Suffragette – Taten statt Worte

Suffragette – allein das Wort klingt so altmodisch und verstaubt, dass man lieber dem Gras beim Wachsen zuschauen würde, als sich einen Film über den Kampf der Frauen für das Wahlrecht anzusehen. Das alles ist über hundert Jahre her, Frauen sind inzwischen gleichberechtigt, dürfen wählen und politische Ämter bekleiden, warum also sollte man sich – vom historischen Interesse einmal abgesehen – heute noch dafür interessieren?

Die Antwort lautet: Janusz Korwin-Mikke. Der Mann ist ein polnischer Europa-Abgeordneter, der Anfang des Monats eine chauvinistische Begründung dafür geliefert hat, warum Frauen weniger verdienen als Männer: „Weil sie schwächer, kleiner und weniger intelligent sind“. Zum Glück gab es eine weibliche Abgeordnete, die die richtige Antwort für diesen rückwärtsgewandten Volksvertreter hatte. Der Kampf um Frauenrechte ist also auch hundert Jahre nach den Suffragetten noch lange nicht beendet, nicht bei uns und schon gar nicht in weiten Teilen der Welt.

Suffragette – Taten statt Worte

Maud (Carey Mulligan) arbeitet seit sie zwölf war in einer großen Wäscherei in London, ertrug üble Verletzungen, sexuelle Übergriffe ihres despotischen Chefs und schlechtere Bezahlung bei schwererer und längerer Arbeit. Inzwischen ist sie Mitte zwanzig, mit Sonny (Ben Whishaw) verheiratet und Mutter eines kleinen Jungen, und sie glaubt nicht mehr daran, dass ihr Leben irgendwann einmal leichter oder besser werden könnte. Durch ihre Kollegin Violet (Anne-Marie Duff) kommt sie mit der Suffragetten-Bewegung in Kontakt, deren Anführerin Emmeline Pankhurst (Meryl Streep) zu aktivem Widerstand aufruft, nachdem eine erneute Petition im Parlament von der Regierung abgeschmettert wird. Die Bewegung wird immer gewalttätiger, es werden Fensterscheiben eingeworfen, schließlich Briefkästen gesprengt und das Landhaus eines Ministers angezündet. Die Polizei unter Inspector Steed (Brendan Gleeson) lässt die Frauen observieren, verprügeln und verhaften. Und bald gerät auch Maud in das Visier der Ermittler und droht, alles zu verlieren …

Drehbuchautorin Abi Morgen hat alles richtig gemacht bei diesem Projekt: Die Konzentration auf eine Hauptfigur, die vorher nichts mit der Suffragetten-Bewegung zu tun hatte und mit der zusammen man nun alles darüber erfährt, was es zu wissen gibt, erleichtert den Zugang zu dem Stoff, und da Maud allerlei Ungemach passiert, schlägt man sich sofort auf ihre Seite. Leider erfährt man nur wenig über Mauds schwere Kindheit und Jugend; sie wurde sexuell missbraucht, spricht so gut wie nie darüber, rettet aber später ein anderes Mädchen vor demselben Mann. Von den grausamen Arbeitsunfällen, bei einem davon starb ihre Mutter, berichtet sie zwar vor einem Parlamentsausschuss, und man bekommt einmal die Narben an ihrem Arm zu sehen, aber auch das bleibt weitgehend im Dunkeln. Das beraubt die Figur einerseits zwar einiger Konturen, auf der anderen Seite bleibt noch genug übrig, um Mauds Entwicklung von einer schüchternen, gehorsamen Arbeiterin und Ehefrau zu einer engagierten Frauenrechtlerin nachzuvollziehen.

Das Gefühl, das der Film am stärksten weckt, ist Empörung. Zu sehen, wie schlecht die Frauen behandelt werden, doppelt diskriminiert durch ihre Arbeitgeber und Ehemänner, von Politikern für dumm verkauft und als minderwertig abgestempelt, von der Polizei wie Schwerverbrecher misshandelt, das alles macht einen in beinahe jeder Szene unglaublich wütend, und es ist diese Wut, die dem Film seine enorme emotionale Wucht verleiht.

Freiheit, so lernen wir, muss hart und teuer erkauft werden. Maud verliert im Verlauf der Geschichte alles, ihren Job, ihren Mann und sogar ihr Kind, das ihr Gatte zur Adoption freigibt, und sie nimmt das alles hin, verzweifelt und hilflos, ein Opfer der Männer und einer Gesellschaft, in der Arme und Frauen nahezu rechtlos sind. Sie geht sogar ins Gefängnis für ihre Sache, tritt in Hungerstreik und verübt Anschläge, aber bei all dem bleibt sie nur eine treue Soldatin. Sie ist trotzig, aber sie verharrt dennoch in ihrer Opferrolle, weil ihr schlichtweg nichts anderes übrig bleibt, das ist zwar nicht unbedingt das, was man gemeinhin von einer Filmheldin erwartet, aber immerhin realistisch.

Die Geschicke bestimmen andere, in erster Linie die energische Apothekerin Edith (Helena Bonham-Carter) und das Mastermind Pankhurst. Meryl Streep, die gerne mit dem Film in Verbindung gebracht wird, hat aber nur einen einzigen größeren Auftritt, auch wenn ihr Name allgegenwärtig ist. Auf diese Weise geht die Hauptfigur gelegentlich ein wenig verloren, was schade ist.

Wie gesagt, in erster Linie macht der Film wütend, weil man die Hilflosigkeit Mauds gut nachempfinden kann, er vermittelt ein anschauliches Bild jener Epoche und ihrer Probleme aus weiblicher Sicht, und ganz zum Schluss werden noch die Jahreszahlen eingeblendet, wann das Wahlrecht für Frauen eingeführt wurde. Deutschland gehörte dabei 1918 fast noch zu den Pionieren, während Frankreich und Italien erst im Zweiten Weltkrieg folgten und die Schweiz ihre Frauen erst seit 1971 wählen lässt. Und wenn man dann noch jemanden wie Janusz Korwin-Mikke solchen Unsinn verzapfen hört, weiß man, dass dieser Kampf noch lange nicht beendet ist.

Note: 2-

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...