The Great Wall

Die Große Mauer ist das einzige Bauwerk, das man auch vom Weltraum aus noch sehen kann. Diese Aussage gilt heute möglicherweise nur noch eingeschränkt, denn ich kann mir gut vorstellen, dass von der Internationalen Raumstation auch einige künstliche Inseln im arabischen Raum zu sehen sein könnten. Aber wenn man bedenkt, dass die Chinesische Mauer schon seit Jahrtausenden steht und ohne Kräne und moderne Baumaschinen errichtet wurde, wird diese Leistung gleich viel beeindruckender.

Leider bin ich noch nicht dort gewesen. Aber reizen würde es mich schon, einmal auf der Großen Mauer spazieren zu gehen, wobei man wohl unweigerlich damit rechnen muss, dass es dort so voll ist wie auf dem Markusplatz in Venedig. Es sei denn, die Chinesen machen gerade alle Urlaub in Europa.

Wenn ich schon nicht selbst dorthin reisen kann, dachte ich mir vor einigen Wochen, schaue ich mir das Bauwerk doch lieber im Kino an. Na ja, der Hauptgrund war, dass ich einfach mal wieder Lust auf einen bildgewaltigen Actionfilm aus Fernost hatte …

The Great Wall

Als letzte ihrer Gruppe erreichen die Söldner William (Matt Damon) und Pero (Pedro Pascal) die chinesische Grenze. Sie hoffen, im Reich der Mitte irgendwie an Schießpulver zu gelangen, von dem man im mittelalterlichen Europa wahre Wunderdinge hört, und es nach Westen schmuggeln zu können. Doch sie werden von Mitgliedern des Namenlosen Ordens gefangen genommen und inhaftiert. Die Soldaten, die auf der Großen Mauer stationiert sind, halten jedoch nicht nur fremdländische Reisende davon ab, ihr Land zu betreten, sondern kämpfen auch gegen Horden blutrünstiger Monster, die seit zweitausend Jahren China terrorisieren …

Yimou Zhang ist einer der bildgewaltigsten Regisseure der Welt und hatte nun die Chance, mit der chinesisch-amerikanischen Co-Produktion seinen ersten englischsprachigen Film auf die Leinwand zu bringen (obwohl er angeblich gar kein Englisch spricht). Hollywood umgarnt ja seit längerem schon den chinesischen Markt und hofft auf viele weitere Kooperationen, schon allein um dadurch einen besseren Zugang zu den Kinos im Reich der Mitte zu bekommen.

Es könnte also alles so einfach sein, wenn die schnöde Wirklichkeit nicht wäre. Auf US-Seite droht Ungemach durch die neue Regierung unter Trump, die möglicherweise einen Handelskrieg mit China beginnt, zu deren ersten Opfern die exportabhängige Filmindustrie gehören könnte. Und auf kommunistischer Seite droht jedes Projekt an den Zensurbehörden zu scheitern, mit denen man sich gutstellen muss. Vielleicht ist das der Grund dafür, warum ein ziemlich harmloser Abenteuerfilm auf einmal wie ein Loblied auf die kommunistische Partei wirkt.

Dass China dabei im Vergleich mit dem mittelalterlichen Europa als Leuchtturm der Zivilisation dargestellt wird, als das technische Innovationsland schlechthin, in dem es nicht nur Schießpulver und fortschrittliche Waffen, sondern auch eine überragende Kultur gibt, ist immerhin historisch korrekt, wenn auch mitunter kräftig übertrieben wird. Störender sind eher die mal mehr, mal weniger versteckten Botschaften: Alle Westler sind gierig und nur auf Gewinnmaximierung aus, stehen also für den Kapitalismus in seiner Reinform. Deutlich wird das vor allem an den beiden Söldnern, die nur für Geld kämpfen, die sogar Gefallene ausplündern, aber keinerlei Ehre besitzen, und der von Willem Dafoe gespielten Figur, die selbst nach einem Vierteljahrhundert chinesischer Gefangenschaft und Indoktrination nichts dazugelernt hat. Im Gegensatz dazu dienen die chinesischen Soldaten allein einem größeren Wohl, das nicht explizit benannt wird, weshalb man es sehr gut mit dem Staat, der Gesellschaft – oder auch der Partei gleichsetzen kann. Natürlich hat es die Kommunisten damals noch nicht gegeben, aber der Film wendet sich schließlich an heutige Zuschauer. Der einzelne zählt nichts, er ist ersetzbar und wird nur insofern geehrt, wenn er sich selbst aufopfert, wie es gleich mehrfach vorexerziert wird. Der Heldentod kann sogar frühere Verfehlungen wieder gutmachen. Alles also wie aus dem Parteilehrbuch.

Lin Mei (Tian Jing) ist die brave Vorzeigesoldatin, die die Überlegenheit Chinas gleich in zweifacher Hinsicht verdeutlicht: Zum einen ist sie eine gute Soldatin, die ganz der Sache und der Weisheit ihrer Vorgesetzten ergeben ist, zum anderen wird an ihrem Beispiel demonstriert, dass weder Herkunft noch Geschlecht eine Rolle spielen, sondern allein Leistung und Disziplin. Im Gegensatz dazu wird die feudalistische Ordnung, die zur damaligen Zeit noch bestand, als verweichlicht und verdorben charakterisiert, denn der Kaiser ist ein Feigling und sein Hofstaat besteht nur aus Speichelleckern und Opportunisten.

Auch auf der Metaebene wird deutliche Kapitalismuskritik geübt, denn die Monster sollen angeblich geschickt worden sein, weil die Habgier der Welt überhandnahm. Dass es überhaupt noch Menschen gibt, verdanken wir einzig und allein dem Findungsreichtum der Chinesen, die sich aufopferungsvoll dem Bösen widersetzen und dafür nicht einmal Dank verlangen.

Bezeichnenderweise leistet Matt Damon als westlicher Söldner zwar einen wertvollen, aber nicht unbedingt den entscheidenden Beitrag zum Sieg. Von ihm stammen zwar die Ideen, umgesetzt werden sie aber nur im Kollektiv, und den finalen Schlag führt nach seinem mehrmaligen Versagen dann auch Lin, die somit die Menschheit rettet. Und William verlässt das Reich der Mitte zwar nicht mit Schwarzpulver, doch als besserer Mensch.

Würde das Drehbuch aus chinesischer Feder stammen, wäre das alles nicht weiter bemerkenswert, doch es waren ausschließlich Hollywood-Autoren daran beteiligt, so dass man sich unwillkürlich fragt, ob sie sich bei den chinesischen Produzenten einschmeicheln wollten oder sich an strenge Vorgaben aus Peking halten mussten. So oder so werden sich sämtliche Co-Produktionen an die Richtlinien der kommunistischen Zensurbehörde halten müssen, was vermutlich dazu führen wird, dass künftige Filme noch unverfänglicher, oberflächlicher und nichtssagender werden. The Great Wall ist ein Vorgeschmack darauf, ein seichter, insgesamt ziemlich unterhaltsamer Popcornfilm, von dem allenfalls seine hübschen Bilder in Erinnerung bleiben werden. Und seine wenig subtile Botschaft.

Note: 3-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...