X-Men: Apocalypse

Vergangenes Wochenende habe ich es doch tatsächlich endlich wieder ins Kino geschafft. Eine kleine Flucht aus einem furchtbar hektischen Alltag, was Kino im besten eskapistischen Sinne ja sein kann. Und damit es nicht zu anstrengend wird und ich nicht einnicke, sobald ich einmal zweieinhalb Stunden im Dunkeln sitze, gab es was Lautes und Buntes zu gucken …

X-Men: Apocalypse

Vor gut dreieinhalbtausend Jahre lebte in Ägypten ein damals schon uralter Mutant, der erste seiner Art, mit dem Namen En Sabah Nur (Oscar Isaacs). Seine Fähigkeit bestand darin, sein Bewusstsein auf andere Körper übertragen zu können, wodurch er nicht nur praktisch unsterblich wurde, sondern auch immer weitere Fähigkeiten erwerben konnte. Doch während einer solchen Tausch-Zeremonie kommt es zu einem Aufstand, und En Sabah Nur wird lebendig unter seiner Pyramide begraben. Erst Anfang der Achtziger Jahre wird er von seinen Anhängern wiedergefunden und zum Leben erweckt, und sein Ziel ist klar: Er will die Weltherrschaft erlangen.

Bricht man die Geschichte des Films auf diese Story herunter, klingt alles furchtbar martialisch und sogar ein bisschen gaga. Wie ein klassischer B-Film eben. Man könnte aus der Prämisse sogar eine launige Komödie machen, schließlich muss sich ein so alter Mutant doch seltsam fühlen in unserer hektischen modernen Welt. Aber En Sabah Nur lernt schnell, innerhalb weniger Minuten kann er unsere Sprache, und über Telefone, Fernseher und Autos wundert er sich auch nicht. Schade eigentlich, andererseits wäre er als Bösewicht wohl kaum ernst zu nehmen, wenn er bei McDonalds am Drive-In auftauchen würde. Und Bryan Singer nimmt die Figur ernst, todernst sogar.

Dabei hätte dem Film ein bisschen Humor durchaus gutgetan. Aber witzig wird es eigentlich nur dann, wenn Quicksilver (Evan Peters) seine Show abzieht, was man zwar alles schon mal gesehen hat, aber immer noch gut findet. Auch sonst sind alle Neuzugänge im Mutantenstadl altvertraut, allerdings neu besetzt. Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee) ist wieder dabei, Storm (Alexandra Shipp), Jean Grey (Sophie Turner) und Cyclops (Tye Sheridan) auch. So gut wie ihre Vorgänger sind die jungen Schauspieler aber leider nicht.

Natürlich fehlen auch die bekanntesten Gesichter der Reihe nicht. James McAvoy ist wieder Professor Charles Xavier, und diesmal erfährt man, wie er zu seiner Glatze kommt. Magneto (Michael Fassbender) ist wieder die tragische Gestalt vom Dienst, dessen persönliche Verluste in einer Orgie der Zerstörung resultieren, und Mystique (Jennifer Lawrence), die sich von Xavier und Magnete emanzipiert hat, ist zur Heldin und zum Vorbild einer neuen Generation aufgestiegen, hadert aber mit dieser Bürde. Auch wenn die Story nun in einem Paralleluniversum spielt, scheint sich vieles auf erschreckende Art zu wiederholen. Sehr nett ist auch der Auftritt von Wolverine (Hugh Jackman) als Deus ex Machina, der den jugendlichen Helden den Allerwertesten rettet und dann wortlos verschwindet. Eine Lektion auch in Sachen Coolness.

Es gibt viele Figuren zu beobachten, viele Schicksale, die erzählt werden wollen, und die Autoren schaffen es leider nicht, allem gerecht zu werden. So fängt die Story mit jeder Figur gewissermaßen wieder von vorne an, und der Film ist schon halb vorbei, bevor man weiß, was mit allen geschehen ist. Und dann geht es nur noch darum, einen Bösewicht aufzuhalten, der eigentlich unbesiegbar und noch dazu unsterblich ist. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Film am deutlichsten von seinen Vorgängern, in denen es meistens um den Konflikt zwischen dem Andersartigen und der Welt ging. Doch die normalen Menschen spielen diesmal allenfalls eine Statistenrolle.

Schade, dass dem Bösen nichts Besseres als der Weltuntergang einfällt, natürlich mit dem hehren Ziel, eine bessere Welt zu schaffen. Ironisch, dass er zuvor alle Nuklearwaffen von der Erde hat verschwinden lassen. Dieser Einfall ist ein wunderbarer Kommentar zum Kalten Krieg und der Angst vor der nuklearen Apokalypse, die die Welt jener Tage erfüllte.

Auch der Showdown ist sehenswert, denn er zeigt, dass die X-Men trotz vieler Gegensätze und erbitterter Kämpfe sich vor allem als Familie begreifen, etwas, von dem die Avengers nur träumen können. So gibt es zwar eine Menge Streit, am Ende aber auch viel Versöhnliches. Und die Gewissheit, dass die Abenteuer weitergehen, schließlich gibt es noch jede Menge andere Bösewichter …

Note: 3+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...