The Awakening

Die dunkle und kalte Jahreszeit hat immerhin den Vorteil, dass man sich bereits am späten Nachmittag einen Horrorfilm ansehen kann. Dann ist es bereits dunkel genug, um sich zu fürchten, aber man kann sein angeknackstes Nervenkostüm wieder beruhigen, bevor man ins Bett geht und vermeintliche Monster in den Ecken sieht oder jedes unerwartete Geräusch für etwas Übernatürliches hält.

Für jemanden wie mich, der sich wahnsinnig schnell gruselt, ist das ein nicht zu unterschätzender Faktor – auch wenn ich jetzt natürlich ein klein wenig übertrieben habe. So ein Schisser bin ich nun auch wieder nicht …

The Awakening

Nach dem Ersten Weltkrieg und der Spanischen Grippe trauern viele Familien in Großbritannien um den einen oder anderen Angehörigen. Spiritisten haben Hochkonjunktur. Florence Cathcart (Rebecca Hall) glaubt jedoch nicht an Geister und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Betrüger zu entlarven. Sie hat auch ein äußerst erfolgreiches Buch darüber geschrieben und ist zu einer Berühmtheit avanciert. Eines Tages erhält sie Besuch von Robert Mallory (Domenic West), Lehrer an einer privaten Jungenschule, an der es spuken soll. Ein Schüler ist nach der Begegnung mit einem Geist jüngst verstorben, und Florence soll nun die Umstände aufdecken. Es gelingt ihr auch innerhalb kürzester Zeit, die Geistersichtung als einen Dumme-Jungenstreich zu entlarven, doch dann geschehen immer mehr Dinge, die sie sich einfach nicht erklären kann …

Geister, ein einsames Herrenhaus und schaurig-schlechtes Wetter – das sind die besten Ingredienzien für einen veritablen Gruselfilm, und die verwaschenen, grauen Bilder von Kameramann Eduard Grau sorgen für die perfekte Atmosphäre. Es dauert zwar eine ganze Weile, bevor man sich das erste Mal etwas gruseln kann, und wirklich unheimlich ist der angenehm altmodische Film auch zu keiner Sekunde, aber er kreiert von Anfang an die richtige Stimmung.

Die schauspielerische Leistung ist durchweg gut. Rebecca Hall interpretiert ihren Charakter als naseweise Detektivin, die sich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen lässt, auch nicht durch einen attraktiven, aber seit dem Krieg gebrochenen Lehrer. Erst im Verlauf der Handlung, wenn sie gezwungen ist, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit und ihren Verlusten zu beschäftigen, bekommt die perfekte Fassade Risse. Auch Imelda Staunton als Hausmutter macht eine gute Figur, hat aber sichtlich Mühe, ihrer Figur Schärfe zu verleihen.

Die Auflösung ist zwar nicht übermäßig originell, rundet die Geschichte jedoch gut ab – und schießt dann aus unerfindlichen Gründen übers Ziel hinaus. Das Drama, das sich in den letzten Minuten abspielt, hätte dieser Film nicht gebraucht. Wer jedoch einen angenehm gruseligen Film für einen Winterabend sucht, wird hier gut bedient.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...