The Dressmaker

Fliegen ist eine Zumutung, es ist eng, es ist laut, und wenn man für längere Zeit verreisen will, hat man große Probleme, mit nur einem Koffer zurechtzukommen. Bahnfahren ist auch nicht viel besser, man sitzt nur bequemer, was bei den vielen Verspätungen ja gar nicht mal schlecht ist. Immerhin: In Zukunft sollen die Bahnen wieder pünktlicher fahren, dafür aber nicht mehr auf umsteigende Fahrgäste warten. Die Züge sind pünktlich, die Verspätungen der Reisenden bleiben jedoch, zumindest jener, die ihren Anschluss verpasst haben, das ist doch mal ein interessantes Konzept.

Im Flugzeug hat man wenigstens die Möglichkeit, sich Filme anzusehen, Musik zu hören oder Spiele zu spielen. In der Bahn gibt es häufig nicht einmal Internet, und dann muss man seine Geräte auch noch selbst mitbringen, weshalb ich am liebsten ganz altmodisch ein Buch lese – und damit zunehmend zu einer Minderheit gehöre. Im Flieger ist das schon schwieriger, weil beim Gepäck jedes Gramm zählt und Bücher nun mal schwer sind, da starrt man dann lieber auf einen winzigen Bildschirm und sieht sich Filme an: Das Bild ist dabei häufig nicht besonders scharf, und der Film wurde zudem dem Format angepasst, man kann auch sagen, verstümmelt. Dafür wurde Kino nicht gemacht …

Aber egal. Ich bin sicher, in einigen Jahren wird es bessere und größere Monitore geben, so dass es mehr Spaß macht, sich einen Film anzusehen. Und wenn einen die Geschichte in ihren Bann zieht, ist es eigentlich fast egal, dass die Bildqualität zu wünschen übrig lässt. Heute und morgen folgen daher noch die beiden Kritiken vom Hinflug:

The Dressmaker

Myrtle (Kate Winslet), die jetzt Tilly genannt werden will, kommt in ihren Heimatort im australischen Nirgendwo zurück. Als Zehnjährige hat der Bürgermeister sie fortbringen lassen, nachdem sein Sohn unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen und der Verdacht auf das Mädchen gefallen war. Tilly hat sich allein durchs Leben schlagen müssen und in Paris eine Schneiderlehre absolviert. Jetzt ist sie zurück, um sich um ihre wunderliche, schroffe Mutter zu kümmern und herauszufinden, was damals wirklich passiert ist, denn sie kann sich an nichts erinnern. Doch das Dorf macht es ihr nicht einfach. Obwohl die Frauen bei ihr die wunderschönsten Kleider kaufen, halten alle sie für eine Mörderin …

P.J. Hogan hat nach einigen schönen und leicht skurrilen Filmen einige Flops inszeniert und bekommt seither kein Bein mehr auf die Erde. Immerhin hat er das Drehbuch zu diesem Film mitverfasst, das auf einem Roman von Rosalie Ham basiert. Falls die vielen seltsamen Figuren, die die diesen wundersamen Ort bevölkern, nicht schon in der Vorlage angelegt sind, stammen sie garantiert von ihm.

Hugo Weaving, den man auch schon lange nicht mehr gesehen hat, spielt den sympathischen Polizeichef und heimlichen Crossdresser, der sich schnell für Tilly begeistert und sie bei ihrer Suche nach der Wahrheit unterstützt. Auch in ihrem Jugendfreund (Chris Hemsworth) findet Tilly einen starken Befürworter, und obwohl sie sich zunächst gegen ihre wiederaufflammenden Gefühle wehrt, entspinnt sich zwischen ihnen eine zarte Liebesgeschichte.

Es kann jedoch bekanntlich der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn’s dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Und besonders fromm ist Tilly nicht einmal, sondern mit allen Wassern gewaschen. Kate Winslet legt ihre Rolle als berechnende Femme fatale auf einer Mission an, die sich trotz aller zugefügten Verletzungen eine Empfindlichkeit und Zartheit bewahrt hat, von deren Existenz niemand überraschter ist als sie selbst. Sehr schön sind auch ihre Auseinandersetzungen mit ihrer widerborstigen Mutter, die sich nach und nach zum heimlichen Liebling des Zuschauers mausert.

Leider hat Tilly zu wenig zu ermitteln und kommt dem düsteren Geheimnis mit Leichtigkeit auf die Spur. Auch die Fehde mit den Dorfbewohnern kommt nur schleppend in Gang, wird immer wieder unterbrochen, bevor sie ein überraschendes Ende findet. Auch sonst durchbricht Regisseurin Jocelyn Moorehouse immer wieder erzählerische Konventionen, und das Drehbuch wirbelt das Leben aller Beteiligten gehörig durcheinander. Trotz kleinerer Längen wird man auf jeden Fall sehr angenehm unterhalten.

Note: 3+

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...