Die Gärtnerin von Versailles

Wenn man nicht gerade unter Heuschnupfen leidet, ist der Frühling die schönste Jahreszeit. Es ist endlich wieder so warm, dass man keine dicken Pullover und Jacken, warme Schuhe, Handschuhe und Mützen mehr braucht, und man kann in der Sonne sitzen und sich an den üppig blühenden Büschen und Bäumen erfreuen. Es sei denn, man hat einen eigenen Garten, um den man sich kümmern muss, dann weiß man, dass der Winter die gemütlichste Zeit, der Rest des Jahres aber mit unermüdlichem Sähen, Pflanzen, Unkrautjäten und Rasenmähen erfüllt ist. Was mich Jahr für Jahr immer wieder erstaunt, ist, dass selbst so ein winziger Garten wie meiner eine Menge Arbeit macht.

Leider habe ich auch noch einen schwarzen Daumen, und Pflanzen, die in meine Obhut übergeben werden, begehen in der Regel unmittelbar Selbstmord. Meine Gartenarbeit steht daher ganz unter dem Motto: Versuch und Irrtum. Ich pflanze alles an, was mir gefällt und nicht zu viel Arbeit macht – also keine Rosen, Buchsbäume oder andere Gewächse, die regelmäßig beschnitten werden müssen – und warte einfach ab, was davon am Leben bleibt. Man könnte also auch sagen: Nur die Harten kommen in den Garten.

In der Regel wächst bei mir sowieso nur Unkraut, das aber in rauen Mengen. Vielleicht sollte ich es einfach als „Wildblumenwiese“ verkaufen und sehen, ob ich damit bei den Nachbarn durchkomme. Aber zubetonieren und grün anstreichen, ist auch keine wirkliche Alternative, und zum Glück habe ich nicht den Ehrgeiz, meinen Garten in einen streng geometrisch gezirkelten Barockgarten zu verwandeln. So was schaue ich mir dann lieber im Fernsehen an …

Die Gärtnerin von Versailles

Das Schloss von Versailles nimmt langsam Formen an, aber König Ludwig XIV. (Alan Rickman) wünscht sich nicht nur ein standesgemäßes Domizil, sondern auch weitläufige Gärten, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen sollen. Sein oberster Gartenbaumeister Le Nôtre (Matthias Schoenaerts) stellt die verwitwete Sabine de Barra (Kate Winston) ein, die eine Art Freiluft-Ballsaal entwerfen und errichten lassen soll, obwohl sie eine Frau ist und ihre Entwürfe unorthodox anmuten. Aber Le Nôtre, der in einer unglücklichen Ehe gefangen ist, erkennt in ihr eine Gleichgesinnte – und verliebt sich in sie.

Demnächst startet die zweite Staffel von Versailles, eine französische Großproduktion über das Leben Ludwigs XIV. und den Bau seines Traumschlosses, bei der es mehr um höfische Intrigen, innenpolitische Konflikte und diplomatische Ränke geht als um die Errichtung eines neuen Herrschersitzes. Stehen dort König und Adel im Mittelpunkt, wird in Alan Rickmans Regiedebüt die Geschichte stärker aus der Sicht der Untergebenen erzählt. Le Nôtre und de Barra sind zwar keine einfachen Diener oder Handwerker, aber sie gehören auch nicht zum Hochadel und zur höfischen Gesellschaft, auch wenn sie ihrer Talente wegen von ihm umschwärmt werden.

Es gibt wohl kaum eine historische Epoche, über die mehr Romane und Filme geschrieben und inszeniert wurden, als über die Zeit des französischen Sonnenkönigs. Um die Gärten ging es dabei aber so gut wie nie, obwohl sie nicht weniger prunkvoll sind als der Rest des Schlosses. Auch sonst sind sie ein ergiebiges Thema, schließlich geht es bei der Gartenbaukunst, vor allem bei den geometrischen Barockgärten, um die Unterwerfung der Natur unter den Willen des Menschen – und auch ein wenig um die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Der ideale Hintergrund für eine (verbotene) Liebe.

Le Nôtre ist eine reale Figur und gilt als einer der größten Vertreter der barocken Gartenbaukunst, deren Stil er maßgeblich mitgeprägt hat. Allerdings war er 1682, der Zeitpunkt, an dem der Film spielt, bereits knapp siebzig und damit nicht unbedingt der geeignetste Kandidat für die Rolle des jugendlichen Lovers. Matthias Schoenaerts ist ungefähr halb so alt und spielt Le Nôtre wie alle seine anderen Rollen auch mit gebremster Leidenschaft und leiser Ironie. Deshalb ist die Liebesgeschichte jedoch nicht weniger romantisch, auch wenn sie sich insgesamt zu unaufgeregt vollzieht. Zwei Menschen mit gleichen Interessen, die beide als Außenseiter in einer einschüchternden Welt leben, fühlen sich wohl unweigerlich zueinander hingezogen. Es ist daher eher eine pragmatische Romanze denn die große Leidenschaft, von der der Film erzählt.

Auch zeichnet Alan Rickman den französischen Hof in sehr schmeichelhaften Farben. Er selbst ist ein gütiger, väterlicher Herrscher, der ganz gerne dem Trubel des Regierens und den ewigen Zeremonien für eine Weile entkommt, indem er sich in den privaten Garten eines seiner Gärtner zurückzieht. In einer der schönsten Szenen des Films trifft er dort Sabine, die ihn natürlich prompt für ihren Kollegen hält und ganz ungezwungen mit ihm plaudert.

Sabine wiederum ist eine Figur, die beinahe zu schön ist, um wahr zu sein. Ihre Güte macht sie bald ebenso bekannt wie ihre Schönheit und ihr Talent, Neider gibt es auch nahezu keine, nur Le Nôtres Ehefrau versteigt sich schließlich aus Eifersucht in eine Intrige, die jedoch nach hinten losgeht. Dabei sollte sie, die selbst eine Affäre hat, vielleicht nicht den ersten Stein werfen. Rickman erzählt das Wesen beider Seitensprünge in zwei gespiegelten, eindringlichen Szenen: Wenn die Ehefrau Le Nôtre betrügt, sieht man schnellen, schmutzigen Sex, für den sie auch noch bezahlt, wenn er jedoch mit Sabine im Bett landet, ist es Liebe und eine weichgezeichnete Szene voller Zärtlichkeit. Das ist zwar geschickt gemacht, aber auch ein wenig zu offensichtlich.

Im Grunde passiert nicht viel in der Geschichte, neben der aufkeimenden Romanze geht es noch ein wenig um das Leben am Hofe, wobei aber die tödlichen Intrigen wohlwollend ausgespart werden. Immerhin darf man sich über ein paar schöne Gastauftritte freuen: Stanley Tucci darf als schwuler Königsbruder einmal mehr vom Leder ziehen, Rupert Penry-Jones spielt einen netten Marquis, der Sabine protegiert, und Jennifer Ehle müht sich als Mätresse, das Interesse ihres Herrn nicht zu verlieren. Wenn sich die Frauen des Hofes zusammenfinden und über den Verlust ihrer Kinder und der Gunst ihrer Gatten beklagen, ist der Film tatsächlich für einen kurzen Moment von entwaffnender Ehrlichkeit. Schade, dass der Rest so oberflächlich geworden ist.

Wer prunkvolle Historienfilme und undramatische Liebesgeschichten mag, wird hier gut bedient.

Note: 3+

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Pi Jays Corner und verschlagwortet mit , , von Pi Jay. Permanenter Link zum Eintrag.

Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...