Exodus: Götter und Könige

Clint Eastwood, Ridley Scott und auch Steven Spielberg sind leider nicht mehr die Jüngsten, man könnte durchaus von Altmeistern sprechen, mit der Betonung auf der ersten Silbe des Wortes. Umso gespannter erwarten die Fans ihre Filme, hoffen auf ein weiteres Meisterwerk, eine Reminiszenz an frühere Erfolge, vielleicht sogar eine neue Richtung in ihrem Oeuvre. George Miller hat uns ja unlängst mit Mad Max: Fury Road gezeigt, dass man auch im fortgeschrittenen Alter noch lange nicht zum alten Eisen gehören muss.

Aber egal, ob man sich von Eastwood einen neuen Western, von Spielberg ein weiteres Zaubermärchen oder von Scott eine Erweiterung des Alien-Universums wünscht (immerhin ist es nächstes Jahr mit Alien: Covenant ja soweit), gleichzeitig gibt es auch Sujets, die man weder von ihnen erwartet noch sie sehenswert findet. Und ein Bibel-Epos gehört sicherlich dazu …

Exodus: Götter und Könige

In Ägypten herrscht Pharao Seti (John Turturro), der seinen Sohn Ramses (Joel Edgerton) zwar liebt, den Sohn seiner Schwester Moses (Christian Bale) aber lieber auf dem Thron sehen würde, was jedoch ausgeschlossen ist. Außerdem steht Moses loyal zu Ramses, dem er in brüderlicher Zuneigung verbunden ist und während eines Kriegszugs sogar das Leben rettet. Eine Prophezeiung der Hohepriesterin (Irina Varma) sieht in dieser Tat jedoch die Geburt eines großen Anführers, was Ramses neidisch werden lässt. Als eine Palastintrige enthüllt, dass Moses nur der Ziehsohn der Prinzessin ist und in Wahrheit dem Sklavenvolk der Israeliten angehört, wird er verbannt. Dank des israelitischen Anführers Nun (Ben Kingsley) bekommt Moses Kontakt zu seiner wahren Familie, bekennt sich zu seinem Volk und setzt alles daran, sie aus ägyptischer Knechtschaft zu befreien.

Als Kind liefen sie an den Feiertagen immer im Fernsehen, die Bibel- und Sandalenfilme der Fünfziger und Sechziger – und gefühlt waren sie alle mit Charlton Heston in der Hauptrolle. In Die Zehn Gebote spielte er 1956 nun tatsächlich Moses, und irgendwie gehörte es zu Ostern dazu, ihm bei der Teilung des Roten Meers zuzusehen. Aber diese Streifen sind inzwischen veraltet und von einer kitschigen Frömmigkeit geprägt, die vielen heutzutage nur noch peinlich ist.

Aber Bibelfilme und religiöse Stoffe erfreuen sich – vor allem in den USA und dort besonders im Bibel Belt – einiger Beliebtheit, weshalb eine Neuverfilmung naheliegt. Allein in diesem Jahr gab es mit Auferstanden und Der junge Messias gleich zwei Filme über Jesus Christus in den Kinos. Warum also nicht noch einmal die Story von Moses erzählen, noch dazu mit tollen Schauspielern und einem Budget, das spektakuläre Effekte ermöglicht?

Überraschend ist, dass Ridley Scott auf dem Regiestuhl Platz genommen hat, dem man eigentlich etwas Originelleres zugetraut hätte. Aber warum nicht? Gladiator und Königreich der Himmel waren auch keine schlechten Historienfilme, und die erste Hälfte von Exodus steht mehr oder weniger in dieser Linie, wenn auch leidenschaftsloser erzählt.

Christian Bale macht seine Sache gut, scheint sich aber gelegentlich selbst zu fragen, wie er in diesen Film geraten ist. Es liegt in erster Linie wohl am Drehbuch, dass er keinen richtigen Zugang zu der Rolle gefunden hat, denn der Kern seiner Figur, ihre Entwurzelung, ihr plötzlicher und absoluter Identitätsverlust, der mit einer religiösen Erweckung und Epiphanie einhergeht, wird leider sehr schlecht herausgearbeitet. Seine Entwicklung vom ägyptischen General zu israelitischen Widerstandskämpfer ist zwar stringent, sogar folgerichtig, aber völlig unzureichend belegt. Man versteht nicht so recht, was ihn dazu bewegt, auf einmal seine neue Identität anzunehmen.

Bis zu dem Moment, in dem Moses sein Volk im Widerstandskampf schult und ihnen Guerillakampftechniken beibringt, ist der Film richtig gut gelungen. Er hat tolle Bilder, die uns in eine exotische Welt (wenngleich mit albernen Perücken) entführen, es gibt spannende Kampfszenen und gemeine Intrigen. Störend wirken nur manchmal allzu westliche Schauspieler, deren strahlend blaue Augen nun gar nicht zum antiken Ägypten passen.

Aber irgendwann übernimmt Gott das Heft des Handelns und degradiert sämtliche Figuren zu Nebendarstellern, die nur noch reagieren können, selbst aber nichts mehr zu bestimmen haben. Jahwe als beleidigtes Kind darzustellen, das nach vierhundert Jahren der Unterdrückung seines Volkes endlich genug hat und – ausgerechnet in dem Moment, in dem die Israeliten beginnen, sich selbst zu wehren – einschreitet, ist grenzwertig. Einerseits schienen die Autoren und Scott das göttliche Eingreifen nur indirekt darstellen zu wollen, wenn man es negativ sehen will, als eine Art Geisteskrankheit, wenn man es positiver betrachtet, als Inspiration, die Moses und seine Mitstreiter beflügelt und auf Ideen bringt, wie man die ägyptische Herrschaft abschütteln kann, was einer interessanten Neuinterpretation des Stoffes gleichgekommen wäre, andererseits befürchteten sie wohl, damit ein traditionelleres Publikum zu verschrecken, das auf dem genauen Wortlaut der Bibel Wert legt und diesen auch auf der Leinwand umsetzt sehen will.

Im zweiten, effektgeladenen Teil des Films beginnt nun also die „Gottes-Show“, und damit geht der Unterhaltungswert der Geschichte stetig bergab. Die Bilder sind immer noch großartig, und die Plagen wirken nicht nur bedrohlich, sondern werden in einer amüsanten Szene sogar von den Gelehrten des Pharaos „wissenschaftlich“ erklärt. Man ertappt sich aber auch dabei, sie etwas gelangweilt abzuhaken und auf das große Finale zu warten. Dass die Teilung des Roten Meers ganz anders aussieht, als man erwartet hat, kann man hingegen zu den besseren Einfällen rechnen.

Der weniger spannende Teil der Geschichte von Moses wird in wenigen Szenen abgehandelt. Nur noch schnell ein paar Gesetze in Stein meißeln, damit der zu große Stamm eine gemeinsame Grundlage, gewissermaßen ein Grundgesetz bekommt, dann ist er auch schon ein alter Zausel – und sein Volk irrt immer noch durch die Wüste …

Mein Fazit: Kein schlechter Film, aber auch nicht von der Qualität, die man von Ridley Scott sonst gewöhnt ist.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...