Die dunkle Seite Amerikas

usa72Es ist leicht, mit den Amerikanern ins Gespräch zu kommen, nur wenn ich gefragt werde, wie lange wir noch bleiben, werde ich immer ganz verlegen.
Neuneinhalb Wochen – da reißt jeder erst einmal erstaunt die Augen auf und sieht uns seltsam von der Seite an: Nein, im Rentenalter sind wir noch lange nicht, aber wir kommen ja aus dem sozialistischen Europa. Wirklich neidisch war bislang keiner, die meisten gönnen uns die lange Abwesenheit von Zuhause, vor allem wenn wir versichern, dass wir auch unterwegs arbeiten müssen. Die meisten, mit denen wir reden, sind allerdings reisende Rentner.

Amerikaner unseres Alters arbeiten eben von früh bis spät, sogar sonntags sind sie fleißig, obwohl hier alle furchtbar fromm sind und es in den Kleinstädten mehr Kirchen als Tankstellen gibt. Der Tag des Herrn wird eben auf andere Art geheiligt, durchs Geldverdienen, schließlich ist das beste puritanische Tradition.

usa76usa77Am Sonntag sind wir durch einige Kleinstädte in Colorado gekommen. Unser Ziel war der Black Canyon of the Gunnison National Park, ein langer Name für ein relativ kleines Naturschutzgebiet. Wie am Vortag im Colorado National Monument konnte man auch hier nur am Rand einer tiefen Schlucht entlangfahren, seine Fotos machen und über die Kraft von Wind und Wasser staunen. Diesmal ist jedoch nicht der Colorado für die wildromantischen Zerklüftungen im grauen Fels verantwortlich, sondern der eher unbekannte Gunnison. An manchen Stellen geht es rund 750 Meter steil bergab – würde man das Empire State Building in die Schlucht stellen, es würde nur ungefähr bis zur Mitte der Felswand reichen …

usa71usa74Von unserer Streckenführung her lag der South Rim am nächsten, und diesmal kam uns wenigstens kein Radrennen in die Quere. Die Fahrt entlang des Abgrunds dauerte nur eine knappe halbe Stunde, aber ein Dutzend Haltepunkte warteten unterwegs darauf, angefahren zu werden. Manche sind durch einen kleinen Fußmarsch erreichbar, andere liegen unmittelbar an der Straße. Von Aussichtsplattformen aus bot sich uns ein atemberaubender Blick in schwindelerregende Abgründe und auf den rauschenden Gunnison, der sich tief in das graue Gestein gegraben hat. Zerklüftete Felsen und lange Risse bestimmen das Bild, es ist eine schroffe, karge Landschaft, die einsam und abweisend wirkt, wie einem Gemälde von Caspar David Friedrich entsprungen. Leider war es sehr bewölkt, so dass die Schlucht noch dunkler aussah, als sie es ohnehin schon ist, aber der Anblick war wirklich wunderschön – auf eine düstere, gefährliche Art und Weise …

usa75Wir haben insgesamt zwei Stunden im Park verbracht und die Aussicht genossen. Wandern kann man dort leider nicht, es sei denn, man ist ein erfahrener Kletterer, unter Gämsen aufgewachsen und zusätzlich im Besitz einer gültigen Erlaubnis von der Parkverwaltung. Und selbst dann ist es eher ein Klettern oder Abseilen denn ein Wandern. Manchmal vielleicht auch ein Abstürzen.

usa73Nach diesem Zwischenstopp ging es weiter auf unserer Reise durch Colorado, das uns mit einer traumhaft schönen und abwechslungsreichen Landschaft überraschte. Wir durchquerten weite Ebenen mit Präriegras und riesigen Farmen, kamen an einem großen Stausee, der mehrere Täler geflutet hatte, und endlosen Wäldern vorbei. Überall zeigten die Bäume ihr gelbes Herbstlaub, das in der Sonne glänzte, und über eine sehr lange Zeit folgten wir einem kleinen Flüsschen, das sich malerisch durch eine Ebene schlängelte und dann durch ein enges Tal zwängte und sich zuletzt als Rio Grande entpuppte, der hier noch eher ein Rio Pequeño ist (falls das jetzt korrekt übersetzt ist).

Ein paar Kleinstädte mussten wir ebenfalls durchqueren, und eine davon hieß Delta, das schon am Ortseingang mit dem Titel „All American City“ warb. Auf den ersten Blick erinnerte sie an die bewohnten Geisterstädte in Texas, in denen Häuser und Industrieanlage vor sich hin rotten und man erwartet, Tumbleweed über die Straße rollen zu sehen. Auch hier gab es Verfall und Elend, standen etliche Grundstücke, Häuser und Fabrikhallen zum Verkauf, aber daneben gab es auch propere Geschäfte und Häuser, die gut in Schuss waren.

Vor einem Waffenladen befand sich ein großes, selbst gemaltes Plakat, auf dem stand, dass der „Kenia born Obama“ ein Verbrecher sei. Es war schon etwas verwittert, vielleicht weil es bereits vor acht Jahren aufgestellt wurde, und ein kleiner Verweis auf den jetzigen Wahlkampf („End Clinton’s Corruption“) musste genügen. Wir hätten ja gerne ein Foto davon gemacht, aber, wie gesagt, dem Besitzer gehörte ein Waffenladen.

Überhaupt haben wir nur Wahlplakate für Trump gesehen, allerdings insgesamt relativ wenige. Die meisten Poster zieren die Konterfeis oder Namenszüge von lokalen, staatlichen oder nationalen Volksvertretern, die ebenfalls jetzt im Herbst gewählt werden. Hillary wurde jedoch nirgendwo unterstützt. Als wir in die historische Altstadt von Delta kamen, eine schnurgerade Straße mit einigen alten Gebäuden links und rechts, hübschen Wandmalereien und Blumenschmuck, so proper und dabei menschenleer, dass sie auch die Kulisse eines Hollywoodfilms sein könnte, fielen uns zwei Dinge auf: Das Büro der republikanischen Partei, das riesig und protzig war, und die Schaufenster von mehreren leerstehenden Lokalen, die mit der US-Fahne und dem Slogan „God bless America“ übermalt waren. Mit Patriotismus gegen den wirtschaftlichen Niedergang.

Interessanterweise sind uns gleich mehrfach Polizisten aufgefallen, die Autos angehalten haben. Jetzt wissen wir wenigstens, was die Cops am Sonntag machen, und natürlich hielten wir uns jederzeit an das Tempolimit. Der einzige Fußgänger, den wir sahen, war ein mittelalter Mann mit langen, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen Haaren in viel zu jugendlichen Sportklamotten, den wir über die Straße ließen. So ganz traute er uns wohl nicht, denn er begann zu rennen, als wäre er der letzte Hippie Deltas auf der Flucht vor der Tealiban.

Die anderen Kleinstädte, durch die wir kamen, sahen nicht ganz so trostlos aus, unterstützten jedoch ausnahmslos Trump. Jede Stadt, und sei sie noch so klein, verfügt nicht nur mindestens über einen Waffenladen oder Geschäfte für Jagdbedarf, sondern auch über ein Museum, das sich der stolzen Historie des Ortes bzw. der Region widmet. Alamosa, unser Tagesziel, ist zwar um einiges größer, sieht aber nicht viel anders aus. Hier gibt es jedoch jede Menge Industrieansiedlungen, im Grunde sieht die gesamte Stadt, zumindest was wir davon gesehen haben, aus wie ein riesiges Gewerbegebiet mit vereinzelten Wohnhäusern dazwischen. Selbst die unvermeidliche historische Hauptstraße machte einen verbissenen Eindruck, sich auf keinen Fall unterkriegen zu lassen. Auf gewisse Weise ist das deprimierend und ziemlich unheimlich.

Gegessen haben wir in einem mexikanischen Restaurant in der Nähe unseres Hotels, das im Internet über gute Bewertungen verfügte. Es war gerappelt voll, weil es an diesem Abend ein Büffet gab, für das wir uns der Einfachheit dann auch entschieden haben. Die Auswahl war ziemlich groß, es gab sehr leckere Salate, Ceviche, Tacos, Enchiladas, Chili Rellenos und jede Menge andere Gerichte. Der Chef war so nett, uns alle der Reihe nach zu beschreiben, und als er sich von uns persönlich mit Handschlag verabschiedet hat, war er so freundlich, als hielte er uns für Restaurantkritiker. Okay, wer also jemals nach Alamosa in Colorado kommt, dem sei Calvillo’s Mexican Restaurant sehr empfohlen …