Im Herzen der See

Als Autor bemüht man sich ja, wenigstens einmal die großen Klassiker der Weltliteratur zu lesen, aber ich muss gestehen, dass mir etliche Romane auf dieser Liste fehlen. An Moby-Dick habe ich mich immerhin versucht, bin aber regelmäßig dabei eingeschlafen und habe am Ende aufgegeben. Maritime Themen liegen mir als Landratte ohnehin nicht so sehr, obwohl ich – das mal so als Tipp am Rande – Monsun von Wilbur Smith außerordentlich spannend fand.

Übrigens habe ich neulich gelesen, dass der DJ Moby seinen Namen deshalb gewählt hat, weil er der Ur-Ur-Großneffe von Herman Melville ist, aber auch das hat nichts mit dem Film zu tun …

Wer nicht lesen mag, kann ja wenigstens auf die filmischen Adaptionen zurückgreifen. Gesehen habe ich mindestens die Version von 1956 mit Gregory Peck in der Hauptrolle, aber das ist schon lange her. Zeit für ein Kino-Remake, dachte sich wohl auch Hollywood (zwei TV-Filme und eine Mini-Serie gab es Ende der Neunziger bzw. 2010), wollte gleichzeitig aber nicht dieselbe Geschichte ein weiteres Mal erzählen und verfiel dabei auf einen Kniff …

Im Herzen der See

Herman Melville (Ben Whishaw) sucht den ehemaligen Seemann Tom Nickerson (Brendan Gleeson) auf, um sich von ihm eine spektakuläre Geschichte erzählen zu lassen, die er als junger Mann (Tom Holland) erlebt hat: Anfang des 19. Jahrhunderts sticht er auf einem Walfänger in See. Kapitän Pollard (Benjamin Walker) ist unerfahren und überheblich, weil er aus einer angesehenen Familie stammt, sein Obermaat Owen Chase (Chris Hemsworth) dagegen kommt aus einer ortsfremden Familie ohne Einfluss, ist aber ehrgeizig und begabt und will selbst unbedingt Kapitän werden. Die Rivalität zwischen den Männern führt schnell zu einer Katastrophe, aber um möglichst hohen Profit zu machen, müssen sie zusammenarbeiten. Ein Jahr später hören sie von einem abgelegenen Gebiet voller Wale, die ideale Gelegenheit, ihre Reise erfolgreich zu beenden, doch es ist auch von einem Dämon die Rede, einem weißen Wal, der die anderen beschützt …

Anstatt ein weiteres Mal Moby-Dick auf die Leinwand zu bringen, entschieden sich die Produzenten, die weniger bekannte Story des Schiffes Essex zu erzählen, das 1820 von einem Wal versenkt wurde. Dabei handelte es sich allerdings nicht um den legendären weißen Wal, den Melville verewigt hat, und ein Dämon der See war es wohl auch nicht, sondern ein ordinärer Pottwal, der einen guten Treffer gelandet hat. Angesichts der Grausamkeit des Walfangs hält sich das Mitleid für die Schiffbrüchigen in Grenzen. Aber das ist die pazifistische Sicht unserer Zeit.

Auch diesem Film liegt ein Roman zugrunde, diesmal von Nathaniel Philbrick, der sich an den Aufzeichnungen von Owen Chase orientiert hat, die dieser ein Jahr nach dem Ereignis veröffentlichte. Auch Melville kannte sie, traf er sich sowohl mit dessen Sohn als auch mit Kapitän Pollard und verarbeitete ihre Erlebnisse und seine eigenen Erfahrungen auf einem Walfänger zu seinem Meisterwerk. Im Film wird Melville jedoch selbst zum Protagonisten, zu einem leidenschaftlichen Autor, der einer guten Geschichte nachjagt wie sein Ahab dem weißen Wal. Das ist clever ausgedacht und von Ben Whishaw gut gespielt.

Die Reise der Essex ist natürlich spektakulärer in Szene gesetzt und spart nicht mit wilden Stürmen und einer blutigen Jagd auf die sanften Riesen der Meere. An Bord gibt es ebenfalls einige Konflikte auszutragen, die eine gesellschaftspolitische Dimension besitzen, die immer noch aktuell ist. Auch heute haben es Außenseiter schwer, sich in einer Gesellschaft zu etablieren.

Die erste Hälfte des Films ist ungemein spannend und abwechslungsreich erzählt und erreicht ihren Höhepunkt mit dem Versenken des Schiffes. Danach dreht sich die Geschichte nur noch um den verzweifelten Kampf der Schiffbrüchigen ums Überleben. Nicht alle Männer schaffen es nach Hause, und was auf dem Meer geschieht, sollte die Überlebenden bis zu ihrem Tod verfolgen. Psychologisch gesehen ist dies eine stimmige, nicht unspannende Geschichte, filmisch gibt sie leider nicht so viel her.

Insgesamt ein unterhaltsamer, gut gemachter Film, dessen zweite Hälfte leider an Tempo und Dynamik zu wünschen übrig lässt.

Note: 3

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Über Pi Jay

Eher ein Mann des geschriebenen Wortes, der mit fünfzehn Jahren unbedingt eines werden wollte: Romanautor. Statt dessen arbeitete er einige Zeit bei einer Tageszeitung, bekam eine wöchentliche Serie - und suchte sich nach zwei Jahren einen neuen Job. Nach Umwegen in einem Kaltwalzwerk und dem Öffentlichen Dienst bewarb er sich erfolgreich bei der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Er drehte selbst einige Kurzfilme und schrieb die Bücher für ein halbes Dutzend weitere. Seit 1999 arbeitet er als freier Autor, Lektor und Dramaturg und inzwischen auch als Romanautor...