Im August in Osage County

Manchmal erscheint die Geschichte vielversprechend zu sein, manchmal ist es auch nur die Besetzung, wegen der man sich einen Film anschaut. In diesem Falle konnte die Cast sich wirklich sehen lassen: Mit Meryl Streep, Julia Roberts und Margo Martindale waren gleich drei Schauspielerinnen vertreten, die ich sehr gerne sehe, hinzu kamen noch Ewan McGregor, Chris Cooper, Sam Shepard, Abigail Breslin und einige andere hinzu. Bei so viel Starpower muss doch ein toller Film herauskommen – oder?

Im August in Osage County

Beverly Weston (Sam Shepard) organisiert noch eine Pflegerin für seine tablettensüchtige und krebskranke Frau Violet (Meryl Streep), dann verschwindet er und wird einige Tage später tot aufgefunden. Die Töchter reisen an: Barbara (Julia Roberts) hat sich gerade von ihrem Mann (Ewan McGregor) getrennt und Probleme mit ihrer Teenager-Tochter (Abigail Breslin). Karen (Juliette Lewis) hat sich hingegen wieder einmal verlobt und stellt ihren wohlhabenden Zukünftigen (Dermot Mulroney) vor. Ivy (Julianne Nicholson) will sich endlich von ihrer Mutter abnabeln und nach New York ziehen. Sie ist in einer geheimen Beziehung mit ihrem Cousin (Benedict Cumberbatch). Dieser leidet unter seiner Mutter, Violets Schwester Mattie Fae (Margo Martindale), die ihn ständig piesackt und ihm seine Erfolglosigkeit vorhält. Auf der Trauerfeier kommt es schließlich zum großen Eklat.

Was für eine Besetzung! Kaum ein Film der letzten Jahre war dermaßen stargespickt und weckte so viele Erwartungen. Erwartungen freilich, die nicht erfüllt wurden, weshalb der Film auch relativ erfolglos an den Kassen blieb. Ich hatte ihn damals unbedingt sehen wollen, wurde aber von den verhaltenen Kritiken abgeschreckt.

Man sollte also nicht zu viel erwarten. Die Geschichte ist grundsätzlich interessant: Schwelende Konflikte, dunkle Geheimnisse und jahrzehntelange Kränkungen, die nun ans Tageslicht brechen und die Akteure in ein Wechselbad der Gefühle stürzen – daraus werden große Dramen gemacht. Doch der Anfang ist zäh. Meryl Streep tobt und pöbelt, dass es ein Vergnügen ist, ihr dabei zuzusehen, aber ansonsten passiert nichts. Die Familie trifft ein, die Figuren werden vorgestellt, aber es passiert immer noch nichts. Die ersten Geplänkel setzen ein, hier und da werden ein paar Beleidigungen ausgetauscht, aber es passiert einfach – nichts.

Erst nach der Hälfte kommt Dramatik auf, und dann geht der Film sofort in die Vollen. Das Essen nach der Beisetzung ist wie ein Sommergewitter, das plötzlich und heftig niedergeht, dann hält sich die spannungsgeladene Atmosphäre noch eine Weile, es donnert hier und da, und dann ist alles so schnell wieder vorbei wie es angefangen hat. Es gibt einige gute Momente, aber nichts, was in Erinnerung bleiben würde in diesem Film, der eine Abrechnung mit der amerikanischen Familie, vor allem aber mit den Müttern ist. Sie vergiften die Leben ihrer Kinder, und diese geben das Gift weiter an die nächste Generation. Ein deprimierendes Beispiel für den Niedergang der Mittelschicht.

Wie einige postmoderne Dramen endet die Geschichte vor dem letzten Akt. Weder werden die Konflikte vertieft noch am Ende gelöst. Die Figuren bleiben allein, gefangen in ihren kleinen Höllen. Es stimmt einen traurig.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...