Kamera besitzt, kann alles dokumentiert werden – auch das, was zu schmerzlich, zu persönlich ist. So tut es zwar weh, diese ausgemergelte, faszinierende Persönlichkeit zu sehen, ihr Straucheln zu beobachten, gleichzeitig schaut man aber auch mit einem gewissen Entsetzen über sich selbst zu – die Ausbeutung durch die hungrigen Medien, die Amy nie in Ruhe gelassen haben, findet selbst nach ihrem Tod kein Ende.

Amy erfüllt viele Klischees berühmter Sängerinnen, vor allem Jazzsängerinnen, die eine Vorliebe für ungesunde Beziehungen zu haben scheinen, und mit ihrem Tod im Alter von nur 27 Jahren hat sie sogar Aufnahme in dem berühmten „Club 27“ gefunden, zu deren weiteren Mitgliedern unter anderem Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison und Kurt Cobain gehören. Über diese üblichen Versatzstücke vom Aufstieg und Niedergang hinaus erfährt man allerdings nur wenig über Amy, ihre Persönlichkeit, ihre Dämonen. Man hört von Bulimie und Depressionen, ihrer komplizierten Beziehung zu ihrem Ehemann, aber wirklich in die Tiefe geht das nicht. Im Grunde ist alles bereits aus den Klatschspalten bekannt, und wie viele dramatische Wendungen kann es in einem so kurzen Leben schon geben? So bleibt am Ende nicht viel in Erinnerung, nur die unglaubliche Stimme und ihre Musik …

Note: 3-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...