10 Cloverfield Lane

Vor einigen Tagen hatte ich endlich mal wieder Zeit, ins Kino zu gehen. Inzwischen ist es mir schon fast ein wenig peinlich, dass ich so selten Filme auf der großen Leinwand sehe, aber bis ich endlich mit der täglichen Arbeit an meinen neuen Projekten fertig bin, läuft die Abendvorstellung meistens schon, und für die Spätvorstellung, sofern es überhaupt eine gibt, bin ich dann zu müde. Aber vergangene Woche hat es zeitlich gepasst …

10 Cloverfield Lane

Michelle (Mary Elizabeth Winstead) trennt sich von ihrem Verlobten und verlässt die Stadt. Dabei wird sie in einen Autounfall verwickelt. Als sie wieder erwacht, befindet sie sich in einem Bunker, zusammen mit Howard (John Goodman) und Emmett (John Gallagher Jr.), die ihr eine wüste Geschichte erzählen: Durch einen chemischen Angriff wurden fast alle Menschen außerhalb des Bunkers getötet …

Die Kamera klebt von Anfang an förmlich an Michelle, so dass man mit ihr in die Geschichte hineingezogen wird. So entsteht früh eine enge Bindung an die Heldin, deren Perspektive man einnimmt und durch deren Augen man die Welt sieht. Doch trotz dieser Nähe bleibt die Figur relativ blass; man erfährt leider nicht gerade viel über diese Michelle. Ihre beiden Mitbewohner werden hingegen etwas genauer vorgestellt, sie erzählen etwas über sich und ihr Leben, ihre verlorenen Träume, Sehnsüchte – und Michelle kommt dabei auch einem erschreckenden Geheimnis auf die Spur.

Vor allem John Goodman gelingt es, diese Schwächen des Drehbuchs zu nutzen. Sein Howard ist gleichzeitig ein verschrobener Verschwörungstheoretiker, fürsorglicher Ersatzvater und cholerischer Tyrann – eine explosive und beunruhigende Mischung, die diesem Kammerspiel die besondere Würze verleiht. Welche Absichten er hegt, ob man dem, was er über die Welt außerhalb der Mauern sagt, glauben kann oder nicht – vieles bleibt zunächst im Dunkeln.

Leider wird jedoch bereits sehr früh das Rätsel gelüftet, was sehr schade ist, denn die Psychotricks und die raffinierten Katz-und-Maus-Spielchen hätten ruhig noch eine Weile weitergehen oder sich sogar steigern können. Hier wurden leider viele Möglichkeiten verschenkt. Im letzten Drittel nimmt die Geschichte dann noch eine unerwartete Wendung hin zum Actionspektakel, die nicht so ganz zum Rest passt, aber dennoch extrem spannend inszeniert ist.

Der Film bleibt insgesamt weit unter seinen Möglichkeiten, unterhält aber im ersten und im letzten Drittel ungemein gut. Und der Rest dazwischen langweilt wenigstens nicht.

Note: 3+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...