Mit Rotkäppchen an der Käsetheke

Am Montag war Halloween, was vermutlich auch der eine oder andere in Deutschland bemerkt haben wird, denn die Begeisterung für diesen Feiertag keltischen Ursprungs wird ja auch bei uns von Jahr zu Jahr größer. Eigentlich hatte ich erwartet, dass es hier in den USA so sein würde wie man es aus diversen Filmen kennt: Schaurige Dekoration in den Vorgärten und Unmengen kostümierter Kinder, die „Trick or Treat!“ rufend von Haus zu Haus ziehen, aber die Realität kann ja nur selten mit der Imagination mithalten.

Seit ungefähr zwei Wochen sieht man tatsächlich hier und da mal eine Kürbislaterne, ein Skelett oder ein Gespenst im Eingangsbereich eines Hauses, aber mehr auch nicht. Selbst unsere Freunde haben erst am Montagnachmittag begonnen, ein paar Kürbisse aus Plastik und Steingut aufzustellen und einen künstlichen Stein neben der Haustür zu platzieren, auf dem „Boo“ steht und der ein unheimliches Lachen von sich gibt, sobald man sich ihm nähert. Beides wurde bereits am Abend wieder fortgeräumt.

Nachdem es wieder sonnig und warm geworden war, unternahmen wir einen kleinen Ausflug an den Strand, gingen spazieren und schauten auch in einem Supermarkt vorbei, um eine Kleinigkeit zu besorgen. Dabei fielen uns natürlich die kostümierten Erwachsenen auf, die vereinzelt zu sehen waren – eine übergewichtige Afro-Amerikanerin, die fast aus ihrem knappen Wonder Woman-Outfit platzte, eine Asiatin im Landfrauen-Dress oder Rotkäppchen, das neben mir an der Käsetheke auftauchte, vermutlich um etwas Camenbert für ihre Großmutter zu besorgen. Es waren jedoch nur wenige, nahezu ausschließlich Frauen, die sich überhaupt verkleidet hatten, und sie fielen entsprechend auf. An jedem anderen Tag im Jahr hätte man sie vermutlich für verrückt gehalten.

Mit Einbruch der Dunkelheit tauchten dann die verkleideten Jugendlichen vor der Haustür auf. Für die lieben Kleinen stand ein großer Hexenkessel mit Süßigkeiten bereit, und zwischen 18 und 20 Uhr klingelten rund 45 Kinder an der Tür, manche davon noch Säuglinge auf den Armen ihrer Mütter, andere schon fast erwachsen. Verkleidet waren sie vorwiegend als Superheld oder Star Wars-Charakter; man hätte meinen können, die gesamte galaktische Sturmtruppe befindet sich gerade in Los Angeles, um Süßigkeiten zu konfiszieren. Wirklich schaurige Masken sah man jedoch kaum.

Nach gut zwei Stunden war der Spuk vorüber, der Nachbarhund, der sich vermutlich schon heiser gebellt hatte, verstummte endlich, und wir waren um eine Erfahrung reicher: Halloween ist in Wirklichkeit viel unspektakulärer als gedacht.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Mark G. & Pi Jay in La-La-Land 2016 von Pi Jay. Setze ein Lesezeichen zum Permalink.

Über Pi Jay

Ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Inzwischen arbeitet er als Drehbuchautor, Lektor und Dozent für Drehbuch und Dramaturgie - und hat bislang fünf Romane veröffentlicht.