Flesh and Bone

Vergangene Woche ging es um Mozart in the Jungle. Dazu passt wunderbar eine weitere Serie, von der ich erstmals bei den Golden Globes gehört und die ich unlängst auf Amazon Prime gesehen habe. Auch sie spielt in der Musikszene New Yorks, nur geht es nicht um Musiker, sondern um Balletttänzer. Das klassische oder auch moderne Tanztheater gehört nicht unbedingt zu meinen Steckenpferden, ich erinnere mich, irgendwann einmal den Film-Klassiker Die roten Schuhe gesehen zu haben, den ich unendlich langweilig fand. Dabei kann ich den anmutigen Bewegungen auf der Bühne durchaus einen ästhetischen Genuss abringen, nur weiß ich nicht, ob ich mehr als eine kleine Dosis davon ertragen könnte. Vielleicht sollte ich mir einfach mal eine Vorführung anschauen – so als kulturelles Experiment und um meinen Horizont zu erweitern.

Doch zurück zum Fernsehen: Flesh and Bone heißt die Serie, in der es eine junge Tänzerin nach New York verschlägt, wo sie bereits nach dem ersten Vortanzen ein Engagement erhält. Der Direktor ist begeistert von ihr und will sie zu seinem neuen Star machen, doch Claire (Sarah Hay) ist schüchtern und besitzt eine dunkle Vergangenheit, die sie bald einholt …

Black Swan stand vermutlich Pate bei der Entwicklung dieser Geschichte, und mit dem Kinohit teilt sie eine düstere Atmosphäre, geheimnisvolle Figuren und einen Hang zu unappetitlichen Details. Ein wenig erinnert sie auch an Fame, denn allen Beteiligten wollen hoch hinaus und träumen vom Ruhm. Doch der Weg an die Spitze ist brutal und voller Hindernisse, und gemeine Rivalen und bittere Schicksalsschläge vereiteln darüber hinaus so manchen Traum.

Die Hauptdarstellerin, die vom Ballett kommt und die letzten Jahre in Dresden arbeitete, ist eine Entdeckung, denn sie kann nicht nur herausragend tanzen (was ich so als Laie beurteilen kann), sondern besitzt auch eine starke Präsenz. Ihr düsteres Geheimnis erahnt man zwar bereits nach den ersten Minuten, spätestens zum Ende der ersten Folge, dennoch zieht einen die talentierte Claire in den Bann. Überhaupt entwickelt die gesamte Serie einen starken Sog, was vor allem einer punktgenauen Inszenierung geschuldet ist, die es immer wieder schafft, starke Emotionen zu wecken. Außerdem sind selbst für einen Laien die Tanzdarbietungen außerordentlich gut gelungen.

Ein Highlight ist zudem nahezu jeder Auftritt von Ben Daniels als fieser Direktor der Kompanie, der unglaublich rachsüchtig, gemein und hinterhältig sein kann, den man aber trotz allem auch gelegentlich bedauert. Auch wenn vieles, was erzählt wird, nicht gerade neu ist, mitunter sogar eifrig Klischees bedient und charakterliche Stereotypen beschwört werden, besticht die Serie durch ihre dichte Atmosphäre und ihre Darsteller, die einem schnell ans Herz wachsen. Als achtteilige Mini-Serie konzipiert, wird die Story auch zu einem düsteren, aber nachvollziehbaren Ende gebracht, das in mehrfacher Hinsicht überrascht. Wirklich schade, dass keine weitere Staffel geplant ist …

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...