Wookies in Vegas

usa14Unser letzter Tag in Las Vegas verging wie im Flug und war relativ unspektakulär. Am späten Vormittag trafen wir noch einmal unsere Freunde aus L.A., gingen mit einigen aus unserer Gruppe bei Johnny Rocket’s eine Kleinigkeit essen – leider hatten sie keinen Butterfinger Milkshake auf der Karte – und vertrödelten danach noch etwas Zeit im Kasino. Die meisten fuhren wieder zurück nach Kalifornien, der Rest macht sich morgen früh mit uns auf den Weg.

usa12Gegen Abend unternahmen wir noch einen letzten Spaziergang auf dem Strip. Und es war VOLL. Man hat das Gefühl, dass die Stadt von Jahr zu Jahr lauter, bunter und voller wird, vielleicht werde ich aber auch nur stetig empfindlicher. Die permanente Musikberieselung, dazu das Klingeln der Spielautomaten und das Stimmengewirr der Besucher erzeugen bei mir nach einer Weile eine gewisse Gereiztheit. Hinzu kam, dass es am Tage sehr heiß und für hiesige Verhältnisse sogar ein wenig schwül war; sogar am Abend kühlte es nicht ab.

usa11Selbst der Besuch des stets kitschig-schön dekorierten Wintergartens im Bellagio war kein wirkliches Vergnügen, da von allen Seiten gedrängelt wurde. Auch in den meisten Shopping Malls war noch viel los, in den Läden selbst dagegen weniger. Manchmal frage ich mich, wie die vielen Louis Vuitton-Shops überleben können, wenn praktisch jede Filiale nur einen Handtaschenwurf von einer anderen entfernt ist.

Das Beste bei einem Bummel in Las Vegas ist jedoch das Leute-Beobachten. Mitunter begegnet man hier ganz schön schrägen Gestalten, dem Tattoo-Lovers-Club zum Beispiel, der auf dem Gehweg herumlungerte und dabei dicke Zigarren rauchte, jener jungen Dame im schreiend bunten Outfit und mit himmelblauen Haaren, die schon von weitem auffiel, oder jenem seltsamen Herrn im hüftlangen Seidenhemd, der einen Spazierstock mit sich herumtrug, bei dem Gandalf vor Neid blass geworden wäre. Und dann waren noch so viele Inder unterwegs, dass man sich auf einem Basar in Mumbai wähnte.

Besonders kritisch sind die Ampelübergänge, an denen sich die Massen auf beiden Seiten stauen und dann aufeinander zuhalten wie in der Schlacht der fünf Heere. Auf den Gehwegen versperren einem zusätzlich noch die vielen Showgirls, Verteiler von Werbekarten für Stripclubs, Wasser- und Bierverkäufer und die zahllosen Imitatoren den Weg. Wie viele Wookies gibt es wohl in Las Vegas? Wahrscheinlich so viele wie Deadpools, und dann haben wir einen Batman getroffen, der eher ein Fatman war – dagegen war selbst Elvis schlank. Richtig problematisch sind aber nur die ausladenden Kostüme. Mit einem Transformer (ja, es gibt sie immer noch) zusammenzustoßen, kann schmerzhaft sein, und um ein Haar wäre ich über ein Minion gestolpert und hätte eines der vielen Pokemons umgeworfen, weil mich eine riesige Hello Kitty abgelenkt hat. Sie sind wirklich überall. Ebenso wie die Betrunkenen. Ich habe noch nie so viele torkelnde Menschen gesehen wie bei diesem Aufenthalt, sogar schon am frühen Nachmittag. Und noch nie so viele Rettungswagen im Einsatz.

Fast an jeder Straßenecke, auf jeder Fußgängerbrücke findet man zudem auch Obdachlose. Einige sehen aus wie die klassischen Cracksüchtigen, andere machen einen gepflegteren Eindruck und halten Schilder hoch, auf denen sie sich als finanziell ruinierte Krebspatienten ausgeben. Manche sind jugendliche Ausreißer, andere scheinen ihr ganzes Leben auf der Straße verbracht zu haben.  Armut hat in Amerika ja immer ein bisschen was von einem Verbrechen, das das Opfer selbstverschuldet hat, und entsprechend resigniert sehen die meisten aus.

Daneben gibt es dann noch jene, die versuchen, ihr Geld als Straßenkünstler zu verdienen. Einige wenige sind wirklich gut, andere dagegen nicht. Einen Akkordeonspieler, der sein Instrument mit großer Begeisterung, aber überschaubarem Talent bemüht hat, haben wir schon vor anderthalb Jahren an genau derselben Stelle gesehen. Man kann nicht sagen, dass er sich seither verbessert hätte. Übertroffen wurde er noch von einer singenden, jungen Frau, die keinen einzigen Ton getroffen hat. Als Duo wären sie unschlagbar.

Las Vegas verändert sich ständig. Als ich vor elf Jahren das erste Mal hier war, gab es viele Kasinos am südlichen Ende des Strips noch gar nicht, jetzt stehen dort Bettenburgen mit tausenden Zimmern, es gab auch keine Bildschirme mit bewegter Werbung, heute sieht man sie an jeder Hauswand. Aufgefallen ist mir heuer besonders, dass die schöne Fassade zu bröckeln scheint. Es sind nicht nur die Rolltreppen, die nicht funktionieren, oder die defekten automatischen Türen oder kaputten WCs. Seit Juni sind die Kasinos dazu übergegangen, Geld fürs Parken zu nehmen, und zwar nicht nur ein paar Dollar, sondern gleich vierzehn oder achtzehn Dollar für wenige Stunden Valet-Parking; sogar wenn man selbst parkt, kostet es inzwischen. Schuld daran soll, laut unserem Taxifahrer, die neue Arena sein. Die Hotels fürchten wohl, dass die Besucher lieber umsonst bei ihnen parken anstatt vor Ort, wo sie vermutlich dafür zahlen müssen. Auf Dauer verschrecken sie damit jedoch die Kasinogäste, die bereits mit Fassungslosigkeit auf die Änderung reagiert haben.

Früher gab es auch jede Menge Valets, die einem in Nullkommanix den Wagen gebracht haben, gestern mussten wir eine Viertelstunde warten, weil nicht genügend Leute zur Verfügung standen. Auch Zimmermädchen scheinen nicht mehr so zahlreich vorhanden zu sein, denn am letzten Tag haben sie sich erst am späten Nachmittag bei uns blicken lassen. Hinzu kommt, dass sie allesamt sehr gehetzt und fast ein bisschen ängstlich wirken. Was ist nur los in Vegas?

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Alles in allem war es dennoch ein schöner Aufenthalt, der für meinen Geschmack ruhig etwas kürzer hätte ausfallen können. Aber das kommt eben davon, wenn man weder trinkt noch spielt. Las Vegas ist kein Urlaubsort zum Entspannen, aber durch und durch faszinierend. Man kann eine Menge Spaß haben, man darf sich nur nicht vom schönen Schein blenden lassen.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Mark G. & Pi Jay in La-La-Land 2016 und verschlagwortet mit , , , von Pi Jay. Permanenter Link zum Eintrag.

Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...