Noch immer Sommer

Die vergangenen Tage verliefen größtenteils ereignislos. Mittwoch haben wir fast den ganzen Tag lang gearbeitet und waren ansonsten für knapp zwei Stunden am Strand. Nach einem ausgedehnten Spaziergang sind wir zum California Fish Grill gefahren und haben uns einen Shrimp Burrito, eine Clam Chowder Soup und gegrillte Zucchini gegönnt. Es wäre schön, diesen Rhythmus auch in Deutschland beizubehalten, nur leider ist dort der Weg zum Meer zu weit …

Der Donnerstag war, falls möglich, noch unspektakulärer als der Mittwoch. Die Quecksilbersäule des Thermometers kletterte auf knapp dreißig Grad, wir ließen es uns daher im Garten gutgehen und hatten wunderbare, hausgemachte Hähnchen Enchiladas zum Essen. Der Kessel mit den übrig gebliebenen Süßigkeiten von Halloween steht nun übrigens genau neben meinem Arbeitsplatz, was überaus gefährlich ist. Aber noch sind wir ja im Urlaub und da ist man gerne etwas nachgiebiger gegenüber sich selbst, auch wenn mir meine Waage in Deutschland etwas anderes erzählen wird.

Der Wetterbericht für unsere letzten Tage in Kalifornien ist nun online, und wie es aussieht, werden wir bis zu unserer Abreise das schönste Sommerwetter haben, mit Temperaturen um die fünfundzwanzig Grad und sehr viel Sonne. Ich fürchte, da wird uns der Abschied von La-La-Land verdammt schwer fallen.

Entsprechend gestalteten wir den Freitag zu einem nahezu perfekten Urlaubstag: Wir waren im Kino, haben bei Johnny Rocket’s einen leckeren Burger gegessen und dazu einen vorzüglichen Butterfinger Milkshake getrunken, bevor wir noch einmal durch die Del Amo Mall spaziert sind. Seitdem Halloween vorüber ist, sieht man die erste Weihnachtsdekoration in den Geschäften. Noch ist das alles sehr übersichtlich, aber nach Thanksgiving wird sich das sicherlich ändern. Dennoch mutet es seltsam, fast surreal an, plötzlich vor einem Weihnachtsbaum zu stehen, wenn man aus der Sommerhitze in einen kühlen Laden tritt – noch dazu mit den Palmen vor den Schaufenstern.

Da freitags in den USA bekanntlich immer die neuen Filme starten, haben wir uns einen davon gleich angesehen:

Doctor Strange

Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) ist ein brillanter, aber ziemlich hochnäsiger New Yorker Neurochirurg, der nach einem schweren Autounfall seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, weil seine Hände zu schwer verletzt wurden. Fortan hadert er mit seinem Schicksal und versucht alles, um Heilung zu finden. Nach langer Suche landet er schließlich in Nepal bei der mysteriösen Ancient One (Tilda Swinton), die ihn in die uralten magischen Praktiken ihrer Verbindung einführt, die seit jeher gegen das Böse kämpft. Ein Verräter aus ihren Reihen (Mads Mikkelsen) hat eine Zauberformal gestohlen, mit der er den gesamten Planeten in Gefahr bringt …

Nach germanischen Göttern, Aliens, genmodifizierten Supersoldaten und atomar verseuchten Wissenschaftlern jetzt auch noch Zauberer – im Marvel-Universum haben wirklich alle Platz und bekommen ihren eigenen Film. Doctor Strange wurde Anfang der Sechziger erfunden, um die Klientel der Hippies und Esoteriker anzusprechen, und wer wäre besser als Held geeignet als ein Wissenschaftler und erklärter Rationalist, der an gar nichts glaubt, nicht einmal an Akupunktur oder Kräutertees?

Auch sonst folgt das Drehbuch sehr genau der Blaupause für ein Superhelden-Movie, in dem die Bösewichter meist entweder aus dem Weltraum oder zumindest einer anderen Dimension stammen oder Verräter aus den eigenen Reihen sind. In diesem Fall haben wir beides, und es funktioniert wie der Rest der sehr vorhersehbaren Story ganz gut. Mads Mikkelsen war schon immer ein überzeugender Schurke, der jedoch in gewisser Weise auch selbst ein Opfer ist, weil er auf den Quatsch hereingefallen ist, den der Oberschurke ihm weisgemacht hat. Umgekehrt ist auch The Ancient One nicht der strahlende Stern am Heldenhimmel, den die meisten in ihr sehen. So schaffen es die Autoren, die Stereotypen zumindest ein wenig gegen den Strich zu bürsten.

Der erste Teil eines neuen Franchises ist immer ein Risiko: Mag man den neuen Helden oder nicht? Wie erklärt man am effizientesten seine Welt und bringt sie mit der der anderen Superhelden in Einklang? Wie originell und witzig ist die Story? Das alles sind Fragen, die bei Doctor Strange zur Zufriedenheit der Zuschauer beantwortet werden können. Cumberbatch macht seine Rolle wie immer gut, spielt den schnöseligen Chirurgen mit genau dem Quäntchen Sympathie, dass man ihm gerne in die Geschichte folgt, und mausert sich erwartungsgemäß zu einem standfesten Helden, dem ein entschlossenes Kleidungsstück zur Seite steht. Der Mantel, der ihm mehr als einmal den Rücken frei- und warmhält, ist neben Tilda Swinton der beste Nebendarsteller des Films und sorgt für einige heitere Momente. Auch sonst gibt es hin und wieder lustige Einfälle und Dialoge, aber alles in allem nimmt sich der Film ein wenig zu ernst.

Sehenswert sind natürlich auch die visuellen Effekte, die stark an Inception erinnern, aber nicht übermäßig eingesetzt werden. Auch die Action kommt nicht zu kurz, obwohl man in dieser Hinsicht gerade aus den letzten Avenger– und Captain America-Filmen üppigere Sequenzen gewohnt ist. Dennoch ist vor allem das Finale wegen seines Einfallsreichtums besonders gut gelungen und hebt sich von den anderen Filmen dieser Art wohltuend ab.

Alles in allem ein gelungener Auftakt für einen weiteren Superhelden.

Note: 2-

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Mark G. & Pi Jay in La-La-Land 2016 von Pi Jay. Permanenter Link des Eintrags.

Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...