Taboo

Meistens bin ich zu faul, mir einen Film oder eine Serie im Original anzusehen. Sicher, die Schauspieler klingen authentischer im Original, man hört Dialekte (etwa den breiten Südstaatenakzent von Maggie aus The Walking Dead, der im Deutschen völlig verschwindet) und die Dialoge so wie sie für die jeweilige Szene geschrieben wurden, denn in der Übersetzung geht ja immer ein klein wenig verloren. Andererseits ist die Synchronisation meistens gut gelungen, man muss sich nicht so furchtbar konzentrieren oder Angst vor Fachvokabular haben, das man nicht versteht. Beides hat Vor- und Nachteile, und weil ich, wie gesagt, faul bin, sehe ich etwas zwei Drittel der Filme und Serien synchronisiert. Und dann gibt es noch Fälle, da ist die Originalfassung eindeutig von Nachteil.

Ein Alptraum wäre für mich beispielsweise, einen Film im Original ohne Untertitel (die lenken sowieso nur ab) zu sehen, in dem Tom Hardy und Jeff Bridges die Hauptrollen spielen und in jeder Szene endlos viel reden. Beide sind nämlich Nuschler. Bei Mad Max: Fury Road, den man unbedingt im Original sehen sollte, war ich deshalb richtig froh, dass Hardy seine Rolle als den großen Schweiger angelegt hat, denn bei High or Hell Water habe die Hälfte dessen, was Jeff Bridges von sich gegeben hat, nicht verstanden.

Bei Amazon ist kürzlich Taboo erschienen, eine Serie mit Tom Hardy in der Hauptrolle, die er gemeinsam mit seinem Vater Chips und Steven Knight entwickelt hat. Man kann also davon ausgehen, dass er sich die Rolle auf den Leib hat schreiben lassen, und auch sein James Keziah Delaney ist kein Mann allzu vieler Worte. Häufig grunzt er auch nur, um sich mitzuteilen. Oder er sticht seine Gegner ab und weidet sie aus. So ein Typ ist er, zur Hälfte britischer Gentleman, zur Hälfte Indianer, und überraschenderweise nimmt man ihm das sofort ab.

Die Serie spielt 1814, Großbritannien führt Krieg gegen Napoleon und die Amerikaner, denen sie die Revolution noch immer nicht verziehen haben. So langsam bewegen sich Briten und Amerikaner jedoch auf einen fragilen Frieden zu, obwohl immer noch amerikanische Schiffe die Insel blockieren und ihrerseits von einer britischen Armada in Schach gehalten werden. In einer geheimen Konferenz in Genf soll über den künftigen Grenzverlauf zwischen den Vereinigten Staaten und den nördlichen Kolonien in Amerika verhandelt werden, und hier spielt James Delaney plötzlich eine wichtige Rolle.

Als Kadett wurde er auf einem Schiff der Ostindienkompanie nach Afrika geschickt, später erlitt er Schiffbruch vor den Antillen, kehrte auf den Dunklen Kontinent zurück und erwarb dort ein Vermögen in Diamanten. Aber sehr viel erfährt man über seine Vergangenheit nicht, nur Bruchstücke, Geschichten von illegalen Sklavenschiffen und Mord, Gerüchte über schwarze Magie. Delaney bleibt ein Mysterium, ein facettenreicher Mann, unter dessen hauchdünnem Firniss der Zivilisation ein schlecht verborgener Wilder steckt. Von seiner indianischen Mutter, die in einem Irrenhaus in London starb, hat er einige magische Rituale übernommen, er ist völlig skrupellos und wird von vielen als der leibhaftige Teufel angesehen.

Nach dem Tod seines Vaters, mit dem die Serie beginnt, erbt er ein Stück Land an der Pazifikküste, zu dem der Anspruch auf die Insel von Vancouver gehört. Sowohl die Briten als auch die Amerikaner wollen dieses Stück Land besitzen, denn hier ist der ideale Ort für einen Hafen, von dem aus man mit China und Asien Handel treiben kann. Und hier wird sich auch der Grenzverlauf entscheiden. Wegen dem Handel mit China ist auch die allmächtige und unendlich reiche Ostindienkompanie sehr an dem Erwerb der Bucht interessiert – und scheut vor nichts zurück, um sie zu bekommen. Delaney hat also mächtige Feinde, die ihm einen Mörder nach dem anderen auf den Hals schicken und die alle ein äußerst blutiges Ende finden, und er hat Großes vor: Er will ein Monopol auf „allen Tee Chinas“, um damit reich zu werden. Dafür muss er ein gefährliches Spiel spielen.

Der Schauplatz London ist düster und geheimnisvoll, die Serie spielt in Bordellen, in den Kontoren und Lagerhallen am Hafen, aber auch in den prachtvollen Büros der Kompanie und den eleganten Empfangszimmern des Palastes. Es geht um Mord, düstere Geheimnisse, Intrigen, Inzest, Spionage und Politik – eine durchweg spannende Mischung. Die Geschichte wird gemächlich, aber nicht zu langsam erzählt, sie enthält einige überraschende Wendungen und unverhoffte Enthüllungen und lebt vor allem von ihrer schaurigen Atmosphäre. Spätestens nach dem Piloten kann man sich dem Sog dieser Serie nicht mehr entziehen, weshalb die acht Folgen gerade mal für zwei, drei Abende reichen.

Wer düstere, spannende Historienserien mag, sollte sich Taboo nicht entgehen lassen.

 

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...