Mr. Turner – Meister des Lichts

Mit den meisten Kinofilmen von Mike Leigh bin ich nicht richtig warm geworden. Großartig fand ich bislang eigentlich nur Lügen und Geheimnisse, und das ist über zwanzig Jahre her. Happy-Go-Lucky zum Beispiel, der damals von vielen hochgelobt wurde, habe ich nach einem Drittel abgebrochen, weil ich Sally Hawkins, die ich sonst sehr gerne sehe, einfach nicht ertragen konnte. Aber sein jüngster Film, der immerhin auch schon vor über zwei Jahren lief, hat mich dann wieder neugierig gemacht.

Die Länge von fast zweieinhalb Stunden hat mich jedoch eine ganze Weile davon abgehalten, mich auf diese Reise einzulassen, und Mike Leigh ist zudem einer der Letzten, von denen ich einen Historienfilm erwartet hätte, aber William Turner gehört zu meinen Lieblingsmalern und der Trailer sah visuell sehr vielversprechend aus.

Mr. Turner – Meister des Lichts

William Turner (Timothy Spall) führt ein komfortables Leben als anerkannter und erfolgreicher Maler. Sein Vater (Paul Jesson) managt ihn und kümmert sich um das Alltagsgeschäft, so dass Turner auf Reisen gehen und sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren kann. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, aber dennoch gebildet, bewegt sich der Maler sowohl in der unteren Mittelschicht als auch in den Kreisen des Adels. Er gilt als Eigenbrötler und Sonderling, der sich über sein Privatleben meist in Schweigen hüllt. Seine beiden Töchter verleugnet er in der Öffentlichkeit, und seit dem Tod ihres Mannes führt er eine uneheliche Beziehung mit Mrs Booth (Marion Bailey). Nachdem Königin Victoria sich jedoch einmal abfällig über sein immer abstrakter werdendes Werk geäußert hat, wird er zum Gespött der Gesellschaft, aber weiterhin von den Kunstkennern geschätzt. Gegen Ende seines Lebens schlägt er das außerordentlich großzügige Angebot eines Mäzens aus, der all seine unveräußerten Bilder erstehen will, und hinterlässt sie stattdessen dem Staat, mit der Auflage, sie jedermann zugänglich zu machen.

Bio Pics sind immer ein bisschen schwierig, weil man sich einerseits nicht zu weit von den Fakten entfernen, andererseits aber auch eine Geschichte erzählen sollte, die das Publikum unterhält und ihm im besten Fall etwas über die dargestellte Person vermittelt, ihr Wesen, ihre Eigenarten, ihre Philosophie nahebringt. Mike Leighs Turner-Biografie schafft es in der Tat, dass man dem großartigen Maler menschlich näher kommt, man erfährt eine Menge über seine Art zu arbeiten, über seine Reputation, seine späten Kämpfe um die angemessene gesellschaftliche Würdigung seines Werkes und auch ein bisschen über die Kunstszene des 19. Jahrhunderts.

Auch das Familienleben Turners findet Erwähnung, seine Liebe zu der Witwe Booth, seine Verehrung für seinen Vater, der ihn praktisch allein großgezogen hat, da seine Mutter geisteskrank war. Doch vieles – die Leugnung seiner beiden Töchter, die emotionale Distanz zu den Frauen in seinem Leben – bleibt ein Rätsel, was in erster Linie wohl damit zu tun hat, dass es zu wenige gesicherte Fakten darüber gibt. Turner war offenbar ein sehr privater Mensch, und Leigh zollt diesem Charakterzug Rechnung, indem er alles, was nicht belegt ist, im Vagen behält.

Darüber hinaus ist der Film außergewöhnlich reich bebildert, er schwelgt geradezu in traumhaften Landschaftsaufnahmen, die an die Bilder Turners erinnern, und lässt sich Zeit, dass man sie auch genießen kann. Die Landschaften, die Bildkomposition, Licht- und Farbgebung sind gewissermaßen ebenso wichtig wie das, was sich sonst in dem Film ereignet. Das ist jedoch nicht viel. Oder sagen wir, es ist eine ganze Menge, aber es fügt sich nicht so recht zu einer Geschichte zusammen.

Mr. Turner – Meister des Lichts ist ein Sammelsurium von Anekdoten und Momentaufnahmen, die in ihrer Summe ein anschauliches Bild vom Leben des großen Malers ergeben, das gelegentlich unterhaltsam ist, manchmal langweilig, stellenweise sogar irritierend. So ist es interessant zu sehen, wie Turner sich mit einem alten Seemann unterhält, der auf den Sklavenschiffen unterwegs war, und das Gehörte dann in ein neues Bild einfließen lässt. Daneben stehen aber auch Szenen, die völlig ohne jede Bedeutung oder Funktion sind, eine musikalische Soiree oder ein Gespräch über Stachelbeeren zum Beispiel.

Timothy Spall agiert großartig, sein Turner ist emotional abweisend, zugleich aber äußerst mitfühlend und bisweilen großzügig, er verständigt sich häufig mit Grunzlauten, versteht sich aber auch, sehr eloquent mit anderen Künstlern und Wissenschaftlern auszutauschen. Auf diese Weise entsteht ein sehr vielschichtiges, differenziertes Bild von einem Mann voller Widersprüche, das einen zwar fasziniert, emotional aber nicht berührt.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...